Heidelberg: Eine Halle aus Licht

Die Heidelberger Jesuitenkirche das reduzierteste aller barocken Gotteshäuser

Sie hat die Aura einer Königin. Stolz und elegant dominiert die Heidelberger Jesuitenkirche ihr Altstadtquartier. Dabei musste das barocke Gotteshaus schon viel mitmachen in seinem 258-jährigen Leben. Die Jesuitenkirche vegetierte halbfertig dahin, wurde als Lazarett missbraucht und wäre beinahe zur Universitätsbibliothek degradiert worden. Was unvorstellbar ist. Denn die Jesuitenkirche ist sakrale Architektur in Reinform. Eine Halle aus Licht.

Heidelberg im Jahr 1698. Fünf Jahre war es her, dass die Truppen des französischen Sonnenkönigs die Stadt in Schutt und Asche gelegt hatten. Nun plante Kurfürst Johann Wilhelm von Düsseldorf aus den Wiederaufbau Heidelbergs im barocken Stil. Und die Rückkehr des katholischen Glaubens an den Neckar, wofür er eine halbe Armee von Jesuiten entsandt hatte.

Mitten im Barock zeichnete der Hofbaumeister eine fast gotische Hallenkirche

Die Patres begannen zur Stund zu bauen. 1711 wurde das weitläufige Jesuitenkolleg eingeweiht, am 19. April 1712 legte man den Grundstein für eine gewaltige Jesuitenkirche. Der Entwurf von Johann Adam Breunig verblüffte. Mitten im Barock hatte der Hofbaumeister eine fast gotische Hallenkirche mit Pfeilern und Emporen gezeichnet. 1722 sollte das Werk vollendet sein.

Mit der Aura einer Königin beherrscht die Jesuitenkirche ihr Altstadtquartier

Es kam anders. 1716 starb Kurfürst Johann Wilhelm, seinem Nachfolger Carl Philipp war Heidelberg zu protestantisch und zu eng. Er übersiedelte nach Mannheim, wo er das zweitgrößte Barockschloss der Welt bauen ließ. Den Chor der Heidelberger Jesuitenkirche dichtete man notdürftig ab. Dann Stille.

Dreißig Jahre später galoppierte ein neuer Kurfürst heran. Karl Theodor besah sich den sakralen Torso und befahl die Fertigstellung. Im Spätjahr 1759 war die Jesuitenkirche vollendet. Hofarchitekt Franz Wilhelm Rabaliatti hatte das Gotteshaus mit einer italienischen Fassade geschmückt, die gewaltige Statuen krönten. Beim Innenleben der neuen Kirche jedoch hatte er drastisch gespart. Seitenemporen gibt es keine, die Pfeiler stehen bis heute funktionslos. Wahrscheinlich ist die Jesuitenkirche das reduzierteste barocke Gotteshaus, das je gebaut wurde. Was sie sensationell modern macht.

Durch mundgeblasene Klarglasfenster flutet das Licht ungehindert in die Kirche

1773 wurde der Jesuitenorden verboten, 1802 die Jesuitenkirche säkularisiert. Sehr zur Freude des großherzoglichen Oberbaumeisters Friedrich Weinbrenner. Er fand, die hellen Halle gebe eine erstklassige Bibliothek für die gerade wieder neu gegründete Heidelberger Universität ab. Der Bischof sah das anders. Seit 1809 ist die Jesuitenkirche die katholische Pfarrkirche der Altstadt.

Die gewaltige Kuhn-Orgel bedeckt ein futuristischer Schleier aus Metall

So hell wie heute war die Kirche freilich nicht immer. 1872 verpasste man der Jesuitenkirche bunte Glasfenster und eine ausgemalte Decke. Das monumentale Gemälde über dem Hochaltar ist ein Relikte dieser Höhlenphase. Aber auch der Glockenturm stammt aus dem Jahr 1872.

Seit 2004 ist die Jesuitenkirche wieder mit weißem Kalk verputzt wie einst im Barock. Durch die mundgeblasenen Klarglasfenster flutet das Licht ungehindert in die Kirche, die nach Süden ausgerichtet ist. Von Stunde zu Stunde, von Monat zu Monat verändert sich der Lichteinfall. Spektakulär sind die beiden neuen Orgeln der Schweizer Firma Kuhn. Das gewaltige Instrument auf der Rückempore besitzt 3829 Pfeifen, 57 Register – und einen futuristischen Schleier aus Metall. Die kleine Chororgel im rechten Seitenschiff orientiert sich optisch an den Kapitellen der Pfeiler. Musikalisch ist sie eine Hommage an den Orgelbau des Barock.

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