Neckarsteinach: Der Weltstar aus dem Neckartal

Mit David-Kopf: Ulrich V.
Landschad von Steinach

Er muss so etwas wie ein Popstar gewesen sein. Cool, charmant, poetisch. Mit blondem Schopf und toller Stimme. Dazu noch dieser Name: Bligger. Da konnte ja nichts schiefgehen. Die Manessische Liederhandschrift zählt Bligger zu den bedeutendsten Minnesängern des Mittelalters.

Zuhause in Neckarsteinach ist er bis heute allgegenwärtig. Die Stadt trägt Bliggers Harfe im Wappen. Alle ihre vier Burgen wurden von seiner Familie erbaut. Selbst die traumhafte spätgotische Kirche ließ ein Bligger errichten. Der vierzehnte von insgesamt 22. Erstaunliche Epitaphien zieren das evangelische Gotteshaus. Es wimmelt von seltsamen Gestalten und Fabelwesen. Ein Ausflug ins Mittelalter.

Die Schneeschmelze verwandelte den ungezähmten Neckar in ein tosendes Ungeheuer

Der Frühling ist die Zeit der Hoffnung. Für Neckarsteinach war er jahrhundertelang der Alptraum. Die Schneeschmelze nämlich verwandelte den noch ungezähmten Neckar in ein tosendes Ungeheuer. Alle paar Jahre riss er das Dorf gnadenlos hinweg. Mit Haus und Vieh, Werkstatt und Schiffen.

Die spätgotische Kirche
wurde 1483 erbaut

Bligger I. von Steinach baute seine Burg deshalb auf halber Höhe. Am Riegelsberg. So genannt, weil er sich wie ein Riegel zwischen Steinach und Neckar schiebt. Der Berg gab aber auch Rückendeckung und Überblick.

1142 die große Chance: Der Bischof von Worms bat Bligger, ihm die Felder auf der „Schönen Au“ zu überlassen. Für ein Zisterzienserkloster. Der Steinacher zögerte keine Sekunde, obwohl er seine besten Äcker verlor. Des Bischofs Wohlwollen würde auf Dauer mehr einbringen. Diesem Prinzip sind die Herren von Steinach treu geblieben.

Auf den Köpfen der Steinacher Ritter schwebte fortan das Haupt des König David

Bligger II., der Minnesänger, begleitete die Kaiser Barbarossa und Heinrich VI. nach Italien. „Seine Rede war so anmutig, als hätten vornehme Frauen sie gewebt“, staunte Gottfried von Straßburg. Für Steinach entwarf Bligger II. das Harfenwappen. Für seine Familie die Helmzier: Auf den Köpfen der Steinacher Ritter schwebte fortan das Haupt des König David, des biblischen Sängers.

Die Fenster sind eine Homage
an den Heidelberger Hof

Und vielleicht hat Bligger II. ja auch den Titel erfunden, den all seine Nachkommen ihrem Namen voranstellten: „Landschad“. Niemand weiß, was das bedeutet. Aber es klingt wichtig.

Blicker ruht direkt hinter dem Altar. Auferstehungstechnisch die beste Lage

Ab 1353 etablierten sich die Landschaden von Steinach als feste Institution am Hof der Heidelberger Kurfürsten. Obwohl sie stets Lehnsherren des Erbistums Mainz blieben. Deshalb ist Neckarsteinach heute hessisch.

Blicker XIV. ersetzte das dumpfe „g“ durch ein zackiges „ck“. Damit brachte er es zum Hofmeister. Das war der oberste Beamte und engste Vertraute des Kurfürsten. Das romanische Kapellchen an der Steinach ersetzte Blicker XIV. 1483 durch eine elegante spätgotische Kirche. Mit prächtigem Turm und sensationellem Chor. Blicker selbst war der erste, der hier zur ewigen Ruhe gebettet wurde. Direkt hinter dem Altar. Auferstehungstechnisch die beste Lage.

Kunstvoller Barock
trift kunstvolle Gotik

Hans III. erlebte Luther live in Heidelberg. Darauf führte er sofort die Reformation ein

Das Jahr 1518. Wie sein Vater diente auch Hans III. von Steinach als Hofrat beim Kurfürsten. Wo er fast noch angesehener war als Blicker. Bis zum 26. April jedenfalls. An diesem Tag stellte Martin Luther in Heidelberg seine neue Theologie vor. Hans von Steinach war tief beeindruckt. 1522 führte er in Neckarsteinach die lutherische Reformation ein. Und er versuchte sogar, den Kurfürsten für den neuen Glauben zu gewinnen. Vergebens.

Die Begeisterung von Hans III. konnte diese Absage nicht trüben. Sein Enkel fasste später das Leben des Reformators in Reime. In Stein gemeiselt hängen sie heute an der Nordwand der Kirche. Inmitten vieler Ritter, die ein abgetrenntes Haupt unterm Arm tragen. Wer ahnt schon, dass das der Steinacher Helm ist. Mit König David als Zier.

Name: Evangelische Kirche Neckarsteinach
Adresse: Kirchenstraße 10, 69239 Neckarsteinach
Konfession: evangelisch
Baujahr: 1483 (1777 erweitert)
Baustil: Spätgotik
Kunstschätze:
– eindrucksvolle Ritter-Grabmale aus der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts
– Grabmal des Landschad Blicker XIV. von Steinach und Gattin Mia von Helmstadt (15. Jahrhundert)
– zahlreichen Epitaphien aus dem 16. Jahrhundert. Darunter der gereimte Text über das Leben Landschads Hans III, des Reformators
– Replik der Fenstermotive von 1483 (Originale im Hessischen Landesmuseum Darmstadt)
– Mysteriöse Sandsteinstele von 1534 vor der Kirche
– frühbarocke Kanzel von 1682
– Moderne Glasfenster im Chor von Hans-Joachim Burgert (1958)
Literatur: Elisabeth Hinz: Neckarsteinach in Vergangenheit und Gegenwart. Heimat- und Verkehrsverein 2005
Öffnungszeiten: tagsüber geöffnet
Kontakt: Evangelische Kirchengemeinde Neckarsteinach, Am Leiersberg 7, 69239 Neckarsteinach
Telefon: 06272-2225
E-Mail: kirchengemeinde.neckarsteinach@ekhn.de
Internet: www.ev-kirche-neckarsteinach.de

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