Speyer: Wo die Kaiser ewig ruhen

Der Mariendom ist die größte romanische Kirche der Welt

In einer stürmischen Oktobernacht des Jahres 1813 kauerte der Fährmann von Speyer am Ufer des Rheins. Als die Glocke des Doms Mitternacht schlug, spürte er plötzlich eine eisige Hand auf seiner Schulter. Der Fährmann blickte sich um und sah vier bleiche Gestalten mit schweren Kronen. Die toten Kaiser!

Sie verlangten, sofort übergesetzt zu werden. Ihre Mission dulde keinen Aufschub. Am nächsten Morgen wurde Napoleon Bonaparte bei Leipzig vernichtend geschlagen.

In Speyer kennt diese Legende jedes Kind. Weil die Niederlage der Franzosen den Dom gerettet hat. Hätte Napoleon gesiegt, wäre die Kathedrale durch einen Triumphbogen ersetzen worden. Die Baupläne gab es bereits. Doch der Franzose hatte die Rechnung ohne die Salier gemacht. Die vier Kaiser haben den Mariendom erbaut und ruhen bis heute in seiner Gruft. Seit 1981 gehört der Dom von Speyer zum UNESCO-Welterbe.

1027 hat Kaiser Konrad II.
ihn in Auftrag gegeben

Der Dom zu Speyer ist die größte romanische Kirche der Welt.

Schon der erste Blick überwältigt: 134 Meter lang, 33 Meter hoch und 55 Meter breit. Die größte romanische Kirche der Welt. Und trotzdem federleicht. Heller Sandstein, viel Höhe, Weite und Licht. Ein Meisterwerk. Fünf Handwerker-Generationen haben an ihm gearbeitet. Mehr als hundert Jahre lang.

Kaiser Konrad II. hat die Kathedrale in Auftrag gegeben. 1027. Als sichtbares Zeichen seiner Macht. Denn Konrads Reich war riesig. Es reichte von Sizilien über Frankreich, Ungarn und Polen bis zur Nordsee. Nie zuvor und nie wieder danach ist Deutschland so groß gewesen. Speyer, der Nabel der Welt.

Kaiser Konrad II. hat auch das Datum für den Advent festgelegt. Es ist bis heute so geblieben.

Der Kaiser selbst war ebenfalls eine imposante Erscheinung. Als man 1900 seinen Sarg geöffnet hat, maß der Leichnam zwei Meter. Zu Lebzeiten muss Konrad II. all seine Untertanen überragt haben. Lesen und Schreiben hat Konrad nie gelernt.

In der Krypta ruhen acht
Kaiser und Könige

Was seinem Selbstbewusstsein keinen Abbruch tat. Konrad sah sich als Erwählter Gottes und Herr der Welt. Vielfach vergrößert schwebt seine Krone noch heute über dem Chor des Doms.

Die größte Kirche der Welt war aber auch eine Provokation. Für die Päpste in Rom. Unentwegt versuchten sie, die Herrschaft über die Kirche für sich zu reklamieren. Was ihnen unter Konrad nie gelang. Der Kaiser setzte eigenmächtig Bischöfe ein und veränderte sogar das Kirchenjahr. 1038 entschied Konrad II., dass der 1. Advent künftig immer am Sonntag zwischen 26. November und dem 3. Dezember gefeiert wird. Das ist bis heute so geblieben.

Kaiser Heinrichs „Gang nach Canossa“ ist Sprichwort geworden.

Die vier Salier-Kaiser als
modernes Kunstwerk

Drei Generationen lang rangen Päpste mit den Salier-Kaisern. Dann spielte Gregor VII. die höchste kirchliche Trumpfkarte: Er belegte Kaiser Heinrich IV., Konrads Enkel, mit dem Kirchenbann. Im Winter 1077 sah sich der Kaiser gezwungen, zu Fuß 540 Kilometer bis in den Apennin zu wallen. Um beim Papst Abbitte zu leisten.

Der Gang nach Canossa ist Sprichwort geworden. Das Ende der Geschichte weitgehend vergessen. Kaum zurück in Speyer, ernannte Heinrich IV. sofort wieder einen Bischof. Der Papst bannte ihn nun für immer. Als der Kaiser im Jahr 1106 starb, wurde er in der noch ungeweihten Afra-Kapelle bestattet. Erst fünf Jahre später hat man seinen Leichnam umgebettet. In die Krypta des Doms. Sie gilt als schönste Unterkirche der Welt.

König Ludwig I. von Bayern verpasste dem Mariendom 1854 ein imposantes neuromanisches Westwerk

Im 19. Jahrhundert malten die „Nazarener“ den Dom aus

Heinrich IV. war der letzte deutsche Kaiser, der in Speyer residiert hat. Die Ära der Salier endete, die Zeit der Staufer begann. Und mit ihr der Aufstieg des selbstbewussten Bürgertums. 1294 erklärte sich Speyer, durch den Rhein wohlhabend geworden, zur freien Reichsstadt. Die Bischöfe übersiedelten empört erst nach Philippsburg, dann nach Bruchsal.

Mehr als 500 Jahre hat es gedauert, bis in Speyer wieder ein Bischof residierte. Und noch hundert Jahre länger, bis der Dom endlich renoviert wurde. König Ludwig I. von Bayern übernahm hierbei selbst die Federführung. Der König war völlig vernarrt in den Historismus. Weshalb der Dom eine imposante neuromanischen Westfassade erhielt. Und sein Schiff komplett ausgemalt wurde.

Im Stil der „Nazarener“. Starkfarbig, katholisch, patriotisch. In den 1960er Jahren hat man die Bilder entfernt. Nur eine Leiste ist geblieben. Sie fügt sich sehr harmonisch ein in jene federleichte Romanik. Die es nur in Speyer gibt.

Kirchenfakten
Name: Domkirche St. Maria und St. Stephan
Adresse: Domplatz, 67346 Speyer
Konfession: katholisch
Baujahr: 1027 bis 1061
Baustil: Romanik/Historismus
Kunstschätze:
– Gräber von acht Königen und Kaisern mit Gemahlinnen in der Krypta
– Kostbare Reliquien in der Katharinenkapelle. Heiliger Stephanus, heiliger Anastasius, Elisabeth von Thüringen, heiliger Pirmin, seliger Paul Josef Nardini, heilige Edith Stein
– Reste gotischer Steinplastiken in der Afrakapelle
– Triumphkreuz von Otto Hupp über dem Hochaltar (1906)
– Marienfigur von 1930. Ein Geschenk von Papst Pius XI.
– Grabmale aus dem ehemaligen Kreuzgang
– Reich verzierte neoromanische Westfassade von Heinrich Hübsch (1854)
– spätgotischer Ölberg von 1505 im Park
– Gemäldezyklus im Stil der Nazarener
Öffnungszeiten: Montag bis Samstag: 9 bis 17 Uhr, Sonn- und Feiertage: 11.30 bis 17 Uhr
Kontakt: Dom-Besuchermanagement: Bastian Hoffmann, 67343 Speyer
Telefon: 06232-102-111
E-Mail: bastian.hoffmann@bistum-speyer.de
Internet:
Führungen: Petra Kapp und Bettina Steiger, Büro für Domführungen
Telefon: 06232/102-118
E-Mail: domfuehrungen@bistum-speyer.de

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