Heidelberg-Pfaffengrund: Der Heiland mit dem magischen Blick

Die Augen des riesigen Christus künden von Schmerz und Zärtlichkeit zugleich.

Der Christus hinter dem Altar ist riesig, und seine Augen vergisst man nie mehr. Weil sich in ihnen Vorwurf und Zärtlichkeit, Schmerz und Vergebung in verwirrender Weise mischen.

Der taubstumme Künstler Paul Hirt hat den Heiland mit dem magischen Blick auf die Stirnwand der katholischen Kirche im Heidelberger Pfaffengrund gezaubert. Für Hirt war die Malerei die einzige Möglichkeit, sich der Welt mitzuteilen. Wahrscheinlich rührt daher die Intensität seines Werks.

Der bekannte taubstumme Künstler Paul Hirt hat das Wandbild gemalt.

In den 1920er Jahren war Paul Hirt so berühmt, dass selbst der Papst sich von ihm porträtieren ließ. Der Pfaffengrund befindet sich also in bester Gesellschaft. Zeit für einen Ausflug in die katholische Kirche Sankt Marien.

Im Pfaffengrund hat man die Häuser bewusst nicht an Straßen gebaut, sondern in Gärten hinein.

Der Pfaffengrund war einst der grünste Stadtteil Heidelbergs. Sehr bewusst hat man hier die Häuser nicht an die Straßen gebaut hat, sondern mitten in die Gärten hinein. Früher besaß jede Familie auch noch einen Stall; doch die Zeit der Selbstversorgung ist auch im äußersten Westen Heidelbergs vorbei. Ganz anders 1921. Damals war die „Gartenstadt“ Pfaffengrund ein Zufluchtsort für Fabrikarbeiter, die sich einen Rest dörflichen Lebens bewahren wollten. 

Das Gemälde ist der einzige Schmuck des schlichten Gotteshauses von 1937.

Knapp 400 Siedlungshäuschen, allesamt mit fließendem Wasser und Obstbaum, bildeten den Kern des neuen Stadtteils direkt bei den Fabriken. Jeder Weg im Pfaffengrund mündete in einen Spielplatz; es gab ein Gemeinschaftshaus, eine Schule und eine evangelische Kirche.

Nur das Erzbistum Freiburg tat sich schwer mit dem Arbeiterstadtteil. Jahrelang musste die Baracke eines ehemaligen Gefangenenlagers als Notkirche herhalten. Dann kam Anton Klausmann. Der junge Priester besaß ebenso viel Unternehmergeist wie Charisma. Beherzt schritt er zum Kirchenbau, direkt neben der Baracke.

An Hochfesten musste man die Tür zum Platz öffnen, damit alle der Messe folgen konnten.

St. Marien ist ein schlichtes, aber eindringliches Gotteshaus. Verputzt, zurückhaltend, prunklos, bescheiden. Nur der Turm verrät die Bestimmung. Vielleicht deshalb hat man ihn 1994 knallrot gestrichen. Jetzt leuchtet er wie eine Fackel, wenn die Sonne darauf fällt.

Wenn die Sonne scheint, leuchtet der rote Turm wie eine Fackel.

Die Schlichtheit St. Mariens passt zwar gut zum Selbstverständnis der  Pfaffengründer, sie ist aber eigentlich der Materialknappheit des Jahres 1937 geschuldet. Deutschland rüstete damals schon wieder zum Krieg. Doch dank massiver Stahlträger kam St. Marien auch ohne stützende Pfeiler aus. Und der Altarraum hat sogar kathedrale Dimension. 

Offiziell geweiht wurde die Kirche erst nach dem Zweiten Weltkrieg. Im Mai 1947. Der Pfarrer hieß da immer noch Anton Klausmann. Seine Gemeinde jedoch war inzwischen auf 1400 Gläubige angewachsen. An Hochfesten musste man die Tür zum Platz öffnen, damit alle der Messe folgen konnten. Nach dem Gottesdienst griff der Pfarrer gern noch zum Saxophon und musizierte ein Stündchen mit der Blaskapelle. So ging der Sommer im Pfaffengrund.

Die Pfaffengrunder Weihnachtskrippe besteht aus 43 Figuren. Jede hat einen eigenen Charakter.

Der Pfaffengrund besitzt die einzige Krippe der Welt mit Blasorchester.

Und der Winter? Wie konnte man den Pfaffengründern da eine Freude machen? Diese Frage beschäftigte Gertrud Schaab monatelang. Bis der Katholikin plötzlich ihr Bruder einfiel. Walter Ohlhäuser war ein begabter Schnitzer. Mit geübter Hand fertigte er eine Krippenlandschaft für St. Marien. Das war der Beginn einer großen Karriere, die Ohlhäuser zum gefragtesten Krippenschnitzer Deutschlands machte.

Seinen „Prototyp“ im Pfaffengrund besteht heute aus 43 Figuren. Jede hat einen eigenen Charakter und ist liebevoll ausgearbeitet. Und: Pfaffengrunder Krippe ist weltweit die einzige, die ein komplettes Blasorchester besitzt. Man munkelt, Pfarrer Klausmann habe die Bläser geordert. Und selbst bezahlt.  

Kirchenfakten

Name: St. Marien
Adresse: Schützenstraße 20, 69123 Heidelberg
Konfession: katholisch
Baujahr:  1938
Baustil: Moderne
Öffnungszeiten: Seiteneingang tagsüber geöffnet
Kontakt: Pfarrbüro St. Marien, Marktstraße 43, 69123 Heidelberg
Telefon: 06221-4352510
E-Mail: st.marien@kath-hd.de
Internet: stadtkirche-heidelberg.de/st-marien





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