Neckarbischofsheim: Mehr Renaissance geht nicht

St. Salvator ist das wohl früheste evangelische Bauwerk der Region

Es ist ein bisschen wie im Tatort: Einen Verdacht hat man sofort. Aber gibt es auch Indizien? Da ist ein Schlussstein im gotischen Kreuzgratgewölbe. Er sieht aus wie eine Lutherrose. An der Kanzel sitzt seltsamerweise Paulus zwischen den Evangelisten. Und eine mädchenhafte Karyatide reicht dem Betrachter einen Abendmahlskelch. 

Den endgültigen Beweis jedoch liefert das Bildnis des Evangelisten Lukas. Es trägt unverkennbar die Züge von Martin Luther. Kein Zweifel: Sankt Salvator in Neckarbischofsheim war nie katholisch. Das prächtige Gotteshaus aus der Renaissance wurde als evangelische Kirche erbaut. Im Jahr 1612. Damit ist die Erlöserkirche das wohl früheste protestantische Bauwerk der Region.

An der Kanzel gibt Luther den Evangelisten Lukas

Der Mensch erfand sich neu. Als Individuum. Und er gebar einen neuen Glauben.

Europa im ausgehenden 16. Jahrhundert. Eine Welt im Umbruch. Columbus hat Amerika entdeckt und Gutenberg die beweglichen Bleilettern. Bildung und Information bis in die kleinste Hütte. Das Mittelalter war vorbei, die Neuzeit dämmerte. „Renaissance“ wird diese Epoche genannt. „Wiedergeburt“. Weil der Mensch sich neu erfand. Als Individuum. Und weil er einen neuen Glauben gebar.

Freiherr Philipp von Helmstatt, der Herr über Neckarbischofsheim im Kraichgau, war ein fortschrittlicher Mann. Schon im Sommer 1517, also noch bevor der Martin Luther seine Thesen in Wittenberg anschlug, engagierte er einen protestantischen Prediger. Der junge Theologe verkündete den strengen Schweizer Calvinismus, was im lebensfrohen Kraichgau nicht so gut ankam. Man wechselte zur lutherischen Lehre. Ihr ist man treu geblieben.

Die erste evangelische Kirche des Kraichgaus steht auf sumpfigem Grund

1543, just als Kopernikus bewies, dass sich die Erde um die Sonne dreht, beschloss Philipp von Helmstatt die erste evangelische Kirche des Kraichgaus zu errichten.

Ein wahres Feuerwerk von Renaissance-Ornamenten schmückt die Portale

Das stattliche Gotteshaus würde direkt neben dem neuen Schloss stehen. Geschützt von der Stadtmauer und vom Krebsbach, der sie als Wassergraben umfloss.

Mächtige Eichenstämme wurden in den sumpfigem Untergrund von Neckarbischofsheim gerammt. Auf ihnen wuchs ein wuchtiger spätgotischer Chorturm empor. In seinem schönen Gewölbe leuchteten sechs bunte Schlusssteine. Einer mit Lutherrose.

Die Alabasterkanzel ist ein Meisterwerk !

Das Langhaus der Erlöserkirche hat Ritter Philipp nicht mehr gesehen. Es war erst fünfzig Jahre nach seinem Tod fertig – und eine Sensation. Baumeister Jakob Müller, von Haus aus Steinmetz, hat einen fantastischen vielfach geschweiften Giebel geschaffen, auf dessen First lebensgroß der segnende „Salvator“ steht. Ein wahres Feuerwerk von Ornamenten schmückt die beiden Portale. Schnörkel, Blümchen, Schleifen, Voluten, Köpfen, Porträts, Inschriften … Mehr Renaissance geht nicht.

Auf dem First des prächtigen Giebels steht lebensgroß der Erlöser

In den Fenstern von St. Salvator hingegen strenges gotisches Masswerk. Ein Vorgeschmack auf das Innere der Kirche. Keine Bilder, keine Skulpturen, nirgends. Das einzige Schmuckstück der neuen Kirche ist die gewaltige Alabasterkanzel. Ein Meisterwerk! Eine Königin unter den Kanzeln. Mit Martin Luther in der Rolle des Lukas. Das mühsame Schreiben der Evangelien überlässt der Reformator in Neckarbischofsheim übrigens seinen drei „Kollegen“. Luther denkt.

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