Mannheim: Der Sehnsuchtsort des Kurfürsten

Mannheim hat einst geleuchtet. In der Schlosskirche ahnt man das noch.

An einem Winterabend des Jahres 1948 versammelten sich Mannheims Honoratioren um zwei prachtvolle Zinksärge. In einem ruhte Kurfürst Carl Philipp von Pfalz-Neuburg, im anderen seine dritte Ehefrau Violanta. Über 200 Jahre waren die Durchlauchte schon tot, jetzt sollten die Särge geöffnet werden.

Man wollte die wertvollen Grabbeigaben vor den Wirren der Nachkriegszeit beschützen. Bei Violanta fanden die Herren nur noch Knochen. Der Kurfürst jedoch lag einbalsamiert im Habit der Jesuiten und mit Schnallenschuhen an den Füßen. Sogar sein Gesicht konnte man erkennen. Das beweist ein Foto, das in der Gruft der Mannheimer Schlosskirche hängt. Carl Philipp hat das barocke Gotteshaus gebaut, geliebt und täglich darin gebetet.

Das Barockschloss erstreckte sich über 450 Meter. Nur Versailles war größer.

Carl Phillip 200 Jahre nach seinem Tod

Im 18. Jahrhundert war Mannheim eine der schönsten Städte der Welt. Die Front des prächtigen Barockschlosses erstreckte sich über 450 Meter. Nur Versailles und der Kreml waren größer. Carl Philipps Traumschloss lag eingebettet in eine phantastische Parklandschaft entlang des Rheins. Der Kurfürstliche Hof galt als Weltzentrum für Wissenschaft und Kunst. Voltaire reiste regelmäßig an. Mozart wäre gern für immer geblieben, doch niemand bot ihm eine Stelle an. So strahlte Mannheim.

Der Zweite Weltkrieg hat all den Glanz ausgelöscht. 80 Prozent der Stadt lag in Schutt und Asche, das Schloss existierte nicht mehr. Nur Ödnis. Zehn Jahre lang. Dann hatten die Mannheimer ihr „Barockschloss“ inklusive Schlosskirche wieder aufgebaut. Zwar einen Tick schlichter als zuvor, aber immerhin.

Die Schlosskirche ist von außen leicht übersehen, so nahtlos passt sie sich ins Gesamtensemble ein. Kein Turm, keine Kuppel, nur Paul Egells grandioses Rokoko-Relief von 1731 ziert die Hofkapelle. Es ist ein Meisterwerk. Das einzige, das die Bomben überlebt hat.

Durch sieben Rundbogenfenster flutet der Tag herein

Wer die schlichte Kirchentür öffnet, hält unwillkürlich den Atem an.

Wer die schlichte Kirchentür öffnet, hält unwillkürlich die Luft an. Vor ihm weitet sich eine lichte, elegante, harmonische Halle mit imposantem Hochaltar. Durch sieben hohe Rundbogenfenster flutet der Tag herein. Ein sonniger Vormittag verwandelt den Kirchenraum in ein goldgelbes Paradies. Zumal das Deckengemälde sich geradewegs in den Himmel zu öffnen scheint. Das großrahmige Fresco stammt aus den 1960-er Jahren. Der Kunstmaler Carolus Vocke hat es anhand einer alten Fotographie nachgeschöpft. Das barocke Original hatte Cosmas Damian Asam geschaffen.

Carl Philipp war ein sehr gläubiger und sehr katholischer Kurfürst. Vor wichtigen Entscheidungen lag er viele Stunden ausgestreckt auf dem Boden seiner Schlosskirche und betete. Was nichts mit frommer Askese zu tun hatte. Im Gegenteil. Wie alle absolutistischen Herrscher entfaltete auch Carl Philipp in seiner Schlosskirche die maximale barocke Pracht.

Das Deckengemälde ist eine Nachschöpfung des einstigen Originals.

Es muss etliche mit Blumen, Kerzen und Reliquien geschmückte Seitenaltäre gegeben haben und natürlich eine Kanzel.

Mozart: „Das Mannheimer Orchter ist das beste in Deutschland“

Die Empore über dem Eingang, wo heute die Orgel steht, besaß im 18. Jahrhundert Glasfenster und eine Heizung. Von dieser Hofloge aus folgten die Kurfürsten den Messen, die mehr als zwei Stunden dauern konnten.

Es waren prunkvolle Inszenierungen mit Musik. „Das Mannheimer Orchester ist ohne Widerspruch das beste in Deutschland“, schrieb der 21-jährige Mozart an seinen Vater. Bis zu 80 Musiker fasst die Orchesterempore, die den Hochaltar umrahmte. „Ich wollte lieber ein paar Finger verlieren“, notierte der Dichter Christoph Martin Wieland begeistert, „als die Christmette in der Hofkirche zu Mannheim.“

Wo heute die Orgel steht, betete früher der Kurfürst in einer verglasten Loge

1778 war es mit den Hochämtern in der Schlosskirche vorbei. Kurfürst Karl Theodor hatte Bayern geerbt und übersiedelte mitsamt seinem Hofstaat nach München. 1803 wurde das Gotteshaus unter Napoleon säkularisiert. Die Schlosskirche diente nun dem Roten Kreuz als Lager und Lazarett. 1874 übergab der Badische Großherzog die Schlosskirche der alt-katholischen Gemeinde, die sich gerade gegründet hatte. Alt-Katholiken glauben nicht an die Unfehlbarkeit des Papstes. Ihre Priesterinnen und Priester dürfen heiraten.

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