Binau: Kleinod an der Neckarschleife

Die evangelische Kirche von Binau wacht seit 650 Jahren über den Neckar

Es war schon speziell, wie die Herren von Dauchstein ihr Geld verdienten. Sie spannten eine Kette quer über den Neckar, so dass kein Schiff passieren konnte. Dann kassierten sie Zoll und „dauchten“ die Kette unter.

Um ja kein Boot zu verpassen, bauten sich die Ritter am Steilufer eine Burg mit quadratischem Bergfried. Dieser Turm diente 1350 als Vorbild für das Kirchlein im benachbarten Weiler Binau. Es war eine Wehrkirche. Bei Gefahr verschanzten sich die Binauer dort und läuteten um Hilfe. Das könnten sie theoretisch noch heute tun, denn die Kirche wacht nach wie vor über die große Neckarschleife. Mehr als 650 Jahre alt und hübscher denn je.

Das Dorf liegt auf einer Halbinsel, von drei Seiten neckarumschlossen

Seine glanzvollste Zeit erlebte Binau im Barock, als der Kurfürst hier logierte

Binau ist ein kleiner Garten Eden. Das Dorf liegt auf einer weiten Halbinsel, von drei Seiten neckarumschlossen. Der Odenwald schirmt die kalten Nordwinde ab, die Spiegelung des Wasser verstärkt die Sonne. Die Böden sind fruchtbar, die Äpfel zuckersüß, der Fischreichtum des Neckars war früher legendär. Eine Straße nach Binau gab es bis ins 18. Jahrhundert nicht. Weshalb der Dreißigjährige Krieg das Dorf übersehen hat. Erst die Moderne entzauberte das Idyll. Seit 1967 blickt die Burg Dauchstein auf das Kernkraftwerk Obrigheim. Heute ebenso eine Ruine wie die Burg.

1448 erwarben die Freiherren Rüdt von Bödigheim das Dörfchen Binau. Da sie keinerlei Absicht hatten, in einer zugigen Burg zu leben, bauten sie sich im Dorf ein Schloss. Direkt neben der Kirche. So hatte man gleich eine standesgemäße Grablege. Tatsächlich besaß die Binauer Kirche, so klein sie auch war, im Chor Wandmalereien von hoher Qualität. Im Mittelalter müssen sie gefunkelt haben, das Barock ließ sie überstreichen. Erst 1926 wurden die Fresken entdeckt und freigelegt. So gut es ging.

Als der Maler fertig war, hatte er vergessen, wie die Evangelisten heißen

Die Wandmalerein waren einst von hoher Qualität, dann wurden sie übertüncht

Das Kreuzrippengewölbe zieren die Symbole der vier Evangelisten. Man erkennt die geübte Hand eines spätgotischen Malers, der allerdings noch nie einen Adler gesehen hatte. Sein Johannes trägt einen Rabenkopf. Richtig daneben lag ein Restaurators einige Jahrzehnte später. Als er die Fahnen vier Evangelisten frisch geweißelt hatte, war ihm entfallen, welcher Name zu welchem Symbol gehört. In Binau heißt der Engel seither Lukas, der Stier Matthäus. Rätselhaft sind die Figuren in der Leibung des gotischen Chorbogens. Wir sehen fünf nackte Menschen, die sich in den Ästen eines Baumes verfangen haben. Der Stammbaum der Menschheit? Das Paradies? Die Marter der zehntausend Christen? Niemand weiß es.

Kurfürst Karl Theodor lobte Binau als „sehr schönen Orth“

Ende des 16. Jahrhunderts führten die Ritter in Binau die lutherische Reformation ein. Dabei blieb es. Bis heute gibt es in der 1400-Seelen-Gemeinde keine katholische Kirche. Was umso erstaunlicher ist, als Binau seine glanzvollste Zeit einem strenggläubigen Katholiken verdankt. Graf Andreas von Riaucour war sächsischer Gesandter am Mannheimer Hof und ein enger Freund von Kurfürst Karl Theodor. 1748 verspürte der Graf den Wunsch, ein Jagdschloss zu besitzen. Der Kurfürst empfahl Binau als einen „sehr schönen Orth“. Zumal das dortige Schloss gerade durch einen Barockbau ersetzt worden war.

Die Freiherren Rüdt von Bödigheim wählten im 16. Jahrhundert den Chor als Grablege

Graf Riaucour war so entzückt, dass er sogar die Klausel akzeptierte, dass die Binauer Kirche niemals katholisch werden durfte. Was nicht hieß, dass man sie nicht modernisieren konnte. Der Graf beorderte den Mannheimer Hofarchitekten Rischer an die Neckarschleife. Dieser krönte den uralten Wehrturm mit einer verspielten welschen Haube und ließ das Langhaus komplett neu bauen. In barockem Stil. Mit schicker Holzempore, roten Quadern und rundem Eingangsportal. Über ihm hängt opulent – das Wappen des katholischen Grafen.

Kirchenfakten

Ein Gedanke zu „Binau: Kleinod an der Neckarschleife

  1. Sie haben da ja einen ganz wunderbaren Blog! Warum finde ich den jetzt erst? Schon viel gestöbert seit gestern – ich bin begeistert! Und werde mich zu dem einen oder anderen Ziel direkt mal auf den Weg machen. Das Kirchlein in Binau steht ganz oben auf der Liste – von dem wusste ich kaum etwas – und das, obwohl ich seit 19 Jahren im Landkreis wohne… *kopfschüttel*.
    Herzliche Grüße aus dem Hohen Odenwald!

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