Heiligkreuz: Wo die Wasserelfen tanzen

Die Kirche von Heiligkreuz ist
ein verwunschener Ort

Es war einmal ein Bauer im Vorderen Odenwald. Dem träumte, er fände sein Glück, wenn er am nächsten Morgen nach Ladenburg ginge. Der Bauer gab sonst nichts auf derlei Nachtmahr, doch diesmal machte er sich auf den Weg. Auf halber Strecke begegnete ihm ein Wanderer, der nach einem Dorf namens Assmannsweier fragte. Im Traum habe er gesehen, dass dort unterm Hollerbusch ein Schatz liege.

Sofort eilte unser Bauer zurück zu seinem Hof. In Assmannsweier. Und fand unter dem Holunder tatsächlich einen Topf mit blinkendem Gold. Zum Dank baute das Bäuerlein eine Kapelle: Heiligkreuz. Sie ist eine der ältesten Kirchen der Region. Ein mystischer Ort. Wie aus einem Märchen.

Heiligkreuz liegt in einem lieblichen Tal zwischen Rippenweier und Großsachsen

Den romanische Chor von 1242
zieren zarte Fresken

Der Vordere Odenwald hat nur wenig gemein mit seinem Sandsteinbruder am Neckar. An der hessischen Grenze dominiert der Granit, die Hänge sind sanfter, die Wiesen master, die Winde lauer. Vor allem aber ist die Bergstraße nah, die Wirtschaftsader der Region.

Heiligkreuz, wie sich Assmannsweier bald nannte, liegt in einem lieblichen Taleinschnitt zwischen Rippenweier und Großsachsen. Wer hinabsteigt, merkt, wie sich die Landschaft weitet. Ideal für Ackerbau und Viehzucht. Das Heiligkreuzkirchlein steht an der Mündung des Atzelbachs in den Apfelbach. Bevor es die laute Odenwaldstraße gab, muss das ein verwunschener Platz gewesen sein. Vielleicht haben hier sogar die Wasserelfen getanzt.

Der Heiland wurde mit vier Nägeln ans Kreuz geschlagen – Das ist selten!

Eines der ältesten
Kruzifixe der Region

1242 wurde die romanische Kapelle erstmals erwähnt. Inmitten eines ummauerten Kirchhofs. Das bezaubernde Bild hat sich bis heute erhalten, obwohl Heiligkreuz einige Male umgebaut wurde: Der imposante Turm mit Pyramidendach ist spätgotisch. Das barocke Langhaus wurde 1788 errichtet.

Der Chor von Heiligkreuz birgt einen Schatz: Das Kruzifix zählt zu den ältesten sakralen Kunstwerken der Region. Man sieht: Den entkräfteten Christus, die Augen halb geschlossenen, der geschundene Leib blutend aus unzähligen Wunden. Mehr Schmerz geht nicht. Solch realistische Darstellungen der Kreuzigung kennt nur das frühe Mittelalter. Später hat man das Leiden Christi mehr und mehr verklärt.

Dieses Kruzifix ist so alt, dass es den Heiland noch mit vier Nägeln ans Holz heftet. Zwei an den Hände, zwei den Füße. Eine absolute Rarität. Später hat man meist die Füße Jesu übereinander gelegt, damit die Zahl der Nägel die Dreifaltigkeit symbolisiert.

Die Kapelle unseres Bäuerleins gedieh gut. Bald trafen sich in Heiligkreuz alle Dörfer aus dem Umkreis zum Gottesdienst. Ab 1699 beteten die beiden Konfessionen hier sogar simultan. Unglaubliche 260 Jahre lang. Ein unschlagbarer Rekord.

Vor zwei Jahren musste die Heiligkreuzkirche endgültig gesperrt werden – Einsturzgefahr

Atmungsaktiver Kalk, sensationelles Lichtkonzept – Heiligkreuz leuchtet

Soweit die guten Nachrichten. Die schlechte lautet: Der Bauer hat sein Kapellchen auf feuchtem Grund gebaut. Schon bei der barocken Erweiterung 1788 musste die Kirche um einen halben Meter angehoben werden. Vor zwei Jahren wurde Heiligkreuz endgültig gesperrt: Einsturzgefahr. Im Dachgebälk wütete der Schwamm, unter den Bodenplatten quietschte Wasser, in der Orgel saß der Pilz. Totalschaden.

Doch Gott sei Dank gehört Heiligkreuz zu den Kirchen, für die die evangelische Stiftung Schönau die Baupflicht trägt. 1,1 Millionen Euro hat die Stiftung in die Sanierung investiert. Wobei das meiste Geld im Untergrund verschwand: Eine supermoderne Drainage soll sicherstellen, dass der Sandstein künftig trocken bleibt. Der knallbunte Acrylputz aus den 1970er Jahren wurde durch atmungsaktiven Kalk ersetzt, ein sensationelles Lichtkonzept entwickelt. Heiligkreuz scheint jetzt von innen heraus zu leuchten. Ein Ort wie aus einem Märchen. Vielleicht tanzen hier ja bald wieder die Wasserelfen.

Kirchenfakten
Name: Evangelische Heiligkreuzkirche
Adresse: Odenwaldstraße 1, 69469 Weinheim-Heiligkreuz
Konfession: evangelisch
Baujahr: 1242 / 1496 / 1788
Baustil: Romanik / Gotik / Barock
Kunstschätze:
– rippengewölbter Chor mit spätgotischen Fresken
– Christuskopf als Schlussstein
– eines der ältestes erhaltene Kruzifixe der Region
– ornamentale Glasfenster von Valentin Feurestein
– Orgel von Ernest Mühleisen (1975)
– mittelalterliche Grabsteine
Öffnungszeiten: Nach Vereinbarung
Kontakt: Pfarramt der Evangelischen Kirchengemeinde
Heiligkreuz-Oberflockenbach, Odenwaldstraße 71, 69469 Weinheim
Telefon: 06201-51279
E-Mail: Heiligkreuz-Oberflockenbach@kbz.ekiba.de
Internet: www.glockengruss.de

Ein Gedanke zu „Heiligkreuz: Wo die Wasserelfen tanzen

  1. Sehr gut beschrieben. Herzlichen Dank dafür.
    Dürfen wir diesen Artikel auf unserer Homepage veröffentlichen oder verlinken?
    Die Kirche wird auch von der Bevölkerung sehr geliebt. Sie ist fast bei jedem Gottesdienst gut besucht. Deshalb, wer zum Gottesdienst kommen will, möge sich bitte vorher auf Glockengruss.de informieren, wann Gottesdienste stattfinden und sich bitte im Pfarramt anmelden.
    Führungen sind im Anschluss an die Gottesdienste möglich.

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