Hohensachsen: Eine Höhle voll Himmelslicht

Hohensachsen ist filmreif.
Findet die Landeskirche.

Das Leben ist manchmal wirklich nicht fair. Da besitzt man das schönste Kirchlein weit und breit. Hingetupft auf den Äpfelberg. Mit großem Himmel und Blick über die Ebene. Und dann kommt ein neuer Kurfürst und nimmt einem das Kleinod weg.

So geschehen in Hohensachsen anno 1707. Die Jakobskirche wurde katholisch, die Protestanten fanden sich in der Scheune wieder. Erst 300 Jahre später wurde ihr Trauma geheilt. Durch eine neue evangelische Kirche. 2009 erhielt sie das Siegel „Beispielhaftes Bauen“. Jetzt wurde sie von der Landeskirche für ein Digitalprojekt ausgewählt. Als eine der 25 spannendesten Kirchen in Baden.

Im Mittelalter reiste man auf der Bergstraße dreispurig. Je eine Bahn für Fußgänger, Reiter, Gespanne

Die Bergstraße ist uralt. Schon lange bevor die Römer sie pflasterten, zogen Menschen auf ihr am Odenwald entlang. Im Mittelalter verkam die Straße zur Schlammpiste, sie blieb aber dreispurig. Je eine Bahn für Fußgänger, Reiter, Gespanne.

Wenn die Sonne scheint,
tanzt in der Kirche das Licht

Hohensachsen, elegant am Hang gelegen, zählt zu den frühesten Bergstraßen-Siedlungen. Schon 779 verzeichnete das Kloster Lorsch einen Weiler namens Sahsenheim. „Sahs“ ist mittelhochdeutsch. Für „Siedlung“. Mit dem Bundesland an der Elbe hat das Dorf nichts zu tun.

Das Leben in Hohensachsen war angenehm. Der Odenwald lieferte Holz, am Sonnenhang gedieh der Wein. Weshalb sich Ernst von Sachsenheim, ein Bruder des Minnesängers Bligger von Steinach, hier eine Burg baute. Der Freiherr betrieb sechs Mühlen und das älteste Silberbergwerk des Odenwalds. Und er stiftete eine Kirche. 1292. St. Jakobus. Doch diesen Namen hat nie jemand benutzt. Alle sagten: „Die Kirche auf dem Berg“.

1707 fiel die Hohensachsener Kirche an die Katholiken. Mitsamt des Kirchenvermögens

Als Kurfürst Ottheinrich 1556 die Reformation einführte, war Hohensachsen begeistert dabei. Wie die gesamte Bergstraße. Was den katholischen Kurfürsten Johann Wilhelm zweihundert Jahre später ärgerte. 1707 ließ er die Kirchen neu aufteilte. Hohensachsen bekamen den Katholiken. Mitsamt des Kirchenvermögens. Entsetzen am Apfelbach. Plötzlich war man heimatlos. Und bettelarm.

Das Ziegelmauerwerk leuchtet in
allen Schattierungen der Rotskala

Doch der Bergsträßer sind zäh. Sechs Jahre sammelte Hohensachsen. Dann hatte es 291 Gulden beisammen. Genug für die Abbruchsteine einer Brauerei. Aus ihnen baute man ein neues Kirchlein. Mitten im Dorf.

15 Jahre später brach es zusammen. Vom zweiten Versuch überlebte nur der Türbogen aus Sandstein. „1730“. Das dritte Gotteshaus besaß einen Zwiebelturm und lebte bis 1954. Dann investierte man in eine elektrische Orgel. Der Organist vergaß den Motor auszuschalten. Nur die Seitenwände überlebten den Großbrand.

Wenn die Mittagssonne das bunte Glas berührt, verwandelt sich die Kirche in ein Kaleidoskop aus tanzendem Licht

Der vierte Versuch. 1960. Modern. Ein Betonkirchlein, hingehaucht wie ein Aquarell. Mit federleichtem Turm. Und Altar im Süden. Direkt unter den vier neuen Künstlerfenstern. Wenn die Mittagssonne das bunte Glas berührt, verwandelt sich die Kirche in ein Kaleidoskop aus tanzendem Licht. Dazu unverputztes Ziegelmauerwerk, das in allen Schattierungen der Rotskala leuchtet. Von Dunkelbraun bis Hellorange. Eine Höhle. Voll vom Licht des Himmelreichs.

Ein Betonkirchlein von 1960.
Hingehaucht wie ein Aquarell

2008. Die finale Reduktion. Ein schnörkellos moderner Kirchenraum in hellem Grau. Mit einer Lichtführung, die den Höhlencharakter der Kirche verstärkt. „Beispielhaft“, fanden die Architektenkammer …

… und die Badische Landeskirche. Sie produzierte über Hohensachsen ein spektakuläres digitales Kirchenporträt. Im „360-Grad-Format“. Alles lässt sich anklicken. Dann erscheinen Erklärungen. Architektur, Kunst, Geschichte, Glauben. Das ist toll. Aber nur als Amuse-Gueule. Das Licht, den Duft, die Aura de Kirche am Apfelbach kann man digital nicht erleben. Dazu muss man sich aufmachen. Zu einer der ältesten Straße der Welt.

Kirchenfakten

Name: Evangelische Kirche
Adresse: Lutherstraße 14, 69469 Weinheim-Hochensachsen
Konfession: evangelisch
Baujahr: 1730 / 1960 / 2008
Baustil: Moderne
Kunstschätze:
– Expressive Künstlerfenster von Harry MacLean
– Apostel- und Prophetenreliefs von Edzard Hobbing
– Orgel von Friedrich Weigle
Digitaler Kirchenrundgang: www.kircheninbaden.de
Öffnungszeiten: Nach Vereinbarung
Kontakt: Evangelisches Pfarramt Hohensachsen, Steingasse 1, 69469 Weinheim
Telefon: 06201 – 52796
E-Mail: hohensachsen@kblw.de
Internet: www.ekihoh.de

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*