Heidelberg-Wieblingen: Das Geheimnis des alten Chors

Solch ein Gewölbe
in einem Bauerndorf?

Startete man eine Umfrage nach den geheimnisvollsten Orten Heidelbergs, auf Wieblingen käme niemand. Dabei verbirgt sich im Park des Thadden-Gymnasiums zwischen hohen Bäumen und verwittertem Sandstein ein gotisches Kirchlein voller Rätsel.

Wie kommt ein Kreuzrippengewölbe von solcher Eleganz in ein Bauerndorf? Was bedeuten die mysteriösen Schlusssteine? Was all die Fratzengesichter? Und für wen war die Krypta bestimmt? Viele Fragen. Zeit für einen Schulbesuch.

Wieblingen muss einst ein Paradies gewesen sein. Im Neckar sprangen Fische, auf der Insel klapperte die Mühle, die Ebene lieferte Getreide im Überfluss. Kein Wunder, dass sich im Boden Spuren aller Epochen finden. Bandkeramiker, Römer, Franken. Sie gaben dem Ort seinen Namen und bauten ein erstes Kirchlein. Im 8. Jahrhundert. Nur Handschuhsheim war früher.

Die Strebepfeiler erinnern
an die Heiliggeistkirche

Könnte Kurfürst Friedrich der Siegreiche die Kapelle in Auftrag gegeben haben?

Die heutige Kapelle wacht seit dem 15. Jahrhundert über Wieblingen. Sie ist eine ausgesuchte Schönheit. Das zarte Deckengemälde zeigt Christus als Weltenrichter zwischen Himmelsblumen und Evangelisten. Die Kreuzrippen und die Strebepfeiler sind mit denen der Heiliggeistkirche vergleichbar. Fast als habe sie derselbe Meister geschaffen. Doch in wessen Auftrag? In Wieblingen lebten nur Bauern. Solch ein Gotteshaus hätten sie sich nie leisten können.

Lehnsherr war der Kurfürst im Heidelberger Schloss. Ab 1449 regierte hier Friedrich „der Siegreiche“, stellvertretend für seinen minderjährigen Neffen. Friedrich hat seine Sache sehr gut gemacht, finden die Historiker. Sie feiern ihn als erfolgreichsten pfälzischen Wittelsbacher. Einzig sein Familienstand war ein Problem. Um das Erbe seines Neffen zu sichern, musste Friedrich ledig bleiben. Seine große Liebe Clara und seine Söhne holte er trotzdem zu sich ins Schloss. Ohne Erbanspruch. Könnte Friedrich die Wieblinger Kapelle in Auftrag gegeben haben? Als Grablege für seine kleine „Familie“?

1556 verschwanden die Deckengemälde unter Putz. Erst 1910 hat man sie wiederentdeckt.

Rätselhafte
Schlusssteine

Das würde die Qualität erklären. Und die drei Hohlräume in der Krypta. Und vielleicht auch einen der rätselhaften Schlussteine: Die flammende Sonne. „Clara“ ist lateinisch und heißt „die Strahlende“. Alles nur Gedankenspiele. Nichts davon bewiesen.

1556 wurde die Wieblinger Kapelle calvinistisch. Das Deckengemälde verschwand unter Putz. Erst 1910 hat man die zarten Bilder wiederentdeckt. Beim Abriss des Langhauses. Seit es die Kreuzkirche gab, wurde die Kapelle für Gemeindegottesdienste nicht mehr gebraucht.

In der Krypta der Kapelle ruhen heute die Verstorbenen der Familie Von La Roche. Im 18. Jahrhundert haben sie das barocke Wieblinger „Schloss“ geerbt. Viel Zeit haben die Barone allerdings nicht am Neckar verbracht. 1885 übersiedelten sie nach Karlsruhe. Auf Wunsch der dortigen Großherzogin.

Der Turmaufsatz stammt
aus dem Klassizismus

Elisabeth von Thadden gründete 1927 ein „Evangelisches Landerziehungsheim für Mädchen“

1927 kam wieder eine junge Adlige nach Wieblingen. Diesmal aus Ostpreußen. Elisabeth von Thadden wollte ein „Evangelisches Landerziehungsheim für Mädchen“ gründen. Das „Schloss“ gefiel ihr sofort. Schon wegen der Kapelle. 14 Jahre lang haben ihre Schülerinnen dort täglich die Andacht gebetet. Dann kam der Ungeist über Deutschland. Die Schule wurde geschlossen, Elisabeth von Thadden verhaftet und 1944 in Berlin hingerichtet. Heute ruht sie neben ihrer Kapelle.

Das gotische Kirchlein gehört inzwischen ebenso wie das Thadden-Gymnasium der Badischen Landeskirche. 1959 hat sich die Barone von La Roche von ihren Ländereien getrennt. Zuvor jedoch haben sie sich noch in der Kapelle verewigt. In einem modernen Chorfenster schwebt ein Spruchband: „Dieu est ma roche“ – „Gott ist mein Fels.“ Ein Vers aus Psalm 18.

Kirchenfakten
Name: St. Valentin und St. Bartholomäus
Adresse:
Klostergasse 2-4, 69123 Heidelberg
Konfession:
evangelisch
Baujahr:
um 1410
Baustil:
gotisch
Kunstschätze:

– gotischer Chor mit Malereien aus dem frühen
16. Jahrhundert im Rippengewölbe
– Weihwasserbecken von 1493
– gotische „Fratzen“ und „Neidköpfe“ in Sakristei und Chor
– kleines „Museum“ mit antiken Bodenfunden in der Sakristei
– klassizistischer Turmhelm mit Uhr
– moderne Künstlerfenster von Markus von Gosen (1955)
Öffnungszeiten:

Die Kapelle kann nur als Führung besichtigt werden.
Kontakt:
Stadtteilverein Wieblingen e.V.
Mannheimer Straße 259
69123 Heidelberg
Telefon:
06221-836995 oder Walter Petschan: 06221-833464
E-Mail:
www.facebook.com/stadtteilvereinwieblingen
Internet:
www.stadtteilverein-wieblingen.de
oder www.elisabeth-von-thadden-schule.de

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