Heidelberg: Avantgarde im Kirchenfenster

Die „Auferstehung“ von Johannes Schreiter

Die Meldung war der Aufreger des Jahres 1986: Heidelberg lehnt die zwölf Entwürfe von Johannes Schreiter für die Fenster Heiliggeistkirche ab. Zu provokant und zu intellektuell. Die Republik stand sprachlos vor so viel Provinzialität. Doch das ist lange her. Inzwischen erstrahlen sogar zwei Heidelberger Kirchen im Licht der Fenster von Johannes Schreiter. Ein Spaziergang durch die Altstadt auf den Spuren avantgardistischer Glaskunst.

Wer an einem hellen Vormittag die Heiliggeistkirche am Heidelberger Marktplatz betritt, spürt den Sog, der vom sonnendurchfluteten Chor ausgeht. Dort will man hin. Sich einhüllen lassen in das Licht, das durch die elf hohen Maßwerkfenster strömt. Gotik in Perfektion. Genau der richtige Rahmen für den Beginn unseres Avantgarde-Spaziergangs durch die Heidelberger Altstadt.

Station 1: Die Heiliggeistkirche am Marktplatz

Die Schiffe von Heiliggeist wirken so luftig, als könnten sie zum Himmel schweben

Heiliggeist ist ein federleichtes Gotteshaus. Die drei hohen Schiffe wirken so luftig, als könnten sie jeden Moment zum Himmel hinauf schweben. Nur die Proportionen der Kirche  verwirren: Die beiden mächtigen Längsemporen scheinen zu breit geraten im Vergleich zum schmalen Mittelschiff.

Heute, da die Emporen leer stehen, findet man auch nach langem Nachdenken keine Erklärung für diese architektonische Merkwürdigkeit. Die Menschen im 16. Jahrhundert hingegen mussten nur den Blick erheben, dann sahen sie oben auf den Emporen von Heiliggeist die „Bibliotheca Palatina“ stehen, größte Bibliothek der Welt. Kurfürst Ludwig III. war 1410 auf die Idee verfallen, die Bibliothek der gerade gegründeten Heidelberger Universität in die neue Marktplatzkirche zu integrieren. Ein weltweit einzigartiges Projekt.

Der Glaskünstler Professor Johannes Schreiter

Mehr als 3500 üppig bebilderte Handschriften und 12000 Drucke standen in der Renaissance in den Schränken auf der Heiliggeist-Empore. Davor die Pulte der Professoren und Studenten. Alles verloren. 1622, mitten im Dreißigjährigen Krieg, eroberte die katholische Liga das reformierte Heidelberg und verschleppte die Bibliotheca Palatina in 184 Kisten nach Rom. Hier steht sie noch heute in den Vatikanischen Museen.

Was vielleicht ein großes Glück ist. Nur siebzig Jahre nach dem Abtransport der Handschriften nämlich steckten die Truppen des französischen Sonnenkönigs Ludwig XIV. die Heidelberger Altstadt in Brand. Auch das Dach von Heiliggeist fing Feuer. Die trockenen Folianten der Palatina hätten dieses Inferno unmöglich überleben können.

Mit wilden Brandcollagen wurde Johannes Schreiter berühmt

Ein Zeitenwechsel. Wir schreiben nun das Jahr 1981. Die Heiliggeistkirche war mittlerweile etliche Male umgebaut worden. Jetzt sollte ein Gesamtkonzept für die zwölf immer noch notverglasten Fenster her. Man dachte an den Frankfurter Städel-Professor Johannes Schreiter.

Apokalyptischer Torso – eine Brandcollage

1930 im Erzgebirge geboren, entstammt Schreiter „einer Landschaft, in der die Beschäftigung mit Glas Tradition hat“. So formuliert es der Kunsthistoriker Hans Gercke in dem empfehlenswerten Buch „Botschaften aus Licht und Glas“, das Universitätsprediger Helmut Schwier herausgegeben hat. Während seines Kunststudiums begeisterte sich Schreiter für das abstrakte Informell. Der junge Wilde erfand „Brandcollagen“ aus verkohltem Papier. Sie machten ihn berühmt.

Künstlerische Avantgarde und christlicher Glaube werden selten in einem Atemzug genannt

1963 erhielt Johannes Schreiter einen Ruf an die Hochschule für Malerei in Frankfurt, wo er bis 1987 „Freie Malerei und Graphik“ lehrte. Von 1971 bis 1974 leitete Johannes Schreiter die Städelschule sogar. In dieser Zeit begann er, das informelle Chaos durch strenge Geometrie zu bändigen. Eine eigenständige Formensprache entstand, die sich bis heute durch all seine Arbeiten zieht. Das Alphabet des Johannes Schreiter.

Nur das Physikfenster wurde in Heiliggeist realisiert

Der Glaskünstler, der im hessischen Langen lebt, ist gläubiger Protestant. Eine Seltenheit in der Kunstszene. Künstlerische Avantgarde und christlichen Glauben nennt heutzutage kaum noch jemand in einem Atemzug. Was Schreiters sakrale Kunst einzigartig macht. „Er ist weit und breit der einzige Künstler, der innerhalb des schwierig gewordenen Dialogs zwischen Kirche und Kunst an den hohen Ansprüchen festhielt, die in früheren Jahrhunderten selbstverständlich waren“, lobt die Frankfurter Allgemeine Zeitung.

1981 also das Opus magnum des Johannes Schreiter: Zwölf Fenster für Heiliggeist in Heidelberg. Eine neue Bibliotheca Palatina in Glas wollte Schreiter erschaffen. Ein Kompendium der wissenschaftlichen Errungenschaften. Die weißgrundigen Chorfenster sollten von der Entwicklung der Theologie erzählen. Die roten Fenster im Schiff die naturwissenschaftliche und ökonomische Forschung thematisieren. In all ihrer Ambivalenz.

Darmstadts Medizinfenster

Das Physik-Fenster, das einzige, das in Heidelberg realisiert wurde, „erinnert einerseits an die Entwicklung der Atomphysik, zugleich aber auch daran, dass deren Höhepunkt der Abwurf der Atombombe auf Hiroshima war.“ (Schreiter). Dazu zitiert das Fenster aus dem 2. Petrusbrief: „Es wird aber des Herrn Tag kommen wie ein Dieb in der Nacht, an welchem die Himmel vergehen werden mit großem Krachen.“  Das alles sei „absolut modern, kompromisslos gegenwärtig, auf der Höhe der ästhetischen Entwicklung“, fand die FAZ.

Kein Schreiter in Heidelberg. Stille, Fassungslosigkeit.

Niemand hätte für möglich gehalten, was dann geschah. Die Schreiter-Entwürfe spalteten Heidelberg in zwei Lager, die einander unerbittlich bekämpften. Fünf Jahre lang. Das Rektorat der Universität wetterte gegen die Fenster. Die  Theologische Fakultät feierte sie begeistert. Die Ältesten von Heiliggeist stimmten für Schreiter. Der Kirchengemeinderat lehnte seine Entwürfe ab. Damit war der „Heidelberger Fensterstreit“ entschieden. Kein Schreiter in Heidelberg. Stille, Fassungslosigkeit.

Viele der Heiliggeist-Entwürfe wurden später in anderen Städten realisiert. Das Medizinfenster beispielsweise in der Stiftskirche von Darmstadt.

Station 2: Vom Marktplatz zur Alten Universität

Wenn wir die Heiliggeistkirche durch den Seitenausgang verlassen, stehen wir direkt vor dem Haus zum Ritter. Es ist das einzige Renaissancegebäude, das den großen Brand von 1693 überlebt hat. Der wohlhabende Tuchhändler Charles Belier ließ es 1592 erbauen. Komplett aus Stein. Ein Novum in der Heidelberger Altstadt. Die anderen prachtvollen Renaissance-Wohnhäuser, die den Marktplatz umrahmten, waren allesamt aus Holz gefertigt. Was ihrer Oppulenz keinen Abbruch tat. Im 16. Jahrhundert, sagt man, war Heidelberg die leuchtendste Stadt der Welt.

Nur das Haus zum Ritter überlebte den Stadtbrand

„Soli Deo Gloria“ steht in goldenen Lettern am Giebel des Hauses zum Ritter.  „Nur zur Ehre Gottes“. Johann Sebastian Bach und Georg Friedrich Händel haben ihre Werke so signiert.  Seit 1995 tut das auch Johannes Schreiter.

Wir halten uns rechts und folgen der Hauptstraße bis zum Universitätsplatz. An seinem Ostende verliefen im Mittelalter die Stadtmauer und der Stadtgraben. Davon kündet heute noch die Adresse der Alten Unversität: Grabengasse 1. Das schöne Gebäude stammt aus dem Barock. Es wurde zeitgleich mit der angrenzenden Jesuitenkirche gebaut. Die Alte Aula in der Bel Etage ist ein Werk des Historismus und unbedingt sehenswert.
„Johannes Schreiter hat der sakralen Glasmalerei ihre Würde zurückgegeben“

2005, zu seinem 75. Geburtstag, erhielt Johannes Schreiter hier die Ehrendoktorwürde der Theologischen Fakultät der Universität Heidelberg. Weil der Künstler der sakralen Glasmalerei „Anerkennung und Würde zurückgegeben hat“, wie Professor Theo Sundermeier in seiner Laudatio formulierte.

In der Alten Universität wurde Schreiter die Ehrendoktorwürde verliehen

„Die Theologische Fakultät ehrt Johannes Schreiter für seine Kunst, für seine Botschaften und dafür, dass er das Gespräch zwischen Kunst und Kirche, zwischen Kunst und Theologie in solcher Intensität und Aufrichtigkeit führt.“

Zum Beweis des Gesagten bat die Universität den Doktor honoris causa, vier Fenster in der Peterskirche zu gestalten, deren Innenraum gerade frisch saniert worden war. Johannes Schreiter sagte zu. Von Herzen.

Station 3: Die Peterskirche

Die Peterskirche ist älter als die Stadt Heidelberg selbst. Schon 1196 wird eine Kirche namens St. Peter am Ufer des Klingenbachs erwähnt, in der ein „Cunradus plebanus“ wirkte, ein „Leutpriester namens Konrad“. Die Heidelberger Altstadt entstand erst zwanzig Jahre später. Als Planstadt. Die Herzöge von Bayern ließen sie von der Graben- bis zur Plankengasse in einem Rutsch aus dem Boden stampfen.

Die Peterskirche ist die älteste Kirche der Stadt. Und ein Gesamtkunstwerk.

Mit der Gründung der Stadt begann der Niedergang der Peterskirche. Zwar war sie noch fast 200 Jahre lang die Pfarrkirche Heidelbergs, die neue Stadtmauer jedoch verwies das Gotteshaus „extra muros“. Die federleichte Heiliggeistkirche schließlich degradierte die behäbige Peterskirche endgültig zur Nebenkirche.

Was auch seine Vorteile hatte. Als die Truppen Ludwigs XIV. die Heidelberger Altstadt niederbrannten, kam die Peterskirche vergleichsweise glimpflich davon. Nur Turm und Langhaus fielen, der Chor konnte gerettet werden. Wie durch ein Wunder entgingen auch die Spätrenaissance-Grabmale des Friedhofs der Zerstörung. 90 kostbare Epitaphien schmücken heute den neugotischen Innenraum. Irgendwo in der Peterskirche, sagt man, liege auch Marsilius von Inghen, der erste Rektor der Universität, begraben. Niemand weiß wo.

Der Bau der Eisenbahnlinie hat die älteste Kirche Heidelbergs gerettet

90 kostbare Renaissance-Grabmale schmücken den Innenraum.

Als 1844 der neuen Bergfriedhof eingeweiht war, sollte die Peterskirche endgütlig abgebrochen werden. Die Eisenbahn hat sie gerettet. Die einzige Möglichkeit, die Neckarstrecke von Mannheim nach Heilbronn zu vollenden, führte mitten durch den ehemaligen Friedhof der Peterskirche. Die Odenwaldbahn zahlte Heidelbergs Protestanten eine stattliche Summe für das Areal und ließ den Hang planieren.  Weshalb die Peterskirche heute wie versunken wirkt.

Mit dem Geldsegen hätte die Peterskirche renoviert werden können. Doch wozu brauchte Heidelberg diese Kirche eigentlich noch?

Die Antwort gab die Universität. Man wünsche sich ein eigenes Gotteshaus, ließ die Ruperto Carola wissen. Als Ort der Begegnung von Gebet und Wissenschaft, von Kunst und Musik. 1896, im 510. Jahr ihres Bestehens, begann die älteste Universität Deutschlands erstmals ein Semester mit einem Gottesdienst in ihrer eigenen Kirche.

Zur Mittagszeit, wenn die Sonne auf das Südfenster scheint, flutet goldenes Licht die Kirche

Seit 1896 ist die Peterskirche eine neugotische „Neuschöpfung“.

Die Peterskirche war nicht wiederzuerkennen. Der Badische Oberbaurat Ludwig Franck-Marperger hatte den schlichten Predigersaal als dreischiffige neugotische Hallenkirche „neugeschöpft“. Man betritt die Peterskirche heute durch einen „Säulenwald“ aus rotem Sandstein, der eine enorme Empore trägt. Die Stirnseiten der beiden Seitenschiffen zieren zwei riesige naturalistische Gemälde von Hans Thoma aus dem Jahr 1902:  „Petrus auf dem Meer“ und „Der Auferstande als Gärtner“ .

Zur Mittagszeit, wenn die Sonne direkt auf das große Südfenster scheint, flutet goldgelbes Licht durch die uralte Kirche und zaubert eine fast magische Atmosphäre. Das machen die Fenster des Johannes Schreiter. Anders als ursprünglich vereinbart hat der Langener Glaskünstler nicht nur vier Fenster für die Peterskirche geschaffen sondern neun. Ein echter Zyklus, fast komplett von Sponsoren finanziert.

Es sind völlig andere Fenster, als Johannes Schreiter sie vor mehr als dreißig Jahren für die Heiliggeistkirche entworfen hat. Wärmer, friedlicher, gläubiger. Nicht mehr forderndes Rot dominiert das Schreitersche Spätwerk, sondern goldglänzendes Siena. Heidelberg eine Stadt des Südens.

Man merkt diesen Fenstern an, dass der heute 88-jährige Künstler durch tiefe Lebenskrisen gegangen ist und Gott gefunden hat. 1983 erkrankte Schreiter schwer. Er konnte nicht mehr sprechen,  „Todesängste quälten ihn“, erinnert sich der Theologieprofessor Theo Sundermeier, ein enger Freund. Fünf Jahre hielt die Blockade an. Kein Arzt konnte helfen. Dann verschwand die Krankheit so plötzlich, wie sie gekommen war. „Ein Heilungswunder“, sagt Schreiter. Schlagartig habe er „die panischen, undefinierbaren Ängste“ verloren, die ihn so lange gequält hatten. Von diesem Moment an, sagt Theo Sundermeiser, „verstand sich Johannes Schreiter wirklich als glaubender Christ.“  Soli Deo Gloria.

Goldenes Licht durchflutet das uralte Kirchenschiff. Heidelberg eine Stadt des Südens.

Der Peterskirchen-Zyklus beginnt in der „Universitätskapelle“ auf der Südseite des Langhauses. Mit der „Begegnung“.

Fenster 1: Begegnung

Wir sehen 19 Klammer-Paare ordentlich übereinander gestapelt. Die U-förmige Klammer ist bei Schreiter immer die Chiffre für den Menschen. In diesem Fenster sind die meisten Klammern einem Partner zugewandt. Nur zwei bleiben schmerzlich allein. Und ein Paar wendet sich voneinander ab. Wo aber eine Begegnung zustande kommt, formen die ausgestreckten Arme ein Kreuz. Das christliche Symbol der Verbindung zwischen Mensch und Gott. Manchmal springt sogar ein göttlicher Funke über. Dann färbt der Heilige Geist das Begegnungs-Kreuz rot. Ungewöhnlich ist das unterste Paar. Der weiße Partner weicht erschrocken zurück. Der schwarze Balken entfernt sich in hoher Geschwindigkeit . Er zielt genau auf das Grab im Nachbarfenster.

Fenster 2: Auferstehung

Wie ein Vulkanausbruch reißt das göttliche Weiß das dunkle Grab entzwei und strebt als Stichflamme gen Himmel. Mehr Ostern geht nicht. Zumal aus dem Maßwerk auch noch das Licht des Ostermorgens herabströmt, um die Seelen ihren Gräberreihen zu entreißen. Weiß und schwerelos streben die verklärten Leiber ins Licht. Welch eine Zusage. Nur die Klammer-Menschen auf der rechten Seite sind noch gefangen in ihren Grabkästen, umhüllt vom Todesgrau. Doch die Gräber geraten bereits in Bewegung. Und tief unten im dunkelsten Schwarz des großen Grabes glimmt blutrot ein Funke der Liebe Gottes.

Fenster 3: Vertreibung

In der Universitätskapelle liegt ein Gedenkbuch, das an die vielen jüdischen Professoren erinnert, die während der NS-Diktatur aus Heidelberg vertrieben wurden. Das Vertreibungsfenster ist die Illustration zu diesem traurigen Register. Die Risse und Sprünge der Bleiruten wirken hier dominanter als in den anderen Fenstern. Sie zerreißen, zerstören. Die weißen Klammer-Menschen hetzen, straucheln, stolpern, fallen, während die grauen Klammern gespenstisch in Reihe marschieren. Abgewandt vom Himmel, abgewandt von den Menschen. Ein Vertriebener wendet sich um. Zögernd reicht er dem schwarzen Verfolger die Hand. Wie eine Peitsche geht die schwarze Bleitrute dazwischen.

 

Fenster 4: Das Friedensfenster

Das Friedensfenster auf der Nordseite der Peterskirche ist der Kontrapunkt zum Schreckensszenario im Vertreibungsfenster. Die Ruhe, die dieses Fensters ausstrahlt, überträgt sich sofort auf den Betrachter. Unten sehen wir als  weißen Teppich den irdische Frieden. Er ist ausgefranst, verknittert, eingerissen, bedroht. Wie anders dagegen der Friede Gottes. Als breite weiße Fahne senkt er sich sanft vom Himmel herab. Darin geborgen ein rotes Klammer-U. Die Hand Gottes? Oder die Menschwerdung Jesu als ewiges Friedenszeichen? Wo der Frieden Gottes auf die Erde trifft, steht eine Art Tisch. Der Hinweis auf das Abendmahl?

 

Fenster 5: Heiliger Geist

Pfingsten. Der Geist Gottes strömt zur Erde. Aber nicht als Flammenzunge, sondern als kraftvoller roter Pfeil umstrahlt von einer Aura goldenen Lichts. Rot ist die Farbe der Liebe Gottes und des Heiligen Geistes. Er wird dringend gebraucht. Denn unten auf der Erde flackern nur noch winzige Flämmchen im Alltagsgrau. „Johannes Schreiter hat der Versuchung widerstanden, im Maßwerk jede kleine Scheibe mit einem eigenen Thema zu füllen“, lobt Professor Theo Sundermeier. Stattdessen verstärkt er durch den kraftvollen Pfeil noch die strenge Struktur des Fensters. „Das zeigt den wahren Künstler.“

 

 

 

Fenster 6: Das Himmlische Jerusalem

Erst sieht man nur eine Orgie aus Gold. Dann, beim Nähertreten bemerkt man zwölf Pfeile inmitten des Strahlens. Sie zielen auf ein weißes Quadrat, die Symbolfarbe Gottes.  Johannes Schreiters Vision vom Paradies. Das himmlische Jerusalem. In der Mitte der goldenen Stadt leuchtet als reinweißes Rechteck der Dreieinige Gott. Das rote Band der Liebe inmitten der Trinität kennzeichnet den Heiligen Geist, die Christus-Seite markiert ein winziges rotes Kreuz. Schreiters himmlisches Jerusalem schwebt jedoch nicht auf Wolken. Es fußt im Gegenteil auf der verbrannten Erde des irdischen Jerusalem. Um die Gefährdung der heiligen Stadt drastisch darzustellen, ist Schreiter wieder zu seinen Brandcollagen zurückkehrt. Denn wie eine friedliche Lösung für Jerusalem aussehen könnte, weiß nur Gott allein. Als kräftiger Pfeil zielen die Gebete der Menschen hinauf ins Maßwerk.

Fenster 7: Die Taufe

 Ja, es ist ein Grab. Sperrig und furchteinflößend legt es sich dem Betrachter in den Weg. Eine graue Gestalt ist fast schon verschmolzen mit dem Dunkel. Wie Schlangen züngeln Bleiruten um die Grube. Das sind die vielen abgebrochenen Lebenswege. Ein trostloses Bild. Doch dann kommt das Blau. Glasklar und rein wie ein Bergbach umspült das Wasser der Taufe das Grab. Es verwandelt die graue Gestalt in göttliches Weiß und trägt sie in einem starken Strahl hinauf zum Himmel. So mächtig ist die Taufe. Das Tauffenster ist ein Nordfenster. Kaum je wird ein Sonnenstrahl hindurchfallen. Nordfenster müssen aus sich selbst leuchten. Das Tauffenster tut das. Ohne jeden Zweifel.

 

 

Fenster 8 + 9: Wort und Sakrament

Ein winziger Teil des romanischen Kirchenschiffs hat den neugotischen Umbau der Peterskirche überlebt. Dort gibt es – kaum wahrnehmbar – zwei kleine Südostfenster. Als „Wort“ und „Sakrament“ schließen sie den Fensterzyklus des Johannes Schreiter ab.

„Wort“ und „Sakrament“ entfalten sich auf weißem Untergrund. Weiß, die Farbe aller Farben, steht immer für die Präsenz Gottes. In Wort und Sakrament ereignet sich Gott. Die Kernaussage der evangelischen Theologie. Schreiters Wort-Fenster unterteilt die Welt, die vom romanischen Fensterkreuz dominiert wird, in zwei Hälften: Da ist der sienagoldenen Bereich, wo Gottes Wort verkündet und gehört wird. Dort der graue Alltag.

Doch diese simple Unterscheidung lässt sich nicht durchhalten. Ins Gold bricht ein massiver grauer Block ein, unter dem Grau schimmert Gold hervor. Eine Warnung an die Kirche vor Selbstzufriedenheit?

Im Sakramentfenster begegnen wird den Pfeilen wieder. Sie sind rot. Wie die Liebe und das Blut Christi. Die göttlichen Pfeile wirken ins vergängliche Grau heinein. Mit erstaunlichem Ergebnis. Das Grau birst, aufgewühlte Bleiruten zucken hervor. Wo sie ins Gold eintreten, bildet sich ein winziger violetter Tropfen. Violett steht immer für die Buße. Aber Schreiter geht noch weiter. Am rechten unteren Bildrand entdeckt man ein kleines Stück Glas in der Farbe Magenta. Diese Farbe hat Schreiter noch nie benutzt. Magenta ist keine Spektralfarbe, sondern eine Mischung von Rot und Blau. Das Blut Christi im Sakrament des Abendmahls verbindet sich mit dem Blau des Wassers im Sakrament der Taufe.

„Der Versuch, in die letztgültigen Geheimnisse einzudringen, war ein Kampf“

Im Juni 2012 vollendete Johannes Schreiter sein letztes Fenster in der Peterskirche. Der zweite Heidelberger Zyklus hat den Künstler durch eine aufgewühlte Phase seines Lebens begleitet. 2007 verstarb nach langer Krankheit seine Ehefrau Edith Schreiter-Diedrichs. Schreiter war untröstlich. Monatelang vergrub er sich in seinem Bungalow im hessischen Langen, dann endlich nahm er wieder eine Einladung von Freunden zum Abendessen an.

2009 haben Barbara und Johannes Schreiter in der Peterskirche geheiratet.

Man setzte ihn neben eine hübsche, 26 Jahre jüngere Dame. 2009 haben Barbara Tritt und Johannes Schreiter in der Heidelberger Peterskirche geheiratet. Theo Sundermeier hat sie getraut.

„Gut gelungen“, entfuhr es Johannes Schreiter, als er 2012 beim Empfang mit einem Glas Sekt in der Hand seinen Peterskirchen-Zyklus betrachtete. Dann fügte er leise hinzu: „Aber der Versuch, in diese letztgültigen Geheimnisse einzudringen, war ein Kampf.“

Station 4: Die Evangelische Kapelle in der Plöck

Es dauerte kaum einen Monat, da verblüffte eine neue Meldung Heidelbergs Kunstfreunde: Auch die Evangelische Kapelle in der Plöck 47 erhält vier Schreiter-Fenster. Das ist die letzte Station unseres Schreiterspaziergangs. Wir folgen der Plöck in Richtung Bismarckplatz. Die Kapelle liegt im Innenhof des Wilhelm-Frommel-Seniorenheims.

Die evangelische Kapelle in der Plöck ist Heidelbergs Diakoniekirche.

Die Evangelische Kapelle ist die Hauskirche der evangelischen Stadtmission. Heidelbergs Diakoniekirche. 1875 schlossen sich engagierte Professoren, Kaufleute und Adlige zu einem Verein zusammen, um nach dem Vorbild des großen Johann Hinrich Wichern eine Kirche der Nächstenliebe zu bauen. Schon ein Jahr später wurde die Kapelle in der Plöck eingeweiht. Sie war bei Heidelbergs Protestanten von Anfang an sehr beliebt. In der Sonntagsschule der Kapelle saßen manchmal bis zu 600 Kinder.

Heute stahlt der Kirchenraum in reinem Weiß, und alles ist zentriert auf den modernen Altar hin. Er ist aus 700 Jahre altem Eichenholz gefertig und steht auf einem breiten, flachen Podest. „Der Altar wiegt über eine Tonne und hat viele Risse“, sagt Kapellenpfarrer Florian Barth. „Die Menschen, die in die Kapelle kommen, haben auch viele Risse und Narben in ihren Erinnerungen und in ihrem Herzen.“ Pult, Taufstein und Kerzenständer sind aus derselben Eiche geschnitzt.

Die Prinzipalien wurden aus einem 700 Jahre alten Eichenbaum geschnitzt.

Die hängende Kanzel, einst das Herzstück der Kapelle, wird kaum mehr genutzt. Geweißt verschmilzt sie optisch mit der Wand. Die Losung, die fast 150 Jahre die Kanzel umkränzte, leuchtet nun als Motto in einem der Fenster von Johannes Schreiter: „Jesus Christus gestern und heute und derselbe in Ewigkeit“.

In der Diakoniekirche konfrontiert und Schreiter mit unseren Schwächen

Auf den ersten Blick wirken die Fenster sehr vertraut. Es gibt ein Wiedersehen mit den Bleiruten, die Brüche und Querschläge im Leben darstellen. Auch die U-förmigen Klammer-Menschen mit den ausgestreckten Armen sind wieder da. Aber die Kapellenfenster haben eine völlig andere Anmutung als die Goldkunst in der Universitätskirche. Sie sind erdiger, bodenständiger, sozialkritischer.

Die Losung: „Jesus Christus gestern und heute und derselbe in Ewigkeit“

Weiß und Braun dominieren. Weiß ist die Farbe Gottes, des Friedens, des Paradieses. Braun steht für die Erde, die menschliche Unzulänglichkeit, das Scheitern. Johannes Schreiter konfrontiert uns in den Fenstern der Diakoniekirche mit unseren Schwächen. Wie ein starrer brauner Block kapseln sie den Menschen ab vom Frieden Gottes.

Doch Gott ist treu. Der starke goldene Strahl des Heiligen Geistes dringt in das irdene Gefängnis ein und löst es auf. Wo das bröselnde Braun auf das rote Band der Liebe Christi trifft, verwandelt es sich in zaghaftes Grün. Neues Leben, neue Hoffnung. Kunstvoller kann man Diakonie nicht erklären.

„Gott stößt die Gewaltigen vom Thron“

Im zweiten Fenster begegnen wir – ebenfalls auf reinem weißem Grund – einer graue Gestalt. Hilfesuchend rudert sie mit den Armen, während Bleiruten wie Blitze um sie herum zucken. Dann fällt sie.

„Gott stößt die Gewaltigen vom Thron“

Am Rand des Fensters leuchten Worte auf. Sie stammen aus dem Magnifikat im Lukasevangelium: „Gott stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen.“

Die Kapelle besitzt aber nicht nur Fenster von Johannes Schreiter. Der Langener Künstler ließ sich überreden, auch vier leuchtende Paramente, also künstlerisch gestalteten Textilien für den Kirchenraum zu entwerfen. Die schmalen Schreiter-Kunstwerke aus Stoff schmücken jetzt die Vorderseite weißen Kanzel. „Bisher war das der dunkelste Platz in der Kapelle“, sagt Pfarrer Barth. „Jetzt strahlt die ganze Kirche.“

Pfingsten leuchtet bei Johannes Schreiter im Orange

Eine Rarität: Die ersten Kunstwerke auf Stoff von Johannes Schreiter

Weiß und rot, grün und violett – die vier liturgischen Farben. Weiß ist die Farbe des Lichts und der Auferstehung. Ostern und Weihnachten. Rot steht für den Heiligen Geist – und das Blut. Grün ist der Alltag. Violett die Buße. Jedenfalls war das bisher so. Johannes Schreiter variiert das liturgische Farbspektrum: Aus strengem Violett macht er zartes Flieder. Die Tage im Jahreskreis taucht er in lichtes Hellgrün. Und Pfingsten leuchtet orange.

Die beiden jüngsten Werke ….

Das orange Pfingstparament schlägt eine Brücke zum Heiliggeist-Fenster in der Peterskirche. Hier wie da strömt der göttliche Geist als massiver goldener Pfeil zur Erde herab. In die weiße Osterfreude schleicht sich bei genauem Hinsehen ein kleiner roter Blutstropfen ein. Und im  grünen Alltagsparament vereinigen sich alle Motive zu einem Zusammenklang. Der weiße Block von Ostern taucht wieder auf, das blasse Gelb der Passion, das rote Blut und das Kreuz.

Von der Atombombe von Hiroshima zum Turmbau von Babel

… thematisieren den Turmbau von Babel.

Die beiden jüngsten Heidelberger Schreiter-Fenster thematisieren Babylon. Es sind warnende Werke. Der dunkle Turm strebt völlig isoliert vom goldenen Gnadenstrom Gottes gen Himmel. Gewitterstimmung liegt in der Luft. Schon brechen die ersten Blitze hervor, um das hochmütige Werk der Menschen zu zertrümmern. Schwer zu entscheiden, ob das Rot noch den göttlichen Liebesstrom oder schon das menschliche Blut meint. Doch Gott gibt die Menschen nie ganz verloren. Überall dort, wo seine Blitze den Stein zertrümmern, kehrt mit dem Goldgelb die göttliche Gegenwart zurück.

Mit der Atombombe von Hiroshima begann die Beziehung von Professor Johannes Schreiter und der Stadt Heidelberg. Mit Turmbau von Babel geht sie – wahrscheinlich – zu Ende. Menschliche Hybris hier wie da. Dazwischen liegen dreißig Jahre künstlerischen Schaffens, das zwei Heidelberger Altstadtkirchen in Gesamtkunstwerke verwandelte.

 

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