Heidelberg: Der stille Star

Die barocke St.-Anna-Kirche sieht immer aus, als würde sie frieren

Gleich zu welcher Jahreszeit man sich St. Anna nähert, das Kirchlein sieht immer aus, als würde es frieren. Was daran liegt, dass es ursprünglich als eingekuschelte Kapelle zwischen zwei Flügeln eines Krankenhauses geplant war. Doch der zweite Teil des Spitals wurde nie gebaut, St. Anna blieb Torso.

Ihrer Beliebtheit tut das keinen Abbruch. Die Kirche ist der stille Star der Heidelberger Altstadt. Banker beten hier neben Studenten, Senioren neben Shoppern. Selbst Kurienkardinal Walter Kasper war schon da. Er kam an einem Dienstag. Zur Mittagsmesse.

Arme, Alte und Kranke waren im schmucken Barock nicht vorgesehen

Heidelbergs einziger Barockaltar, der noch am ursprünglichen Platz steht

Heidelberg zu Beginn des 18. Jahrhunderts. Eine wunde Stadt. Der Dreißigjährige Krieg hatte die Menschen ausgezehrt, der Pfälzische Erbfolgekrieg ihre Häuser in Asche gelegt. Jetzt wuchsen im Schatten der Schlossruine wieder stattliche Barockpalais heran. Ihre Erker zierten Madonnen, denn der neue Kurfürst glaubte katholisch.

Arme, Alte und Kranke waren im schmucken Barock nicht vorgesehen. Sie verwies man in die Vorstadt, wo die Ziegen weideten. „Plöck“ heißt bis heute die Straße, an der einst das Vieh angepflockt war. 1714 standen hier noch die Reste des Sankt-Anna-Friedhofs, in dem ein „Gesundbrunnen“ sprudelte. Der ideale Platz für die „Elende Herberge“. Das Patrozinium der Friedhofskapelle übertrug man kurzerhand auf die Spitalkirche.

Die Finesse des italienischen Architekten hat Heidelberg leider nicht verstanden

Die Putten ahmen die Bewegung der „Großen“ nach

1719 war’s vorbei mit dem neuen Heidelberg. Kurfürst Carl Philipp verkrachte sich mit der protestantischen Bürgerschaft und baute sein Versailles in Mannheim. Erst 1749 wurde St. Anna fertiggestellt. Die Kirche erhielt einen geschweiften Giebel, der eine Kuppel vortäuschen sollte. Das haben die Heidelberger leider nicht begriffen. Sie fügten Uhr und Fenster ein. Der Kuppeleffekt war perdu.

Vielleicht besser so. Denn St. Anna ist eine schlichte Kirche. Ein Saal, eine Empore und ein phantastischer Hochaltar, dessen mächtiges Kruzifix frei zum Himmel hinaufragt. Am Stamm des Kreuzes knien Rochus, der Patron der Kranken, und ein Engel. Zwei Putten am Drehtabernakel ahmen frech die Gesten der beiden Figuren nach. Es ist der einzige Barockaltar Heidelbergs, der noch an seinem ursprünglichen Standort steht.

Entsetzt verließen die Römisch-Katholischen St. Anna

Das aufregendste Kapitel im Leben von St. Anna begann 1870 nach dem Ersten Vatikanischen Konzil. Weil sie das Dogma der Unfehlbarkeit des Papstes nicht mittragen wollte, gründete eine Gruppe von Priestern die Altkatholische Kirche. Bei den Altkatholiken dürfen Priesterinnen und Priester heiraten und Synoden treffen die Entscheidungen.

Woher die hübsche Barockmadonna stammt, weiß heute niemand mehr

Als sich 1876 in Heidelberg eine altkatholische Gemeinde bildete, befand der Badische Großherzog, dass auch sie in St. Anna Gottesdienst feiern sollte. Entsetzen bei den Römisch-Katholischen. Zur Stund zogen sie um in die „Nothkirche“ im Hinterhaus der Hauptstraße 22.

Heute findet man hier das Verpackungsmuseum. Die Altkatholiken haben längst in der Erlöserkirche ihr Zuhause gefunden. Und St. Anna gehört offiziell der Stadt Heidelberg. Laut Vertrag von 1936 hat sie das Kirchlein der römisch-katholischen Altstadtgemeinde „geliehen in Ewigkeit“.

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