Hockenheim: Wie ein Märchen aus tausendundeiner Nacht

St. Georg ist ein
Jugendstil-Meisterwerk

Es hat eine Zeit gegeben, da sprühte die Welt geradezu vor Erfindergeist. Flugzeuge überquerten erstmals den Ärmelkanal, Paris baute sich eine Métro, die Eisenbahn eroberte fernste Länder. Der Rausch der Moderne. Das Wasser kam plötzlich aus dem Hahn, Aufzüge ruckelten zum obersten Stockwerk empor. Und in Hockenheim entstand eine der spektakulärsten Kirchen Badens.

St. Georg ist ein Meisterwerk des Jugendstils. Monumental und filigran zugleich. Mit phantastischem Tonnengewölbe, viel Gold und märchenhaften Wandmalereien. Eine Kirche wie eine Kunstgalerie. Man kann sich nicht satt sehen an ihr.

Eine der besterhaltendsten Jugendstilkirchen Deutschlands

Die Rheinebene. Uraltes Agrarland, fruchtbar und endlos. Bis die Bahntrassen und die Autobahn ihre Weite zerstört haben. Hockenheim verdankt seinen Wohlstand dem Tabak. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts zählte die Stadt mehr als 200 Betriebe, die das kostbare Kraut anbauten.

Ein Kirchenschiff, so groß
wie ein Bahnhof

Der Tabak wurde auch vor Ort verarbeitet. In den 28 Hockenheimer Zigarrenfabriken, die mehr als 2200 Arbeiter beschäftigten. Eine prosperierende Gemeinde. Die sich etwas leisten konnte. Und wollte. Die neue Technik kam da gerade richtig.

1911 feierte Hockenheim die Fertigstellung des städtischen Gaswerks und der öffentlichen Wasserversorgung. Der Wasserturm mit seiner grünen Kupferkuppel glänzte schon im „Jugendstil“. Wie auch die evangelische Kirche und ihr Pfarrhaus, 1907 eingeweiht. Später sollten noch die Pestalozzi-Schule, eine Zigarrenfabrik und etliche Privathäuser folgen. Alles „Art nouveau“. Die Krönung jedoch war die katholische Pfarrkirche St. Georg, geweiht am 15. Oktober 1911. Sie gilt heute eine der am besten erhaltenen Jugendstilkirchen Deutschlands.

Überall geschwungene Linien, Mosaike, fließende Formen, Traumbilder.

St. Georg kann man nicht verfehlen. 64 Meter ragt ihr Turm zum Himmel hinauf. Die Fassade ist so monumental wie verspielt, die schmiedeeisernen Portale wiegen schwer. Innen steht man und staunt. Das Kirchenschiff ist so groß wie ein Bahnhof. Es umspannt 3300 Quadratmeter Fläche. Doch zugleich wirkt St. Georg auch verspielt und verträumt wie ein Erzählung aus tausendundeiner Nacht.

Ätherische Frauengestalten schmücken geheimnisvolle Kapellen

Überall geschwungene Linien, Mosaike, fließende Formen, florale Elemente. Dazu ätherische Frauengestalten mit hellem Teint, zarten Gewändern und wallendem Haar. Es gibt geheimnisvolle Kapellen und Nischen. Blüten, Blätter, Tiere. Apostel, Engel, Heilige. Traumbilder. Visionen aus der Sphäre ewigen Friedens. Drei Jahre später begann der Erste Weltkrieg.

Statt teurem Granit orderte der Architekt eingefärbte Ziegelsteine

Johannes Schroth, der Leiter des Erzbischöflichen Bauamts in Karlsruhe, hat St. Georg entworfen und gebaut. So kostengünstig wie das bei dieser Größe überhaupt möglich ist. Das grandiose Gewölbe ist eine moderne Stahlkonstruktion. Den teuren grauen Granit verwendete man jedoch nur für die tragenden Pfeiler und Wände. Alles andere ist Ziegelstein. Durch „imitierende Malerei“ eingefärbt wie Granit, Marmor oder Alabaster. Eine aufwändige Angelegenheit. Allein um die Farbe des Granit nachzuahmen, benötige man fünf Malgänge in verschiedenen Farben.

2012 wurde die Kirche
detailverliebt restauriert

Doch dann entdeckt man plötzlich auch sehr teure Details. Unterhalb der Fenster in den Obergaden beispielsweise glitzern Würfelbordüren. Aus schwarzem Onyx und Blattgold. Und der Triumphbogen über dem Eingang zum Chor ist eine echte Sensation.

Ein Denkmal von „besonderer Bedeutung“

Seit 1975 trägt St. Georg das Siegel „Denkmal von besonderer Bedeutung“. Ab 2012 wurde die Kirche detailverliebt restauriert. Sechs Jahre lang. Dabei erhielt sie auch einen Zelebrationsaltar. In schlichtem Weiß. Der sprühenden Schönheit des Jugendstils hat die Moderne nichts entgegenzusetzen.

Kirchenfakten
Name: St. Georg
Adresse:
Obere Hauptstr. 1, 68766 Hockenheim
Konfession:
katholisch
Baujahr:
1911
Baustil:
Jugendstil
Kunstschätze:

– Reliefplastik des heiligen Georg von Hermann Taglang über dem Haupteingang
– Große Künstlerfenster von Adolf Schell und Otto Vittali (Passion)
– Deckengemälde „Apokalyptisches Lamm“ von Augustin Kolb (1910)
– Trinitätsfresco mit Engelchören auf der Altarrückwand von Otto Rünzi (1911)
– Chorbogenfresco von Josef Wagenbrenner (1922)
– Apostelfiguren von Emil Sutor (1936)
– Zelebrationsaltar von Frido Lehr (2006)
Öffnungszeiten:

tagsüber geöffnet
Kontakt:
Pfarrbüro Hockenheim, Obere Hauptstraße 1, 69766 Hockenheim
Telefon:
06205-94190
E-Mail:
iris.nowak@seelsorgeeinheit-hockenheim.de
Internet:
www.seelsorgeeinheit-hockenheim.de

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