
Wenn man zehn Passanten in einer Fußgängerzone bäte, ein richtig hübsches Kirchlein zu zeichnen, sähen neun Skizzen so aus wie das evangelische Gotteshaus von Wiesenbach: Vorn ein massiver gotischer Chorturm mit imposanter Spitzhaube, dahinter ein elegantes Langhaus. Der Archetyp.
Schon seit dem 12. Jahrhundert wacht die schöne Kirche über das Dorf an der Landstraße nach Mosbach. Sie hat Hochzeiten erlebt und Hungersnöte, Kriege und sogar Goethe in der Kutsche. „Wiesenbach“, notierte der Dichterfürst auf seiner Reise in die Schweiz, „ist ein sauberes Dorf, alles mit Ziegeln gedeckt. An beiden Seiten Feld-, Obst- und Gartenbau.“ Ein Ausflug an den Biddersbach.
Im Kirchgarten hat man einen Brachiopoden gefunden, 240 Millionen Jahre alt.
Wie definiert man Paradies? Als einen Ort, an dem der Mensch alles hat, was er will und braucht? Dann ist Wiesenbach ziemlich nahe daran: Im Süden erheben sich die fruchtbaren Lösshügel des Kraichgaus.

Im Norden stürzen die bewaldeten Felsen des Kleinen Odenwalds zum Neckar hinab. Dazwischen plätschert der Biddersbach, wahrscheinlich schon seit Menschengedenken.
Vor ein paar Jahren hat man im Kirchgarten das Fossil eines Brachiopoden gefunden. Das ist eine Muschel mit Armen, schätzungsweise 240 Millionen Jahre alt. Da kann selbst der Homo Heidelbergensis im Nachbardorf Mauer nur staunen. Lediglich die vielbefahrene Straße, die das langgestreckte Dorf durchzieht, stört das Idyll.

1140 erkannten die Grafen, dass eine Tiefburg nichts taugt, wenn man über den Neckar wachen will.
Im 9. Jahrhundert errichteten die Grafen von Lauffen an dieser Straße eine Tiefburg. Exakt dort, wo sich heute die katholische Kirche erhebt. Direkt gegenüber stand wahrscheinlich schon damals die Vorgängerin unseres Chorturmkirchleins, geweiht dem heiligen Ägidius.
1140 erkannten die Grafen, dass eine Tiefburg nichts taugt, wenn man den Neckar bewachen will.
Flugs übersiedelten sie auf den Dilsberg. Ihre Liegenschaften in Wiesenbach stifteten sie der Benediktinerabtei Ellwangen, die sie zum Kloster umbaute. Jetzt konnte sich unser Aegidius-Kirchlein kaum noch retten vor Pilgern. Der hübsche Chorturm stammt wohl aus dieser Zeit; früher war er komplett ausgemalt mit Fresken. Reste erahnt man noch, das gotisches Maßwerkfenster datiert von 1482.
1748 war das Kirchlein so marode, dass man darin pitschnass wurde, wenn es regnete.

Ein halbes Jahrhundert später die Reformation. Das Kloster und der heilige Ägidius verschwanden. Fortan glaubte Wiesenbach evangelisch. Das Haus für ihren protestantischen Pastor haben die Bauern selbst gebaut; darauf ist man heute noch stolz.
Wobei „Haus“ nicht ganz richtig ist. „Anwesen“ trifft es besser. Denn der Pfarrer betrieb auch eine Landwirtschaft mit Schweinestall, und er lehrte die Kinder im alten Schulhaus. Viel Geld für die Instandhaltung der Kirche blieb da offensichtlich nicht. 1748 war sie so marode, dass man darin pitschnass wurde, wenn es regnete.
Ab 1750 ließ ein neues „Fürstenhaus“ Wiesenbach in aristokratischem Glanz erstrahlen

1750 stand ein neues Langhaus, deutlich geräumiger und mit drei großen Fenstern zur Straße. Denn Wiesenbach erstrahlte nun in aristokratischem Glanz: Baron Franz Joseph von Wrede hatte das Hofgut Langenzell gekauft und in einen florierenden Musterbetrieb verwandelt. Das „Fürstenhaus“, wie man in Wiesenbach sagte, glaubte treu evangelisch und besuchte jeden Sonntag unser Kirchlein. Die Ledersessel der Barone haben hier noch heute einen Ehrenplatz. Wie auch das elegante Abendmahlsgeschirr mit Wappen.
Der Sandsteinaltar im Chor allerdings ist verschwunden. Er wurde ersetzt durch einen federleichten Tisch. Damit genügend Platz ist für einen lebendigen Chor. Die Klarglasfenster hat der Maler Valentin Feuerstein 1967 in moderne Glaskunstwerke verwandelt. Sobald die Sonne scheint, beginnt das Kirchlein zu strahlen.
| Kirchenfakten |

| Name: Evangelische Kirche Wiesenbach Adresse: Hauptstraße 69, 69257 Wiesenbach Konfession: evangelisch Baujahr: 12. Jahrhundert/1750/1967 Baustil: Gotik Kunstschätze: – Gotischer Chor aus dem 12. Jahrhundert – historisches Altarkreuz – historisches Abendmahlsgeschirr – Moderne Künstlerfenster von Valentin Feuerstein – Moderne Orgel der Gebrüder Link (1984) mit historischen Registern – Vier Glocken: 1779 (dis), 1922 (h), 1954 (gis), 1975 (cis) Öffnungszeiten: nach Vereinbarung Kontakt: Evangelische Kirchengemeinde, Schlossberg 2, 69257 Wiesenbach Telefon: 06223-40733 E-Mail: wiesenbachz@kbz.ekiba.de Internet: www.evangelisch-in-wiesenbach.de |