Walldorf: Eine Kirche mit drei Leben

St. Peter wacht markant über
Walldorfs Fußgängerzone

Es hat eine Zeit gegeben, da war Walldorf ein Bauerndorf zwischen Sanddünen. Ohne Weltkonzern, ohne Autobahn und ohne 20000 Einpendler pro Tag.

Die Menschen pflanzten Hopfen und Weizen. Der Kurfürst kam gern, um im Forst zu jagen. Wodurch der Weiler zu seinem Namen kam: Waltdorf, das „Dorf im Wald“. Den Mittelpunkt des Fleckens markierte seit 770 ein Wehrkirchlein, dem heiligen Petrus geweiht. Sein Turm ist bis heute das Herzstück der katholischen Pfarrkirche. Mehrmals umgebaut, wacht St. Peter markant über die beschauliche Walldorfer Fußgängerzone. Willkommen in einer Stadt, die reich und weltberühmt geworden ist, aber das Flair vom Dorf im Wald nie ganz verloren hat.

Das Evangelisten-Quartett an der Decke wurde um 1500 gemalt. Ergreifend schön.

Sankt Peter muss man sich langsam nähern. Etappenweise. Sonst überfordert die Vielgestalt dieses Gotteshauses, das sich drei Mal neu erfunden hat. All diese Aggregatzustände sind sichtbar geblieben. Wie eine Reise durch die Zeit.

Die Kapelle ist das
älteste Bauwerk der Stadt

Das älteste Bauwerk von Walldorf ist das Kapellchen gleich links, in dem heute der Tabernakel steht. Möglicherweise stammen die Grundmauern noch aus dem ersten Jahrtausend. Das Kreuzrippengewölbe entstand 1294. Das Evangelisten-Quartett an der Decke wurde um 1500 gemalt. Ergreifend schön. Die Kapelle blickt nach Osten und besaß einst auch ein Langhaus. Es reichte bis hinüber zur heutigen Westwand.

1721 schließlich brach die Kirche in sich zusammen. Nur der Turm stand noch.

Der dramatischste Teil der Walldorfer Urkirche war ihr viereckiger Glockenturm. Der Dreißigjährige Krieg hat ihn zerstört. 1653 wurde der Turm wieder aufgebaut. Achteckig. Was ihn noch imposanter macht. Walldorf glaubte zu dieser Zeit – wie die ganze Kurpfalz – reformiert. Erst 1705 kehrten die Katholiken nach St. Peter zurück. Sie fanden eine marode und „nackende“ Kirche vor. „Nicht eine Figur, kein Kruzifix, kein Leuchter“ hatten die reformierte Kargheit überlebt. 1721 schließlich brach die Kirche in sich zusammen. Nur der Turm stand noch.

Die Kopie einer Madonna von Lucas Cranach machte Walldorf zum Wallfahrtsort

Das Original des Gemäldes
hängt in Innsbruck

Er blickte sechzig Jahre später verblüfft auf ein neues Gotteshaus hinab. Die Kirche stand falsch herum. Um Platz zu gewinnen, hatte man die traditionelle Ausrichtung gen Osten aufgegeben. Der neue klassizistische Chor befand sich nun im Norden und war üppig ausgestattet. Altäre, Heilige, Ölbilder, wohin man auch sah.

Eines der Gemälde zeigte die berühmten Madonna mit Kind von Lucas Cranach dem Älteren. Das Original hängt in Innsbruck. Eine Kopie genügte, um Walldorf zum Wallfahrtsort zu machen. 5000 Gläubige pilgerten alljährlich am 8. September, dem Fest Mariä Geburt, nach St. Peter. Es geht das Gerücht, das Dorf habe zu dieser Zeit seinen Namen gewechselt. Aus „Waltdorf“ wurde „Walldorf“.

Synchron mit den Arbeitern formte Emil Wachter Motive der Apokalypse aus dem Stein

Das Bildnis der Madonna hängt noch heute an einem Ehrenplatz in St. Peter. Der klassizistische Chor jedoch ist verschwunden. Nach dem Zweiten Weltkrieg hat man ihn abgerissen, weil sich die Zahl der Katholiken durch die Heimatvertriebenen verdoppelt hatte. Um Platz für eine so große Gemeinde zu schaffen, setzten die Walldorfer 1962 ein gewaltiges Querschiff direkt vor das alte Langhaus. Eine radikal moderne Lösung.

Der heutige Kirchenraum: Ein
hohes Zelt aus Holz und Stein

Wir sehen ein hohes Zelt aus Holz und Stein, gehalten von filigranen Stahlstützen wie aus einer Maschinenhalle. Farbe findet sich ausschließlich in den Fenstern. Das Schiff dominieren Weiß, Grau und Braun. Im Zentrum aller Blicke steht die riesige Rückwand aus Sandstein. Sie ist ein Gesamtkunstwerk. Emil Wachter, der Karlsruher Künstler, hat es geschaffen. In einer furiosen Aktion: Synchron mit den Arbeitern, die Stein auf Stein setzen, formte Wachter Motive der Apokalypse aus dem Gestein heraus. Mehr Avantgarde geht nicht. Willkommen in Walldorf.

Kirchenfakten
Name: Sankt Peter
Adresse: Hauptstraße 26, 69190 Walldorf
Konfession: katholisch
Baujahr: 1294/ 1787 / 1962
Baustil: Gotik / Klassizismus / Moderne
Kunstschätze:
– Sakramentshäuschen aus dem 13. Jahrhundert
– Deckenfresken aus dem 15. Jahrhundert
– Barocker Taufstein
– Gedenkstein für Kurfürst Carl Philipp von 1737
– Kopie eines Marienbildes von Lucas Cranach
– Historistisches Altarbild „Die Schlüsselübergabe an Petrus“
– Historistische Heiligenfiguren
– Moderne Kirchenfenster und Licht-Reliefe von Emil Wachter
– Altarwand aus Sandstein von Emil Wachter
– Farbiges Kieselmosaik im Altarraum
– Historische Orgel aus dem Jahr 1804
– Moderne skulpturale Orgel der Firma Karl Göckel 2006
– Barockes Steinkreuz vor der Kirche
– Modernes Kunstwerk „Stuhlmenschen“ von Walter Schembs vor der Kirche
Öffnungszeiten: tagsüber geöffnet
Kontakt: Pfarramt St. Peter Walldorf, Hauptstraße 22, 69190 Walldorf
Telefon: 06227 – 8994 800
E-Mail: pfarramt.walldorf@walero.de
Internet: www.kath-walero.de

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*