Handschuhsheim: Requiem für den letzten Ritter

St. Vitus ist die älteste
Kirche Heidelbergs

Es ist höchste Zeit, dass diese Story mal jemand verfilmt. Der Erfolg ist garantiert. Denn die Geschichte der Herren von Handschuhsheim hat alles, was ein Blockbuster braucht: Freundschaft, Liebe, Tod, Hexerei und Grusel. Ein Ritter wurde sogar lebendig in der Tiefburg eingemauert.

Bei der Besetzung der Hauptrollen kann man sich an den Originalen orientieren. Sie stehen lebensgroß in Stein gehauen in der katholischen Kirche von Handschuhsheim. St. Vitus ist das älteste Gotteshaus Heidelbergs. Schon im achten Jahrhundert wurde hier gebetet. Die Aura des Mittelalters umweht die Kirche bis heute. Niemand würde sich wundern, wenn plötzlich ein Ritter im Harnisch aus der Tür träte.

Die Mutter verfluchte den „Mörder“ ihres Sohnes. Der Fluch hat funktioniert.

… und die traditionelle Grablege
der Ritter von der Tiefburg

Es war die Silvesternacht des Jahres 1600. Hans von Handschuhsheim und Friedrich von Hirschhorn, 16 und 18 Jahre alt, wollten das neue Jahr am Heidelberger Markt begrüßen. Das Bier floss, ein Wort gab das andere, plötzlich standen sich die Vettern mit gezückten Degen gegenüber. Hans griff an, Fritz parierte, die Klinge durchstieß den Oberschenkel, wenige Stunden später war der einzige Erbe des Hauses von Handschuhsheim tot.

Beim Requiem in St. Vitus verfluchte Amalie von Handschuhsheim den „Mörder“ ihres Sohnes. Im Angesicht Gottes und des Kurfürsten. Der Fluch hat funktioniert: Alle Kinder des Friedrich von Hirschhorn sind früh gestorben.

Der Altar steht jetzt im Norden. Der ehemalige Chor wurde zur Seitenkapelle.

Adolf Schmitthenner, der Pfarrer der Heidelberger Heiliggeistkirche, hat aus der Tragödie einen Roman gemacht. 1908. „Das deutsche Herz“ entführt ins geheimnisvolle Halbdunkel des Mittelalters. Als die Welt noch voll Wunder und der Himmel offen war. Diese magische Wirkung besitzt auch der alte Chor von St. Vitus. Bunte Fenster hüllen den Raum in diffuses Licht. Die Grenze zwischen Vergangenheit und Gegenwart verschwimmt. Die Epitaphien scheinen lebendig zu werden. Und vom Chorbogen schwebt der Heiland herab …

1933 hat man den Kirchenraum „gedreht“.
Der Altar steht jetzt im Norden.

Um 1200 wurde St. Vitus zur Basilika. Mit drei Schiffen. Man braucht heute etwas Phantasie, um sich das vorzustellen. 1933 nämlich hat man den Kirchenraum „gedreht“. Der Altar steht jetzt im Norden, der ehemalige Chor ist die Seitenkapelle. Und die jetzige Eingangshalle war früher das südliche Seitenschiff. Seine romanischen Arkaden sind noch erhalten. Ebenso wie ein Teil der Fresken. Vor allem die Heiligen in den Fensternischen lohnen sehr.

Das Nordschiff der Basilika verschwand 1483. Dieter V. lenkte damals die Geschicke von Handschuhsheim. Er war der mächtigste Ritter seines Geschlechts. Und der reichste. Die Tiefburg und St. Vitus wurden im Stil der Spätgotik renoviert. Für sein Seelenheil stiftete Dieter für den Augustiner-Chorfrauen ein Kloster, das er praktischerweise direkt an den Kirchturm anbauen ließ. Die Pforte erahnt man noch im Mauerwerk. Das Seitenschiff fiel. Dafür kam ein Nonnenchor. Heute steht auf ihm die Orgel.

Hinreißendes Zeugnis einer großen Liebe. Und eines der wertvollsten Kunstwerke Nordbadens.

Wertvoll: Das Epitaph der Margarethe
von Handschuhsheim und ihres Gatten

Fehlt noch der Edelstein von St. Vitus. Er steht gut versteckt Südkapellchen. Das Epitaph der Margarethe von Handschuhsheim und ihres Gatten Hans ist nicht nur ein hinreißendes Zeugnis einer großen Liebe.

Es ist auch eines der wertvollsten Kunstwerke Nordbadens. Feinziseliert, hauchzart, lebensecht und mit einer Prise Humor blicken die Eheleute einander an. Jeder Dom wäre stolz, ein Werk von solcher Schönheit zu besitzen.

Am Ende des Romans von Adolf Schmitthenner steht Friedrich von Hirschhorn allein im Chor von St. Vitus. Ein alter Mann. Er schaut hinauf „zu dem steinernen Jüngling in das von Locken umwallte, schwermütig gesenkte Angesicht“. Dann sagt er leise: „Der einzige Hirschhorn grüßt den letzten Handschuhsheim“.

Name: St. Vitus
Adresse: Steubenstraße, 69121 Heidelberg
Konfession: katholisch
Baujahr: 1200 / 1483 / 1933 / 1960 / 2017
Baustil: romanisch / gotisch / Moderne
Kunstschätze:
– Doppelgrabmal für Hans von Ingelheim und seiner Frau Margareth (1519), geschaffen wahrscheinlich von Meister Lienhard Seyffer (Spätgotik/Renaissance)
– Monumentale Renaissance-Epitaphien der Edelleute von Handschuhsheim
– Zahlreiche mittelalterliche Epitaphien und Grabsteine im Alten Chor und an der Außenmauer
– Gotische Wandmalereien im Eingangsbereich (um 1400)
gotische Sakramentsnische
– Barocke Sonnenuhr an der Außenmauer
– Barockmadonna im Alten Chor
– Barockepitaphien um 1720
– Modernes Missionskreuz am Eingang zum Alten Chor
– Moderne Kirchenfenster von Valentin Feuerstein (1964)
– Expressiver Kreuzweg von Karl Rißler (1960)
– Modernes Retabeltriptychon von Udo Körner (2017) im Altarraum
– Orgel der Firma Vleugels (1980)
Öffnungszeiten: tagsüber geöffnet
Kontakt: Pfarrbüro St. Vitus, Pfarrgasse 5, 69121 Heidelberg
Telefon: 06221-4352-500
E-Mail: st.vitus@kath-hd.de
Internet: www.stadtkirche-heidelberg.de

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