Heilbronn: Eine Spindel in den Himmel

Das muss man sich erst einmal trauen: 45 Meter über dem Boden eine hauchzarte Wendeltreppe aus Sandstein freischwebend an einen Kirchturm zu hängen. In Jahr 1529. Die Spindel führte zur Wohnung des Türmers der Heilbronner Kilianskirche. Seine Aufgabe war es, das Umland zu beobachten und bei Angriffen Alarm zu schlagen. Was oft geschah, denn Heilbronn war eine reiche Stadt.

Der gotische Schnitzaltar in ihrer Kilianskirche ist ein Meisterwerk, und die Spindeltreppe zählt zu den schönsten Stufenanlagen der Welt. Sie markiert den Beginn der Renaissance nördlich der Alpen. Erstaunlicherweise ist die Treppe auch sagenhaft stabil: Selbst die totale Zerstörung Heilbronns im Zweiten Weltkrieg hat sie überlebt. Ein Weihnachtsausflug zu einem Wunderwerk.

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Heilbronn gehörte schon immer den Kaufleuten. Im Mittelalter handelte man vor allem mit Wein, der am Neckar prächtig gedieh. Schon 1146 erhielt Heilbronn das Stadtrecht, woraufhin man sofort eine Mauer, ein Münze und einen Hafen baute. 1333 die Sensation: Kaiser Ludwig der Bayer erteilt der Stadt die Erlaubnis, den Lauf des Neckars zu verändern. Man holte den Fluss an die Stadt heran, staute ihn und zwang die Schiffer, ihre Fracht auf Wagen umzuladen. Fortan war Heilbronn der wichtigste Handelsplatz am Neckar. Um 1500 zählte die freie Reichsstadt schon 6000 Einwohner.

Soviel Prosperität wollte gezeigt sein: Das Heilbronner Rathaus am Markt war das prächtigste in weitem Umkreis, seine astronomische Uhr eine Sensation. Die gotische Kilianskirche direkt gegenüber hat fast kathedrale Maße. 1530 wechselte sie zum lutherischen Glauben, heute ist sie evangelisch. Man betritt die Kirche von Westen, schreitet unter einer gewaltigen Orgelempore hindurch, durchquert ein riesiges Langhaus und landet im Himmel. Der Chor der Kilianskirche ist Gotik vom Allerfeinsten.

Die Sakramentshäuschen reichen bis hinauf zur Decke. Man kann sich kaum sattsehen, an der filigranen Steinmetzkunst. Und mittendrin schlägt das Herz des Gotteshauses: Der gotische Schnitzaltar von Hans Seyfer aus dem Jahr 1498. Eine Weltsensation, mehr als 11 Meter hoch. Seyfer schnitzte Figuren von solcher Feinheit, Lebendigkeit und Beseeltheit, dass man jeden Augenblick damit rechnet, dass sie aufstehen und plaudernd davongehen.

Drei Mal wurde Heilbronn im Spätjahr 1944 von alliierten Fliegerstaffeln bombadiert. Danach gab es die Stadt nicht mehr. Einzig der Seyfer-Altar hat überlebt. In Holzkisten verpackt, 200 Meter unter der Erde in der Saline von Bad Friedrichshall. Schon 1943 hatte man das kostbare Stück dorthin ausgelagert. Als nach dem Krieg die Diskussion um Wiederaufbau der Kilianskirche hohe Wellen schlug – historisierend oder modern? – gab den Seyfer-Altar den Ausschlag. Man entschied sich dafür, die Kirche „nachzuschöpfen“. Glücklicherweise.

Bleibt noch der Westturm, der die Altstadt wie eine kostbare Krone überragt. Er allein hielt allen drei Luftangriffen stand. Ein Zeigefinger Gottes inmitten der Verwüstung. Heute ist er das Wahrzeichen Heilbronns. Der Steinmetz Hans Schweiner hat den Turm gebaut. Als Orgie steingewordener Phantasien. Keine Säule gleicht der anderen, überall springen Löwen, Sphinxen, Faune, Elfen und kleine Dämönchen. Und ganz oben auf der Laterne wacht das „Männle“, ein Landsknecht, über die Stadt.

Das zerstörte Rathaus gleich gegenüber hat man übrigens auch historisierend wieder aufgebaut. Mitsamt der astronomische Uhr. Zu jeder vollen Stunde tanzen die Bauern und die Widder schlagen ihre Köpfe zusammen. Alle vier Stunden kräht der Hahn.

Kirchenfakten

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