Neckarbischofsheim: Die Kirche des schönen Todes

In der Totenkirche reihen sich dicht an dicht Epitaphien von seltener Pracht

Die Aura der Macht umweht ihn noch immer. Hochgewachsen und selbstbewusst
steht Weiprecht I. von Helmstatt da, mit gepanzerter Brust, Helm und Schild. Nur das Schwert hat gelitten in den 600 Jahren, in denen der Ritter schon tot ist.

Weiprecht starb 1408 in Neckarbischofsheim, dem Stammsitz der Herren von Helmstatt. Ihre Grablege ist ein Kleinod von seltener Schönheit. Dicht und dicht stehen prachtvollste Epitaphien in der kleinen gotischen Kirche St. Johann, die jedermann nur die „Totenkirche“ nennt.

Den Chor zieren wunderschöne Malereien von hoher Qualität

Weiprecht I. von Helmstatt starb 1408.

Freiheit ist eine Erfindung der Moderne. Der Mensch des Mittelalters war nicht frei. Er war hineingestellt in einen Stand, dem er sein Leben lang angehörte. Ein Bauer blieb Bauer. Ein Graf blieb Graf. Wie es Gott gefiel. Bis die Geschichte um 1250 ein Schlupfloch öffnete. Die Dynastie der Staufer war ausgestorben, ihre Ländereien übernahmen die Verwalter. Sie stiegen auf in den niederen Adel, ein neuer Stand war geboren. Man nannte ihn: Die „Ritter“.

Die Ritter von Helmstatt gehörten zu den ältesten und angesehensten Geschlechtern des Kraichgaus. Die Linie verzweigte sich rasch. 1378 erwarb Weiprecht I. von seinem Bruder die „Burg und Stadt zu Bischofsheim“, die er zum Familienstammsitz ausbaute. Außerhalb der Stadtmauer stand schon seit 950 ein Kirchlein: St. Johann der Täufer.

Anfang des 14. Jahrhunderts wurde aus der romanischen Kapelle eine einschiffige gotische Saalkirche. Den rechteckigen Chor mit seinen drei Maßwerkfenstern zieren seither wunderschöne Chormalereien von hoher Qualität.

Mit Weiprechts drei Meter hohem Epitaph begann die Ära der großen Standbilder

Johann Philipp, gestorben 1594, war laut Inschrift ein „gestrenger Herr“.

Das intensives Kobaltblau beispielsweise kündet vom teuren Edelstein Lapislazuli, verrieben zu Pulver. Die Chornordseite der Totenkirche zeigt Szenen aus der Schöpfungsgeschichte, der Süden Stationen des Lebens Christi. Über dem Triumphbogen erahnt man das Weltgericht.

Die Reformation hat die Wandbilder übermalt. Erst 1908 wurden sie wiederentdeckt und restauriert. Die Heiligen-Fresken in den Fensternischen des Langhauses sind jünger. Sie entstanden im 15. und 16. Jahrhundert.

Neben ihm stehen seinen zwei Ehefrauen mit müden Gesichtern über steifen Gewändern

St. Johann war von Anfang an die Grablege der Herren von Helmstatt. Die beiden ältesten Grabmale sind noch recht bescheiden: Raban starb 1343, Dieter 1344. Erst 1408 mit Weiprechts drei Meter hohem Epitaph begann die Ära der lebensgroßen Standbilder.

Auch auf dem Kirchhof der „Totenkirche“ stehen prächtige Grabmale.

Sie erreichte ihren Höhepunkt in der Renaissance. Die Südwand des Chores etwa dominiert – vier Meter hoch – das Grab des Johann Philipp von Helmstatt, gestorben 1594. „Ein gestrenger Herr“ vermeldet die Inschrift. Neben ihm stehen plastisch seinen zwei Ehefrauen mit müden Gesichtern über steifen Gewändern.

1595 wurde das Langhaus spätgotisch erweitert. St. Johann erhielt eine eindrucksvolle Empore aus massiven Eichenprofilen und eine neue Decke. Sie trägt die Inschrift: „O Mensch bedenck die Stuntt wenn du auff dissen Gottesacker kumest.“ Der letzte Familienangehörige der Herren von Helmstatt wurde 1966 in der Gruft der Totenkirche beigesetzt. Nun ist das Geschlecht ausgestorben.

Kirchenfakten

Name: St. Johann (Totenkirche)
Adresse: Waibstadter Straße 3, 74924 Neckarbischofsheim
Konfession: evangelisch
Baujahr: Anfang 13. Jahrhundert/ 1595
Baustil: Gotik auf spätromanischen Resten
Kunstschätze:
Fast 60 prächtige Grabplatten und künstlerisch anspruchsvolle
Epitaphen aus dem 14., 15. und 16. Jahrhundert
Lebensgroßes Epitaph Weiprechts I. von Helmstatt,
des Stadtgründers von Neckarbischofsheim, aus dem Jahr 1408
Gotische Chormalereien, entstanden zwischen 1350 und 1375
Massive Eichenholzempore aus dem 16. Jahrhundert
Mittelalterliche Heiligenfresken in den Fensternischen
Öffnungszeiten:
Besichtigung nur nach Vereinbarung
Evangelisches Pfarramt: 07263 – 96 11 45
oder
Kirchendienerin Frau Drobysev: 07263 – 6815
Kontakt: Evangelisches Pfarramt Neckarbischofsheim, Turmstraße 6,
74924 Neckarbischofsheim
Telefon: 07263 – 96 11 45
E-Mail: neckarbischofsheim@kbz.ekiba.de
Internet: www.ev-kirche-neckarbischofsheim.de

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