Bad Wimpfen: Zwischen Himmel und Erde

Das Südportal der Stiftskirche
ist traumschöne Hochgotik

Am Ende waren sie noch zu zweit: Pater Paulus und Bruder Michael. Die beide letzten Benediktiner des Konvents von Bad Wimpfen. 2007 sind auch sie gegangen. Paulus nach Ungarn, Michael nach Heidelberg. Zurück blieb eine uralte Abtei mit traumschöner hochgotischer Kirche. Filigrane Figuren, hauchzarte Pilaster. Ein Hauch von Notre-Dame im Neckartal.

Doch das ist nur die eine Seite von St. Peter. Auf der anderen steht ein romanisches Westportal. Fensterlos, trutzig, unnahbar. Gotik und Romanik. Himmel und Erde. Yin und Yang. Kloster Bad Wimpfen hat in seinem tausendjährigen Leben alles gesehen, was die Welt zu bieten hat.

Wimpfen war eine ideale Landschaft, in der schon zu Urzeiten Menschen siedelten

Wimpfen war einst ein Paradies. Eine ideale Landschaft, in der schon zu Urzeiten Menschen siedeln. Drei Flüsse lieferten Wasser und Fische. Der Boden war fruchtbar, das Steilufer bewaldet. Auf den Bergsporn hat Kaiser Barbarossa später seine Pfalz platziert. In der Ebene bauten die Römer Straßen in alle Himmelsrichtungen. Im 7. Jahrhundert schließlich entdeckten Missionare Wimpfen als Gnadenort. Wo heute der Altar von St. Peter steht, errichteten sie eine erste Kirche. Zwölfeckig. Im Zentrum ein Taufbecken. Zum Untertauchen.

Das Westportal dagegen
trutzige Romanik von 965

965 berichtete das Bistum Worms erstmals vom „Kloster Wimpfen“. Wie groß es gewesen sein muss, verrät das gewaltige romanische Portal. Kaum ein Sonnenstrahl fiel durch die Lichtschlitze ins Innere. Eine stille Welt des Gebets, beleuchtet allein von Kerzen.

Mit den Rittern kam die mondäne Welt nach Wimpfen

Das Hochmittelalter. Das Kloster war jetzt ein „Ritterstift“, in dem die jüngeren Söhne lokaler Adelsfamilien lebten. Sie waren nicht erbberechtigt, um das Vermögen zusammenzuhalten. Mit den Rittern kam die mondäne Welt nach Wimpfen. Sorgte nicht in Paris ein atemberaubender Stil für Furore? Die Gotik. Hohe Hallen. Große Fenster. Das wollte man auch haben.

Pariser Baumeister wurden angeheuert. Sie begannen mit dem Südportal. Es ist ein Meisterwerk. Die Figuren plastisch, die Gesichter lebendig, die Wasserspeier dämonisch. Heute stehen die Originale im Museum. Doch das merken nur Kunsthistoriker.

Nirgendwo sonst erkennt man den Unterschied zwischen archaischer Romanik und urbaner Gotik so klar wie hier

Nach Vollendung des Chors
ging den Rittern das Geld aus

Ebenso hochwertig sind die Figuren im Chorraum. Der Wimpfener Franziskus gilt als älteste Darstellung des Heiligen nördlich der Alpen. Eigentlich waren all diese Statuen nicht für den Chor gedacht, sondern für das gotische Westportal. Doch das kam nie.

Vermutlich ist den Rittern das Geld ausgegangen. Die Nachwelt verband den gotischen Chor ungelenk durch ein Langhaus mit dem romanischen Westportal. Was dem Kirchenraum eine seltsame Vorläufigkeit gibt. Als rücke gleich ein Trupp Arbeiter an, um weiterzubauen. Aber vielleicht ist das ja der Reiz von St. Peter. Nirgendwo sonst erkennt man den Unterschied zwischen dem archaischen Frühmittelalter und dem urbanen Hochmittelalter so klar wie hier.

Nach dem Dreißigjährigen Krieg wurde die Kirche aufgegeben. Die gotischen Fenster brachte man ins Darmstädter Schloss und in den Wormser Dom. Kloster Wimpfen ward.

1947 standen völlig überraschend fünfzig Benediktiner aus dem Riesengebirge vor der Tür

Bis 1947 völlig überraschend fünfzig Benediktiner aus dem Riesengebirge vor der Tür standen. Die Kommunisten hatten sie aus ihrer Abtei vertrieben, nun suchten sie ein neues Zuhause.

Der gotische Kreuzgang
wurde 2008 aufwändig saniert

Das Bistum Mainz verkaufte ihnen das Wimpfener Gemäuer. Die Mönche beteten und bauten. 60 Jahre lang. Dann sind auch Pater Paulus und Bruder Michael gegangen.

Dass Kloster Bad Wimpfen trotzdem noch lebt, verdanken wir den Maltesern. Der katholische Hilfsdienst hat das alte Kloster zu einem modernen Bildungshaus umgebaut. 40 Gästezimmer blicken hinab in den gotischen Kreuzgang. Er liegt so still, als bögen jeden Moment die Mönche um die Ecke.

Name: Ritterstiftskirche St. Peter
Adresse: Lindenplatz 7, 74206 Bad Wimpfen
Konfession: katholisch
Baujahr: 965 / 1274
Baustil: Romanik / Gotik
Kunstschätze:
– gotisches Südportal mit reichem Figurenschmuck
– gotischer Hochaltar mit Maßwerkfenstern
– unterirdische Reliquienkammer auf der Rückseite des Altars
– spätgotisches Sakramentshäuschen von 1430
– gotische Heiligenfiguren im Chor aus dem 13. Jahrhundert
– Madonna aus dem 15. Jahrhundert
– Figur der Mutter Anna Selbdritt von 1504
– Pieta aus Terrakotta von 1430
– frühgotischer Kreuzgang mit 99 Grabsteinen der Stiftsherren
Öffnungszeiten: tagsüber geöffnet
Kontakt: Kloster Bad Wimpfen, Lindenplatz 7, 74206 Bad Wimpfen
Telefon: 07063 – 97040
E-Mail: kloster.badwimpfen@malteser.org
Internet: www.kloster-bad-wimpfen.de

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