2. Heidelberger Frauenwallfahrt: Die Madonna in der Eiche

Der 1. Februar 2014 begann gräulich, doch es regnete nicht. Und es war auch nicht kalt. Gegen Mittag sollte der Himmel aufklaren und Spätwintersonne sich blicken lassen. Die S-Bahn brachte uns vom Heidelberger Hauptbahnhof nach Mannheim.

Dort stiegen wir um in die Regionalbahn nach Karlsruhe. Waghäusel liegt fast in der Mitte zwischen den beiden Großstädten. Die Fahrzeit von Heidelberg beträgt etwa eine Stunde.

Der Fußweg zur „Eremitage“ beginnt direkt am Bahnsteig. Er ist ausgeschildert, allerdings etwas schwierig zu entdecken. Man steigt hinab in eine tunnelartige Unterführung, die den Wagbach überquert. Nach dem „Auftauchen“ befindet man sich verblüfft auf einer prachtvollen Allee. Sie führt schnurgeradeaus zur „Eremitage“, dem ehemaligen Jagdschloss der Fürstbischöfe von Speyer.

„Welch schauerliche Waldung“, notierte Friedrich Hölderlin entsetzt

1720 hat sich Fürstbischof Damian Hugo von Schönborn den barocken Sommertraum mit 16 Ecken, gläsernem Dachgeschoss und sensationellem Park bauen lassen. Zu jener Zeit leuchtete Waghäusel. Es war der wichtigste Wallfahrtsort im Bistum Speyer.

Begonnen hat die Geschichte der Wallfahrt jedoch schon dreihundert Jahre früher. 1435. Der Rhein war damals noch wild und strömte in weiten Schleifen von den Tälern Graubündens zu den Gestaden der Nordsee. Am Ufer des Stroms wucherten undurchdringliche Urwälder, durchzogen von tückischen Mooren. Ein Paradies für Tiere. Ein Angstraum für Menschen.

„Welch schauerliche Waldung“, notierte Friedrich Hölderlin entsetzt über den Lußhardtwald, der sich von Rastatt bis Mannheim erstreckte. „Er ist so dicht, dass kein Sonnenstrahl je hindurchdringt.“ Der Dichter machte auf der Stelle kehrt und ritt weiter nach Heidelberg. Da gefiel es ihm besser.

In einer hohlen Eiche sah der Schäfer eine Madonna. Klein. Zart. Bildhübsch

Für den jungen Schäfer jedoch, der 1435 mit seiner Herde am Eingang zum Lußhardtwald stand, war Umkehren keine Option. Schließlich lag der Waldboden voller Eicheln. Für seine Schafe ein Festmahl.

Immer tiefer drangen die Tiere in die Finsternis vor, während der Hirte versuchte, sich zu orientieren. Plötzlich eine Stimme. Glockenhell. „Geh nicht weiter! Der Wagbach führt Hochwasser. Du wirst ertrinken!“ Der Schäfer blickte auf und entdeckte in einer hohlen Eiche eine Madonna mit Kind. Klein. Zart. Bildhübsch. Das war der Beginn der Wallfahrt. Vor fast 600 Jahren.

Der Hirte war der Madonna unendlich dankbar für seine Rettung. Sanft trug er das Gnadenbild nach Hause, stellte es auf die Kommode und ging schlafen. Doch am nächsten Morgen war die Muttergottes verschwunden. Als der Hirte die Madonna schließlich wiederfand, stand sie in eben jenem Baum, in dem er sie tags zuvor gesehen hatte.

Das 16. Jahrhundert hat den Wald gerodet. Und die Madonna berühmt gemacht

Wieder nahm er die Madonna mit sich. Wieder stand sie morgens in der Eiche. Jetzt wurde der Schäfer wütend. Er griff nach dem Hammer, um dem Spuk ein Ende zu machen. Da sprach eine Stimme vom Himmel: „Halte ein! Zerschlag’s nicht!“

Der Schäfer erschrak so sehr, dass er gelobte, den Rest seines Leben dem Bau einer gotischen Kapelle für das Gnadenbild zu widmen. Mittdrin im Lußhardt am Ufer des Wagbachs.

Hier steht das Gnadenbild bis heute. Nur der Wald ist nicht mehr da. Das 16. Jahrhundert hat ihn gerodet. Für Felder und eine Landstraße. Sie machte die kleine Madonna berühmt. Von weit her wallten die Menschen zur „Mutter mit dem gütigen Herzen“. Sogar ein Einsiedler lebte lange Jahre in einem Verschlag neben die Kapelle. Sein „Häusel am Wagbach“ hat der Stadt ihren Namen gegeben. Waghäusel.

„Eremitage“ nannte der Fürstbischof sein Schloss. Die „Einsiedelei

Das 17. Jahrhundert. Waghäusel leuchtete. Die Kirche wurde vergrößert. Und barockisiert. Direkt über dem Altar schwebte nun eine Empore. Für den Fürstbischof, wenn er in Waghäusel weilte. Was oft der Fall war.

Vor allem seit es das Jagdschlösschen gab mit den vier Kavaliersflügeln und dem „Belvederesaal“ mit den 16 Kaminen. „Eremitage“ – „Einsiedlerklause“ – nannte Damian Hugo von Schönborn den bildhübschen Rundbau. Obwohl dieser mit einer Mönchsklause recht wenig gemein hatte.

Es gab einen „Ökonomiehof“ mit Zehntscheuer, eine Amtskellerei, Pferdeställe, eine Wachstube, ein Jägerhaus, ein Gärtnerhaus sowie zwei Weiher. Dass auch der berühmte Barockbaumeister Balthasar Neumann, der im Dienst des Fürstbischofs von Speyer stand, an der Eremitage mitgebaut hat, ist nicht bewiesen. Aber sehr wahrscheinlich.

Die Zuckerfabrik ließ Silos im Park wachsen. Förderbänder und Schornsteine umwucherten das Schloss.

Nach 1803 ist es der Eremitage des Fürstbischofs nicht sehr gut ergangen. Mit der Säkularisierung verschwand das Bistum Speyer. Der Badische Großherzog verkaufte die Eremitage an die „Badische Gesellschaft für Zuckerfabrikation“. Wo einst der Lußhardtwald gewesen, baute man jetzt flächendeckend Zuckerrüben an.

Und im Bischofspark wuchsen Silos und Schornsteinen empor. „Erdrückend haben Förderbänder, Waschanlagen, Fabrikfassaden und Fertigungshallen das kleine Schloss umwuchert“, notierte Ludwig Wien entsetzt 1976 in seinem „Badischen Skizzenbuch“.

Auch das Kloster Waghäusel verschwand für 150 Jahre hinter Rübenbergen. 1995 gab die Südzucker AG den Standort Waghäusel auf. Zurück blieben zwei riesige Silos und eine Industriebrache, die die Stadt Waghäusel nur schleppend in den Griff bekommt.

Im November 1920 brannte das Kloster vollständig ab. Nur die Madonna überlebte

Waghäusel behauptet von sich, eine „Große Kreisstadt“ zu sein. Davon ist vor Ort allerdings nichts zu spüren. Was an der merkwürdigen Struktur dieser „Stadt“ liegt. Sie besitzt keinen eigentlichen Kern, sondern setzt sich zusammen aus drei eigenständigen Gemeinden: Wiesental (9900 Einwohner), Kirrlach (9500 Einwohner) und Waghäusel (1200 Einwohner). Zwischen den drei „Stadtteilen“ liegen Gewerbegebiete, verbunden durch große Straßen, und die Schnellbahnstrecke.

Die Zuckerfabrik war leider nicht der einzige Schicksalschlag, den Kloster Waghäusel im 20. Jahrhundert verkraften musste. In der Nacht vom 14. auf den 15. November 1920 brannte das Kloster vollständig ab. Lediglich die gotische Kapelle und die Madonna überlebten. „Unversehrt standen sie in rauchigen Ruinen“, berichtet die Chronik. Das zweite Wunder von Waghäusel.

Und 1972 wurde dann auch noch das Kernkraftwerk Philippsburg in Betrieb genommen. Seine beiden Kühltürme befinden sich gefühlt mitten im Klostergarten.

Bald schon soll der Park der Bischöfe wieder zum Flanieren locken

Doch es gibt Pläne für die Zukunft. Die Eremitage gehört jetzt der Stadt Waghäusel und soll schön restauriert werden. Für Kunst und Veranstaltungen. Der Park der Bischöfe wird wieder zum Flanieren locken. Und der Wagbach, der jahrzehntelang verdohlt war, wird soll im neuen Bett zu den Altrhein-Auen hinabplätschern. Sie entwickeln sich gerade zum naturgeschützten Paradies für Wasservögel.

Bei unserer Frauenwallfahrt stapften wir allerdings noch tapfer durch die Brache. Bis endlich die Kirchentür hinter uns ins Schloss fiel. Auf einen Schlag war das Durcheinander weit weg. Und der unendliche Frieden der neubarocken Klosterkirche umfing uns. Eine andere Welt.

Schon im 17. Jahrhundert hatte Fürstbischof Cosmas-Damian von Schönborn die Obhut über die Wallfahrt dem Kapuzinerorden übertragen. Die Mönche haben diesen Auftrag stets treulich erfüllt. 1999 jedoch übergaben die Kapuziner das Kloster an die Kongregation der „Brüder vom gemeinsamen Leben“. Das sind Augustiner-Chorherren, meist Priestermönche.

Die Vision: Das Kloster soll zu einem „Haus der christlichen Nächstenliebe“ werden

Die „Brüder vom gemeinsamen Leben“ haben eine große Vision: Ihr Kloster soll zu einem „Haus der christlichen Nächstenliebe“ werden. Ein Ort, an dem „Menschen zusammen leben, die ihre geistliche Berufung bislang nicht leben konnten“. Das mögen Alleinstehende sein oder Paare. Männer oder Frauen. Alte oder Junge. Sogar Familien. Sechs 1- bis 3-Zimmer-Wohnungen sollen im ersten Bauabschnitt entstehen.

Auch ein neues Gästehaus ist geplant. Weil die Sehnsucht nach Auszeiten im Kloster von Jahr zu Jahr beständig steigt. Ende 2014 soll das Gästehaus fertig sein.

Dass Kloster Waghäusel tatsächlich ein Ort ist, an dem die Seele Trost findet, zeige die enorm vielen Beichtstühlen in der Klosterkiche. Sie werden sehr frequentiert. Bei unserer Ankunft ging die Beichtgelegenheit gerade zu Ende. Die Kirche leerte sich rasch, so dass wir in Ruhe Andacht halten konnten.

Das heutige Gotteshaus ist neubarock. Nur der spätgotische Chor hat überlebt.

Das heutige Gotteshaus stammt aus dem Jahr 1921. Nur der spätgotische Chor hat den Brand überlebt und ist noch original erhalten. 1984 wurde er modern umgestaltet. Die Chorfenster hat der Neckarsteinacher Künstler Valentin Feuerstein entworfen.

Die linke Seite der Kirche dominieren die neubarocke Kanzel und der Josefsaltar aus dem Jahr 1931. Wir sehen den „Tod des heiligen Josef“ auf einem volkstümlichen barocken Gemälde. Und direkt daneben eine Gedenktafel für den Kapuzinerpater Martin von Cochem. Er verfasste 1710 „Waghäuseler Wallfahrtsbüchlein“. Es war einst sehr berühmt.

Das Herz des Bischofs ruht in einer kleinen Nische unterhalb des Gnadenbildes

Die kleine Madonna steht auf dem rechten Seitenaltar. Kunsthistoriker sprechen von einer „lothringischen, kleinfigurigen Stehmadonna“. Für die Gläubigen ist sie die „Mutter mit dem gütigen Herzen“.

Das hat auch der Speyerer Fürstbischof Franz Christoph von Hutten so empfunden. Er war ein großer Förderer der Waghäusler Wallfahrt. Als er der Bischof 1770 starb, hat er der Madonna von Waghäusel testamentarisch sein Herz geschenkt. Es ruht in einer kleinen Nische unterhalb des Gnadenbildes. Der Leichnam Franz Christoph von Huttens hingegen wurde in der Gruft der Bruchsaler St. Peters-Kirche bestattet.

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