Heidelberg: Die Schwerelosigkeit der Steine

Die Heiliggeistkirche ist Gotik in Perfektion.

Wer an einem hellen Vormittag die Heiliggeistkirche am Heidelberger Marktplatz betritt, spürt den Sog, der vom Chor ausgeht. Dort will man hin. Sich einhüllen lassen in das Licht, das durch die zwölf hohen Fenster strömt. Heiliggeist ist Gotik in Perfektion. Ein Gewölbe, das auf zarten Säulen ruht. Wände, die sich in Farben auflösen. Drei Schiffe, die schwerelos hinaufschweben zum Himmel.

Nur die Proportionen im Langhaus stimmen nicht. Die Emporen an den Seiten sind so mächtig, dass sie das Mittelschiff zu einem Schlauch zusammendrücken. Für uns heute macht diese Massivität keinen Sinn. Im Mittelalter stand dort oben die „Bibliotheca palatina“, die größte Bibliothek der Welt.

 … und plötzlich war das Heidelberg der Nabel der Welt

Im 15. und 16. Jahrhundert war Heidelberg das intellektuelle Zentrum Europas.

Heidelberg war eine späte Geburt. Obwohl schon die Römer hier eine stabile Brücke über den Neckar gebaut hatten, wurde die Stadt erst um 1200 gegründet. 1386 beschloss Kurfürst Ruprecht I. seiner Residenz mehr Glanz zu verleihen: Er gründete die älteste Universität Deutschlands.

Ruprecht III. setzte noch eins drauf und ließ sich 1400 zum deutschen König wählen. Heidelberg war plötzlich der Nabel der Welt. Die Burg verwandelte sich in ein Schloss, die Heilig-Geist-Kapelle am Marktplatz in eine hohe gotische Kirche. Sie war Mittelpunkt der Residenz und Grablege der Kurfürsten zugleich. 1410 wurde Ruprecht III. neben seiner Gattin hier bestattet.

Ihr Sohn Ludwig III. liebte Bücher. Weshalb er das Langhaus von Heiliggeist als Bibliothek konzipierte. Ein verwegener Einfall, weltweit einzigartig.

Kurfürst Ruprecht III. war der einzige König aus Heidelberg.

Die Pflege der „Mutter aller Bibliotheken“ übertrug Ludwig zwölf geistlichen Stiftsherren an Heiliggeist, die auch an der Universität lehrten. Heidelberg avancierte nun rasch zu einem der intellektuellen Zentren Europas.

Kunstwerke und Altäre – zertrümmert, zerstört, verweht

Nur mit der Reformation fremdelte man. Zwar war Martin Luther schon am 26. April 1518 zu Fuß nach Heidelberg gelaufen, um seine Theologie vorzustellen. Doch der Funke wollte nicht überspringen. Erst 1559 kam die Reformation an den Neckar. In ihrer radikalsten Form. Kurfürst Friedrich III. war Calvinist und Bilderstürmer. Heiliggeist wurde komplett leergeräumt. Kunstwerke und Altäre, Kelche und Leuchter – zertrümmert, zerstört, verweht. Nichts ist je zurückgekehrt.

Und es sollte noch schlimmer kommen. 1623 im Dreißigjährigen Krieg raubten die Truppen des katholischen Kurfürsten von Bayern die Bibliotheca Palatina und brachten sie als Kriegsbeute in den Vatikan. Hier stehen die 2893 Handschriften bis heute. Immerhin verfügt die Heidelberger Universitätsbibliothek seit Februar 2018 zumindest wieder über eine virtuelle Version der Bibliotheca Palatina. Wissenschaftler haben alle Handschriften eingescannt.

Auf den Emporen stand die größte Bibliothek der Welt.

Erst nach 230 Jahren kehrte das Licht nach Heiliggeist zurück

1693 brannte die Truppen des französischen Königs Ludwig XIV. Heidelberg nieder. Nur zwei Gebäude entkamen dem Inferno: Das „Haus zum Ritter“ und die Heiliggeistkirche. Sie büßte lediglich ihren Dachstuhl ein und trägt seither ein barockes Mansardendach.

Im 18. Jahrhundert schließlich kehrte der Katholizismus nach Heidelberg zurück. Mit ihm kam der Barock. An jeder Ecke lächelte nun eine Madonna, und die Heiliggeistkirche teilte eine raumhohe Mauer. Im hellen Chor feierten die Katholiken ihre Messen, im düsteren Langhaus beteten die Protestanten. 230 Jahre lang. Erst an Johanni 1936 flutete das Licht wieder durch die ganze Heiliggeistkirche.

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