Heidelberg: Plötzlich Avantgarde

Die Heidelberger Peterskirche eint Mittelalter und moderne Kunst

Zur Mittagszeit, wenn die Sonne direkt aufs Fenster scheint, flutet eine Orgie goldenen Lichts die Heidelberger Peterskirche. Tritt man näher, so registriert man Pfeile inmitten des Strahlens. Sie zielen auf ein Quadrat aus reinem Weiß. Die Symbolfarbe Gottes.

„Das Himmlische Jerusalem“ ist eines von neun Fenstern, die der Glaskünstler Johannes Schreiter geschaffen hat. Sie machen aus der evangelischen Universitätskirche ein Gesamtkunstwerk. Die späte Rehabilitation eines Gotteshauses, das stets ein wenig abseits stand. Obwohl es älter ist als die Stadt selbst.

Heidelberg war kaum gegründet, da war die Peterskirche schon Geschichte

Schreiters „Himmlisches Jerusalem“

Die Geschichte Heidelbergs begann am Klingenteichbach, der munter von der Molkenkur zum Neckar eilt. Gegen Ende des 11. Jahrhunderts siedelte hier ein hübsches Häufchen Bauern. Ihre Toten begruben sie bei einem Kirchlein, das sie „St. Peter“ getauft hatte. 1196 wird die Kirche erstmals in einer Urkunde erwähnt. Ihr Standort: „Heidelberch“.

Dreißig Jahre später war die Siedlung schon Geschichte. Die neuen Pfalzgrafen hatten am Ufer des Neckars eine Planstadt aus dem Boden gestampft, fest umschlossen von Stadtmauer und Graben. Nur St. Peter blieb draußen vor den Mauern Heidelbergs. Als sich ab 1400 auch noch die federleichte Heiliggeistkirche über den Marktplatz erhob, war die große Zeit Peterskirche endgültig vorbei.

Doch die abseitige Lage hatte auch Vorteile. Bei der Zerstörung der Stadt 1693 kam die Peterskirche glimpflich davon. Nur Turm und Langhaus fielen. Der spätgotische Chor mit dem schönen Rippengewölbe steht bis zur Stund. Wie durch ein Wunder entgingen auch die Spätrenaissance-Grabmale dem Inferno. 90 kostbare Epitaphien schmücken heute den Innenraum der Kirche.

Der Bau der Eisenbahn ließ die Peterskirche optisch versinken

1963 stülpte man einen Kupferhelm über den neugotischen Turm

1844 baute sich Heidelberg einen neuen Bergfriedhof weit draußen im Westen. Die Peterskirche sollte abgerissen werden, doch dann kam die Eisenbahn. Für ein nettes Sümmchen erwarb sie den ehemaligen Friedhof, planierten ihn und legte Gleise hindurch. Die Peterskirche wirkt seitdem wie versunken, aber sie lebt. Vom Geld der Bahn wurde die Kirche saniert und der Universität übergeben. 1896 begann erstmals das Semester mit einem Gottesdienst in der evangelischen Universitätskirche.

Sie war nicht wiederzuerkennen. Oberbaurat Franck-Marperger hatte die schlichte Kirche neugotisch „neugeschöpft“. Die Peterskirche besaß nun drei Schiffe, ein Gewölbe und eine riesige Empore auf einem Wald aus Säulen. Der Turm erinnerte an das Freiburger Münster. 1963 hatte man genug vom Zuckerbäckerwerk. Sämtliche Verzierungen wurden abgeklopft und über den Turm eine Kupferkappe gestülpt. Seit 2005 präsentiert sich die Peterskirche hell, klar und modern. Mittelalterliche Grabsteine neben Prinzipalien aus rostbraunem Stahl und Gold.

Zur Mittagszeit flutet das Paradies die Kirche mit goldenem Licht

„Auferstehung“ und „Vertreibung“ schmücken die Universitätskapelle

Am 16. Februar 2005 verlieh die Universität Heidelberg die Ehrendoktorwürde an den Glaskünstler Johannes Schreiter aus Langen bei Frankfurt. Man zeigte ihm stolz die frischrenovierte Peterskirche, da lag die Idee wie von selbst in der Luft. Schreiter würde Fenster für die neugotische Kirche entwerfen. Neun sind es schließlich geworden. Ein kompletter Zyklus. Die Peterskirche war plötzlich Avantgarde.

Johannes Schreiter ist Minimalist. Den Mensch reduziert er auf zwei ausgestreckte Arme, die wie Klammern aussehen. Wenn sich zwei Klammern berühren, formen sie ein Kreuz: „Begegnung“. Wie ein Vulkan explodiert das Göttliche Weiß: „Auferstehung“. Als kraftvoller roter Pfeil strömt Gottes Geist zur Erde: „Pfingsten“. Und zur Mittagszeit flutet das Paradies die Peterskirche mit goldenem Licht. Heidelberg, eine Stadt des Südens.

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