Dossenheim: Die Majestät am Mühlbach

Dossenheims evangelische Kirche
ist eine gotische Schönheit

Hochaufgerichtet schreitet der Reformator voran. Gefolgt von einer kunterbunten Schar aus Dossenheim. Die Mädchen tragen Schürze, die Herren Gehrock, Martin Luther Talar, Kelch und Bibel. Man steigt hinauf zur evangelischen Kirche. Sie ist eine gotische Schönheit. Unbesiegbar wie eine Burg. Stolz wie eine Königin.

Wenn nur dieses verflixte Altarbild nicht wäre, das Dossenheims Protestanten seit Jahrzehnten den Schlaf raubt. Weil es einen „arischen“ Christus zeigt, gemalt 1932. Zu Besuch in einem Gotteshaus, das von allen Epochen der Bergsträßer Geschichte erzählt.

Der Porphyr-Steinbruch hat das Dorf durch die Jahrhunderte treu ernährt

Der alte gotische Chor
ist heute Seitenkapelle

Der Reichtum Dossenheims ist der Porphyr. Schon die Kelten haben den Stein abgebaut. Vor 3500 Jahren. Und ihn dann im Mühlbach – an dem heute die Kirche steht – zu Getreidemühlen geschliffen. Die Mühlen sollen exzellent funktioniert haben. Der Steinbruch hat auch alle nachfolgenden Generationen ernährt. Weshalb Dossenheim nie wirklich Hunger gelitten hat, obwohl es wie alle Dörfer an der Bergstraße in jedem Krieg zerstört wurde.

Die allerersten Siedler haben deshalb lieber oben am Kirchberg gebaut. Mit weitem Blick übers Land und guten Fluchtwegen in den Odenwald. 820 stifteten zwei Brüder ein Holzkirchlein am Mühlbach. Damit trat Dossenheim offiziell in die Geschichte ein.

Der Kirchturm stammt von 1375. Er ist das älteste Bauwerk im „Steinbrecherdorf“.

Das 14. Jahrhundert baute Kirchenburgen. Mit wuchtigen Quadersteinen und Türmen wie Bergfriede. Den Dossenheimer Turm hat Heinrich von Handschuhsheim gestiftet. 1375. Er ist das ältestes Bauwerk im „Steinbrecherdorf“. Wenn man genau hinschaut, erkennt man an der Westseite noch die Stiftungsurkunde. In gotischen Majuskeln.

Das Kreuz hinter dem Altar
verbirgt die „Versuchung Christi“

1460 die spätgotische Kirche. Erbaut aus den Trümmersteinen der gerade zerstörten Schauenburg, so erzählt es jedenfalls die Dossenheimer Lieblingslegende. Geweiht war das Gotteshaus dem heiligen Pankratius. 1926 hat man dieses Patrozinium auf die neue katholische Kirche übertragen. Womit wir beim Miteinander der Konfessionen wären. Und im Jahr 1650.

Fast 300 Jahre nutzten alle Konfessionen die Kirche gemeinsam.

Die Kurpfalz hatte den Dreißigjährigen Krieg verloren, der neue Kurfürst Karl Ludwig ein verheertes Land geerbt. Zerstört und entvölkert. Wen kümmerte da noch der Streit um die „richtige“ Konfession, ab sofort herrsche in der Kurpfalz Religionsfreiheit, erklärte der calvinistische Kurfürst. Alle Konfessionen sollten fortan die Kirchen gemeinsam nutzen. In Dossenheim dauerte dieses „Simultaneum“ fast 300 Jahre.

Martin Luther umringt von
Mädchen aus Dossenheim

Die Katholiken feierten ihre Messen im spätgotischen Chor. Die Protestanten beteten im Langhaus. Völlig reibungslos lief das Miteinander nicht ab. Die Katholiken ärgerten sich, dass sie dauernd den schweren evangelischen Altar wegrücken mussten. Also stellte man ihn kurzerhand auf Rollen

Um mehr Platz zu gewinnen, drehte man den Kirchenraum einfach um

Das 20. Jahrhundert. Die Katholiken zogen aus, die Protestanten benötigten ein größeres Langhaus. Weshalb man den Kirchenraum einfach „umdrehte“: Der alte Chor wurde zur Seitenkapelle, der Altar wanderte an die Südwand. Fehlte noch ein wenig Kunst.

Dem Reformator folgen Mitglieder
der protestantischen Familien

Die Buntglasfenster für den alten Chor stifteten Dossenheimer Familien. Die originelle Prozession mit Martin Luther schuf Hans Adolf Bühler. In der Menge, die dem Reformator folgt, porträtierte er Mitglieder aller protestantischen Familien Dossenheims.

Man sieht: Christus in der Wüste. Blond, blauäugig, durchtrainiert.

Dann malte Bühler das Altarbild. „Die Versuchung Jesu“. Man sieht: Christus in der Wüste. Blond, blauäugig, durchtrainiert. Ihm gegenüber der Teufel. Mit der Physiognomie jener scheußlichen anti-jüdischen Karikaturen, die die NS-Diktatur verbreitete. 1976 hat man das Bild durch eine provisorische Holzplatte verdeckt. Sie wirkt verstörender als jedes Mahnmal.

Kirchenfakten
Name: Evangelische Kirche
Adresse: Hauptstraße 95, 69221 Dossenheim
Konfession: evangelisch
Baujahr: 1375/1460/1932/1974
Baustil: gotisch/modern
Kunstschätze:
– gotisches Taufbecken
– gotische Grabkreuze und Inschriften
– Wandgemälde „Die Einführung der Reformation in Dossenheim“ von Hans Adolf Bühler in der Arkaden-Vorhalle (1932)
– Wandgemälde „Die Versuchung Jesu“ von Hans Adolf Bühler an de Altarwand (1932). Heute verdeckt.
– moderne Glasfenster im alten Chor von Peter Georg Heiss
– moderne Orgel von Matz & Luge von 1974, drei Manuale und Pedal
Öffnungszeiten: Nach Vereinbarung
Kontakt: Pfarramt der Evangelischen Kirchengemeinde Dossenheim, Hauptstraße 95, 69221 Dossenheim
Telefon: 06221-866582
E-Mail: dossenheim@kbz.ekiba.de
Internet: www.ev-kirchengemeinde-dossenheim.de

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