Schlierstadt: Der rätselhafte Jüngling

Da staunten die Männer von Schlierstadt nicht schlecht, als sie nach Jahrzehnten wieder in den Glockenturm ihrer Kirche hinaufstiegen. Im hintersten Winkel, dort wo nie jemand hinkommt, stand ein großformatiges Ölgemälde. Verstaubt und verdreckt, aber immer noch schön.

Man sah: Einen stattlichen Jüngling, lichtumflort und in mittelalterlicher Tracht, zu dessen Füßen eine Quelle sprudelte. Unverkennbar St. Gangolf, der Patron der Kirche. Seltsam nur, dass in dem 800-Seelen-Dorf noch nie zuvor irgendjemand dieses Bild gesehen hatte. Das Rätsel von Schlierstadt. 

Die Felder sind uraltes Kulturland. Der römische Limes verlief nur wenige Kilometer entfernt

Die katholische Pfarrkirche St. Gangolf liegt mitten in den sanften Wellen des Baulands. Nach Osterburken, wohin Schlierstadt 1975 eingemeindet wurde, ist es ebenso weit wie nach Buchen. Öffentlichen Nahverkehr sucht man vergebens. Ebenso einen Laden. Immerhin kommt ein Bäckerauto und eine griechische Familie betreibt die Dorfwirtschaft. Man serviert Souvlaki und Pizza.

Die Felder rund um Schlierstadt sind uraltes Kulturland. Der römische Limes verlief nur wenige Kilometer entfernt. Die Alamannen gaben dem Dorf seinen Namen. „Slier“ bedeutet „lehmiger Boden“.

Jetzt konnte nur noch das Bayerische Fernsehen weiterhelfen: „Kunst und Krempel“

Um 1100 erhielt die Ansiedlung ein erstes Kirchlein. Als Schutzheiligen wählte man Gangolf, den Patron der Pferde. Vielleicht weil er die nützliche Fähigkeit besaß, mit seiner Lanze Wasser aus dem Boden sprudeln zu lassen.

Dieses „Quellwunder“ konnte man auch auf dem Dachbodenfund betrachten. Doch dummerweise fehlte dem Bild eine Signatur. War es dann überhaupt etwas wert? Diese Frage beantwortet seit Jahren das Bayerische Fernsehen in seiner Serie „Kunst und Krempel“. Die nächste Folge kam wie durch ein Wunder aus Amorbach. Nichts wie hin!

Die Kunstschätze von Kloster Seligental haben die klassizistische Kirche finanziert

1236 verwandelten sich die Schlierstädter Felder in heilige Erde: Das Kloster „Seligental“ wachte nun über sie. Die Zisterzienserinnen lebten in strenger Klausur, und wurden von den Bauern versorgt. Das Dorf gedieh. Eine verblichene Zeichnung zeigt eine Kirche mit hohem, spitzem Turm und achteckigem Unterbau. Sehr ungewöhnlich. Und sehr kostspielig.

Doch dann zog die Reformation durchs Land. Das Kloster ward. Die Schlierstädter Kirche auch. Zwei Blitzschläge „spreiselten“ sie in der Mitte. Schlierstadt glaubte trotzdem weiter treu katholisch.

Immerhin sicherte man sich in den Wirren dieser Zeit die wertvolle Kunstschätze von Seligental. Zweihundert Jahre später haben sie die schmucke klassizistische St. Gangolf-Kirche finanziert, die sich heute über das Dorf erhebt. 

Überraschenderweise hat man die neue St. Gangolf-Kirche in Nord-Süd-Richtung gedreht

Das Schlierstädter Gotteshaus ist atemberaubend. Elegant und majestätisch steht es auf einem Plateau über dem Dorf, wo früher der Friedhof war. Nur für einen Turm hat das Geld nicht gereicht. Er kam erst 1953 hinzu. 

Überraschenderweise hat man die neue St. Gangolf-Kirche nicht auf den Fundamenten ihrer Vorgängerinnen gebaut, sondern sie in Nord-Süd-Richtung gedreht. 1766, so verkündet die Inschrift über dem Portal, war die Kirche vollendet. Das ist aber nur zum Teil richtig. Weil Geld knapp war, musste die Gemeinde ihre Kirche peu à peu ausgestattet.

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Der barocke Hochaltar stammt aus Kloster Schöntal an der Jagst. Der Kreuzweg und die Altarbilder ersteigerte man in Tirol. Der Orgelprospekt kam aus Ettlingen. Nur ein Bildnis des heiligen Gangolf fand man nirgendwo.

Bis es 2013 plötzlich auf dem Dachboden stand. Das Gemälde sei ein Werk der „Nazarener“, befanden die Experten des Bayerischen Rundfunks. Gemalt um 1860. Kaum mehr als 500 Euro wert. Die Gemeinde ließ es trotzdem restaurieren. Damit St. Gangolf weiterhin treu über Schlierstadt wacht. 

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