15. Heidelberger Frauenwallfahrt: Ladenburg

Der 7. Oktober 2017 war ein schöner bunter Herbsttag. Die Sonne spickte zwischen lockerem Gewölk hervor und auf dem stillen Neckar zogen Enten und Schwäne ruhig ihre Bahnen.

Um 9.21 Uhr hatten wir im Heidelberger Hauptbahnhof den Regionalexpress bestiegen. In nur 14 Minuten brachte er uns nach Ladenburg. Einen Bahnhof gibt es hier nicht mehr, der Zug hält direkt hinter der Neckarbrücke. Wir stiegen die lange Treppe hinab, wandten uns nach rechts und standen am Fluss.

Ein schöner Weg führt direkt am Neckar entlang zur Altstadt. Man geht fast auf Wasserniveau. Manchmal raschelte es verdächtig in den Büschen, aber wir sahen keine anderen Tiere als Enten und Schwäne.

Mittendrin steht die erste Garage der Welt

Der Uferweg mündete in einen Park mit hohen, alten Kastanienbäumen. Sie erhoben sich über einem Teppich aus goldenem Laub, auf den dunkle Früchte herabploppten. Sehr zur Begeisterung der Ladenburger Hunde.

Mittendrin in dem Park stand ein Gebäude aus altem Sandstein, das aussah wie eine Mischung aus Schlösschen und mittelalterlichem Wehrturm. Es war jedoch eine Garage. Genauer gesagt: Die erste Garage der Welt.

Carl Benz, der Erfinder des Automobils, hatte hier einst seinen Prototyp untergestellt. Im Geschoss darüber hat Benz experimentiert. Für die Ladenburger ist Carl Benz ein Held. Der wichtigste Mensch, der je in ihrer Stadt gelebt hat. Wichtiger als die Römern und die Bischöfe zusammen.

Der heutige Benzpark war einst der Familiengarten

Es war der Silvesterabend des Jahres 1879, als es Benz endlich gelang, seinen Benzinmotor dauerhaft zum Laufen zu bringen. 1885 hatte er das erste selbstfahrende Automobil fertiggestellt. Es sah aus wie eine Art Dreirad und erreichte eine Höchstgeschwindigkeit von 16 Kilometern.

Die Weltaustellung 1900 in Paris machte das Auto populär und Carl Benz zum reichen Mann. 1903 übersiedelte er mit seiner Berta und den fünf Kindern nach Ladenburg. Der heutige „Benzpark“ war einst der Garten ihres Familienwohnhauses.

Carl Benz ist 1929 in Ladenburg gestorben. Seine Frau Berta überlebte ihn um fast zwanzig Jahren. Sie starb hochgeehrt 1944. Heute gehört die Benz’sche Villa der Daimler AG.

Fließendes Wasser für 400 Haushalte

Kaum hatten wir die Benz-Garage passiert, standen wir auch schon vor dem Ladenburger Wasserturm. Er wurde erbaut, als die Familie Benz ihre Villa bezog: 1903. Der Turm misst 42 Meter und versorgte einst 400 Ladenburger Haushalte mit fließendem Wasser.

1991 stellte man den Wasserturm außer Betrieb. Er verfiel, Mauerbrocken stürzten herab, der Abriss drohte. Doch in letzter Sekunde fand sich ein anonymer Sponsor, der den Turm sanieren ließ. Ab Sommer 2021 soll man ihn wieder besichtigen können. Manchmal.

Auf der Neckarwiese rund um den Wasserturm entdeckten wir verblüffend viel moderne Kunst. 2005 war Ladenburg der Schauplatz einer kleinen Landesgartenschau. Das „Grünprojekt“ hat Spuren hinterlassen.

Bis ins Mittelalter hinein lag Ladenburg direkt am Fluss

Wir überquerten die Neckarstraße und folgten der Bordhofstraße in Richtung Altstadt. So kamen wir zur „Deichwiese“. Was aussieht wie eine naturbelassene Grünfläche, ist in Wirklichkeit ein verlandeter Neckararm. Bis ins Mittelalter hinein lag Ladenburg direkt am Wasser. Alle menschliche Kultur ist an Flüssen entstanden. Sie waren Verkehrsweg, Wasserlieferant, Jagdgrund.

Der Name Ladenburg kommt aus dem Keltischen. „Lopa“ heißt Fluss, „dunon“ Burg. Die Römer, die 72 n. Chr. in Ladenburg ein Kastell errichteten, machten daraus „Lopodunum“.

Um 98 avancierte Ladenburg zur „civitas“, also zu einer richtigen Römerstadt. Das Kastell wurde abgerissen, die neue Stadt in hochwassergeschützter Lage gebaut. Ladenburg ist damit die älteste deutsche Stadt rechts des Rheins.

Das Römische Forum war das zweitgrößte Bauwerk in Deutschland

Auf einer bequemen Treppe stiegen wir von der Deichwiese hinauf zur einstigen Stadtmauer. Ein paar römische Mauern und Säulen gibt es hier noch. Lopodunum lag etwa zwei Meter tiefer als das heutige Straßenniveau.

Im Mittelpunkt der Römerstadt stand ein Forum mit riesiger Marktbasilika. Der enorme Komplex maß 130 Meter in der Länge und 85 Meter in der Breite. Das Forum endete in dort, wo heute die beiden Türme von St. Gallus zum Himmel streben.

Ladenburgs Forum war das zweitgrößte Bauwerk der Römer in Deutschland. Nur in Trier, der römischen Hauptstadt, hat man opulenter gebaut.

Den römischen Bewohnern von Lopodunum mangelte es an nichts. In den Markthallen gab es Luxuswaren aller Art: Tongefäße, Textilien, Glas, exotische Lebensmittel. Man badete in einer Therme mit Fußbodenheizung und amüsierte sich in einem Amphitheater für 5000 Zuschauer.

Der Bischofshof ist das einzige erhaltene Renaissance-Schloss der Kurpfalz

Im 3. Jahrhundert war es vorbei mit der römischen Hochkultur. Der Limes fiel, die Alamannen kamen. Die Jupiter-Giganten-Säule vor dem Bischofshof hat ein Römer 233 aus Angst vor den nahenden Horden in einen Brunnen gestürzt. Erst 1973 wurde sie gefunden.

Direkt auf der alten Römermauer steht seit 1483 der traumschöne „Bischofshof“. In ihm residierten über 300 Jahre lang die Bischöfe von Worms. Die gotische St. Gallus-Kirche von Ladenburg zieren deshalb zwei Türme. Dieses Privileg stand nur Bischofskirchen zu.

Der Bischofshof ist das einzige erhaltene Renaissance-Schloss der Kurpfalz. Heute birgt er das Lobdengau-Museum.

Was hatten die Bischöfe von Worms in Ladenburg zu suchen?

Fragt sich natürlich jeder, was die Bischöfe von Worms in Ladenburg zu suchen hatten? Warum sind sie nicht am Rhein geblieben, wo sie einen der ältesten Kaiserdome der Welt ihr eigen nannten?

Die Antwort erzählt nicht von Gott und Glauben, sondern von Geld und Macht. Worms war im Mittelalter eine wohlhabende „Freie Reichsstadt“. Zahllose Reichstage wurden hier abgehalten, der Handel blühte und gedieh. Wie auch das Selbstbewusstsein der Wormser Kaufleute und Handwerker. Von Jahr zu Jahr schmeckte es ihnen weniger, den Bischöfe zu gehorchen, die die Stadt regierten.

Man erkämpfte sich einen Stadtrat, in dem die Zünfte und die Honoratioren vertreten waren. Man bestand auf freiem Schankrecht und reduzierten Steuern. Die Bischöfe konterten mit Exkommunikation und dem Verlust des ewigen Seelenheils.

Als der Wormser Rat schließlich auf die Idee verfiel, die Geistlichkeit könne doch auch Steuern zahlen wie alle anderen Bürger, kehrten die Exellenzen dem Rhein wutentbrannt den Rücken und übersiedelten an den Neckar.

1502 machte sogar Kaiser Maximilian I. im Bischofshof Station

Ladenburg gehörte seit 1011 dem Bistum Worms. Die Bevölkerung war hocherfreut über die Ankunft und das Geld der Bischöfe, die sofort anfingen zu bauen.

Der Bischofshof mit seiner eleganten Bemalung ist nicht in einem Guss entstanden. Jeder Oberhirte hat eine Zutat hinzugefügt. Hier einen Erker, dort ein Türmchen, da ein weiteres Gemach. Die alten Verteidigungsanlagen der Stadt verwandelten die geistlichen Herren in einen riesigen Park, in dem sogar Hirsche und Rehe herumsprangen.

Der Aufenthalt von vier Königen im Ladenburger Bischofshof ist nachgewiesen. 1502 machte sogar Kaiser Maximilian I. hier Station. Ladenburg – eine Stadt von Weltrang.

Zur Mittagszeit fühlt man sich wie in einem Park in Italien

Sein persönliches Wappen pinnten jeder Bischof in Stein an die Außenwand des Schlösschens. Das Siegel des Bistums Worms zeigt einen silbernen Schlüssel auf schwarzem Grund, umrahmt von acht goldenen Sternen.

Der Bischofshof ist noch immer sensationell schön. Zur Mittagszeit in der Herbstsonne fühlten wir uns wie in einem Park wie in Italien.

Natürlich haben die Bischöfe in Ladenburg auch regelmäßig gebetet. Hierfür nutzten sie die kleine Sebastianskapelle im Bischofspark. Das Kirchlein ist eines der ältesten christlichen Bauwerke der Region. Teile des Turms stammen noch aus dem 8. Jahrhundert. Karolingisch. Die Zeit der Franken.

Das frühromanische „Querschiff“ entstand um 1050. Vielen archaische Dämonen hocken auf den Simsen. Sie erinnern stark an den Dom von Worms. Spannend ist die achteckige steinerne Haube aus dem 13. Jahrhundert. Das Spitzdach kopiert die Nomadenzelte Syriens. Die Kreuzritter haben von ihren Fahrten Zeichnungen davon mitgebracht.

St. Sebastian ist das älteste christliche Bauwerk der Region. Karolingisch.

Der Innenraum der Sebastianskapelle ist prächtig ausgeschmückt mit Fresken, Blumen und Arabesken zum Teil noch aus dem 14. Jahrhundert. Ein besonders eindrucksvolles Fresco krönt den Triumphbogen. Man sieht Christus als Weltenrichter beim Jüngsten Gericht. Das Barock hat alle Malereien übertüncht. Erst 1960 wurden sie wiederentdeckt.

Ein Geheimnis hütet die Sebastianskapelle auch. Bei einer Renovierung entdeckten die Arbeiter unter dem Bodenbelag ein anonymes Grab. Vermutlich handelt es sich um die Ruhestätte des Wormser Bischofs Ludwig-Anton von Pfalz-Neuburg, einem jüngeren Bruder des Kurfürsten.

1694 ist er mit 34 Jahren an der Pest gestorben. Merkwürdig nur: Es gibt Unterlagen über eine „Leichenpredigt“, die angeblich bei der Beisetzung Ludwig-Antons in der Düsseldorfer Familiengruft gehalten wurde. Doch wer ist dann der Tote in Ladenburg?

Leider kann man die Sebastianskapelle momentan nicht betreten. Sie wird umfassend saniert. Seit 2017 gehört die profanierte Kapelle der Stadt Ladenburg. Später soll sie vermietet werden für Veranstaltungen, Konzerte oder Ausstellungen.

Der Kaiser kam eigens für die Weihe der romanischen Kapelle nach Ladenburg

Wir folgten der gewundenen Kirchstraße, in der früher die Geistlichen und Bedienstete der Bischöfe gewohnt haben. Auf dem Pflaster sind die Umrisse der gewaltigen römischen Marktbasilika aufgemalt, die einst hier stand.

Es fiel uns ziemlich schwer, uns die riesige Halle vorzustellen. Sie erstreckte sich vom Bischofshof bis zum Chor von Sankt Gallus. In der Krypta der Gallus-Kirche kann man noch römische Quadersteine entdecken.

Die Gallus-Krypta ist uralt. Romanisch. Rund. 1006 wurde das Kirchlein vom Wormser Bischof Burchardt geweiht. In Anwesenheit von Kaiser Heinrich II., der es sich nicht hatte nehmen lassen, eigens für die Weihe nach Ladenburg zu reisen.

Die Krypta besitzt wunderschöne Wandmalereien aus dem 14. Jahrhundert. Man sieht Christus, der auf einem Regenbogen thront, und eine sehr frühe Darstellung des heiligen Franziskus. Leider ist die Krypta feucht, was den Fresken schadet. Der Zugang für Besucher wird nur noch sehr selten gestattet.

St. Gallus ist eine der ältesten gotischen Basiliken Deutschlands

Sankt Gallus ist eine der ältesten gotischen Basiliken Deutschlands. Der kühne Chor entstand vor 1250. Er war also schon da, bevor die Bischöfe nach Ladenburg übersiedelten.

Das prachtvolle Langhaus mit dem federleichten Kreurippengewölbe kam erst 1412 hinzu. In diesem Jahr erhielt die Kirche auch ihren Südturm. Es war ihr zweiter Turm. Was beweist, dass die Exzellenzen zu dieser Zeit schon über Ladenburg als möglichen Wohnort nachgedacht haben.

Ganz so sphärisch wie ihre eleganten Schwestern in Frankreich wirkt die St. Gallus-Basilika nicht. Was zum einen an den noch sehr stämmige Rundpfeilern liegt. Zum anderen aber auch an den römischen Fundamente, auf denen die Kirche errichtet ist. Sie machen Sankt Gallus ungotisch breit. Wo wir heute den Chor sehen, traf sich einst der Stadtrat von Lopodunum zu seiner Sitzung.

All diese Pracht starb am Karfreitag des Jahres 1565. Auf dem Scheiterhaufen des Kurfürsten

1864 versuchten Ladenburgs Katholiken ihre Kirche optisch zu strecken, indem sie das Schiff nach Westen um ein Joch verlängerten. Bei dieser Gelegenheit erhielt St. Gallus ein neugotisches Hauptportal. Das Tympanon über dem Portal zeigt ein irisches Mönchs-Quartett zu Füßen der Muttergottes. Zweiter von rechts ist der heilige Gallus.

Die Basilika von Ladenburg muss zur Zeit der Bischöfe phantastisch ausgestattet gewesen sein. Gold glänzte, wohin man auch sah. Kerzen funkelten. Altar reihte sich an Altar.

Meist waren es kostbare Flügelaltäre, die je nach Festzeit aufgeklappt werden konnten. Wohlhabende Ladenburger Familien hatten sie gestiftet. Als Anzahlung auf das ewige Seelenheil. Dahinter leuchteten geheimnisvoll bunte Kirchenfenster. Sie erzählten die Geschichten von Heiligen und tauchten das Schiff in diffuses Schimmerlicht.

All diese Pracht starb am Karfreitag des Jahres 1565. Auf den Scheiterhaufen des calvinistischen Kurfürsten von Heidelberg.

Mitten im Hochamt schlug der katholische Bischof dem reformierten Pastor den Psalter auf den Kopf

Die Bischöfe von Worms nämlich herrschten in Ladenburg nicht allein. Seit 1375 mussten sie sich die Stadt mit den Pfälzischen Kurfürsten teilen. Zweihundert Jahre lang war das kein Problem. Alle glaubten katholisch. Doch die Lage änderte sich schlagartig, als Kurfürst Ottheinrich 1556 in der Kurpfalz die Reformation einführte. Er bestimmte, dass St. Gallus künftig von beiden Konfessionen gemeinsam genutzt werden sollte.

Das hat nie funktioniert.

Unentwegt stritten sich die Bischöfe mit den Kurfürsten. Wie der moderne Brunnen in der Hauptstraße wunderbar zeigt.

Bei der Weihnachtsmesse 1564 schließlich kam es zum Eklat. Mitten im Hochamt schlug der katholische Bischof dem reformierten Pastor den schweren Psalter auf den Kopf, um ihn aus der Kirche zu vertreiben. Kurfürst Friedrich III. interpretierte diese Tätlichkeit als klaren Vertragsbruch.

Der calvinistische Kurfürst schickte seine Soldaten. Sie räumten St. Gallus komplett leer. Alle Kunstschätze und Altäre wurden verbrannt. Die Wände geweißelt, wodurch auch die kostbaren Fresken verschwanden. Der katholische Glanz von St. Gallus lag in Schutt und Asche. In den folgenden 150 Jahre diente das Gotteshaus als reformierte Stadtkirche Ladenburgs. Die katholische Minderheit übersiedelte in die Sebastianskapelle.

Die Lilien der Bischöfe retteten Ladenburg vor der Zerstörung

Das Jahr 1688. An der Bergstraße wütete der Pfälzer Erbfolgekrieg. Auch Ladenburg hatten die Truppen des französischen Sonnenkönigs Ludwigs XIV. rasch erobert. Die Stadt war dem Untergang geweiht.

Doch kaum angekommen, entdeckte der französische Commandeur an einer alten Glocke ein Wappen mit weißen Lilien. Es gehörte einst einem der Bischöfe. Der Soldat jedoch hielt es für die Insignien des französischen Sonnenkönigs und erschrak zutiefst. Wenn das hier französisches Besitztum war, machte er mit der Vernichtung der Stadt womöglich einen großen Fehler!

Schnell suchte der Heerführer mit seinen Soldaten das Weite. Ladenburg blieb als einzige Stadt in weitem Umkreis unzerstört. So erzählt es die Legende.

Die evangelische Pfarrfamilie lebt in einem Park voll Sonne

Ab 1697 bestimmte wieder ein katholischer Kurfürst über die Geschicke der Kurpfalz: Philipp Wilhelm von Pfalz-Neuburg. Er residierte in Düsseldorf. Sein jüngerer Bruder Ludwig-Anton, dessen Gebeine angeblich in der Sebastianskapelle ruhen, war Bischof von Worms. Kaum geweiht, formierte er ein stattliches Heer, kaperte die Ladenburger Galluskirche und besetzte sie.

Notgedrungen „tauschten“ die Protestanten St. Gallus gegen den ehemaligen Mönchhof nebenan. Heute sind sie mit dieser Lösung sehr zufrieden.

Die evangelische Pfarrfamilie von Ladenburg lebt in einem kleinen Paradies. Der Park ist voll von Sonne und exotischen Pflanzen, das barocke Pfarrhaus ein Schmuckstück und die neugotische Kirche exquisit renoviert.

Hermann Behaghel, der rastlose Badische Oberbaurat, hat sie 1878 entworfen. Als Zwilling. Ein baugleiches Gotteshaus steht in Sandhausen. Mehr als 30 neugotische Kirchen hat Behaghel im Rhein-Neckar-Raum gebaut. Wie viele von ihnen ist auch die Ladenburger namenlos.

Die neugotische Girlanden- und Rankwerkmalerei wurde wieder freigelegt. Ein Garten Gottes

Die Stiftung Schönau ist für die Ladenburger Kirche baupflichtigt. Zum Glück. 1997 ließ sie das Gotteshaus mit viel Mühe und Geld wieder in seinen Urzustand zurückbauen. Die neugotische Holzdecke wurde ebenso freigelegt, wie die Girlanden- und Rankwerkmalereien, die Lilien und die Passionsblumen an den Wänden. Ein Garten Gottes. Passend dazu sieht man im Chorfenster die Himmelfahrt Christi.

Die katholische St. Gallus-Kirche nebenan hatte leider nicht so viel Glück. Sie musste zwei Modernisierungswellen erdulden. Die reiche, prunktvolle Ausstattung des Barock fiel Ende des 19. Jahrhunderts dem Historismus zum Opfer.

Nur die beiden barocken Figuren des heiligen Wendelin und des heiligen Gallus, die heute den Chor schmücken, haben überlebt. Sie künden von der einstigen Pracht des barocken Hochaltars.

Um zu erahnen, wie großartig St. Gallus einst ausgestattet war, muss man nach Heidelberg reisen

Um wirklich zu erahnen, wie großartig St. Gallus einst ausgestattet war, muss man nach Heidelberg reisen: Den Hochaltar der Jesuitenkirche flankierten Petrus und Paulus. Sie gehören eigentlich nach Ladenburg.

Das historistische Mobiliar von St. Gallus wurde in den 1970er-Jahre durch unspektakuläres „modernes“ Inventar ersetzt. Einzig wirklich gelungen sind die kleinteiligen Glasfenster von Valentin Feuerstein. Sie beziehen sich zurück auf die gotischen Originale und geben eine vage Vorstellung davon, wie das bunte Licht einst durch St. Gallus tanzte.

Das „Heylmannsche Kreuz“ soll Heilkräfte besitzen

Abschied von St. Gallus nahmen wir vor dem „Heylmannschen Kreuz“. Das eindrucksvolle mittelalterliche Kruzifix soll Heilkräfte besitzen. Früher stand es draußen auf der Straße, doch dann haben französische Soldaten dem Heiland im Eifer eines Gefechts einen Arm abgehauen.

Ein gelähmter Ladenburger nutzte die Gunst der Stunde zu einem Schwur : Wenn ich gesund werde, gebe ich dem Heiland seinen Arm zurück. Es soll funktioniert haben.

Ebenso wie die wundersame Rettung der Tochter des Ritters Hans von Sickingen. Eines Tages verirrte sich die Jungfer in dem tiefem, undurchdringlichen Buchenwald, der Ladenburg im 15. Jahrhundert umgab. Es wurde Nacht, die Hoffnung schwand. In seiner Verzweiflung befahl der Ritter um 23 Uhr, die kleine Glocke von St. Gallus zu läuten, damit seine Tochter sich daran orientieren konnte. Das Mädchen ist wohlbehalten heimgekehrt.

Zum Dank für die Rettung hat der Ritter eine Stiftung gemacht. Das Glöckchen leutet noch heute jeden Abend um 23 Uhr. Allerdings nicht mehr für verirrte Mädchen, sondern für Ladenburgs „Lumpen“, die um diese Zeit noch im Gasthaus sitzen. Wenn’s „Lumpenglöckel“ schlägt ist es Zeit nach Hause zu gehen.

Die Muttergottes auf dem Markt ist kein Original. Sieht aber danach aus

Knapp 12.000 Einwohner zählt Ladenburg. Viele von ihnen leben in bildhübschen Fachwerkhäusern entlang der geschwungenden mittelalterlichen Gassen. Ein sonniges, warmes, friedliches Städtchen.

Der schönste Platz ist natürlich der Marktplatz. Seine Mitte ziert ein Brunnen mit einer Marienstatue auf hoher korinthischer Säule. Die Muttergottes ist kein Original. Sie 1970 wurde zur Erinnerung an die verschollene barocke Mariensäule aufgestellt.

Am Ladenburger Markt stärkten wir uns. Dann brachte uns der Bus 628 in Richtung Wilhelmsfeld bequem zum Bahnhof Schriesheim. Dort hatten wir direkt Anschluss an die Straßenbahn Nummer 5 nach Heidelberg.

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