Mosbach-Lohrbach: Das Herzstück der Kurfürstin

Geheimnisvoller Odenwald. Dunkelgrüne Tannen säumen die Straße. Dazwischen Felsbrocken, flechtengesprenkelt, moosbewachsen. Dann endlich Licht.

Freundliche Apfelbäume locken, neben gepflegten Fachwerkhäusern glühen Hagebutten. Lohrbach. 272 Meter hoch, 1120 Einwohner, ein Wasserschloss, zwei Kirchen und eine Riesenüberraschung. Das evangelische Gotteshaus sieht zwar aus wie ein Werk des Klassizismus. Es birgt aber in seinem Inneren einen gotischen Chor mit vollständigem Freskenzyklus. Vom Paradies bis zur Auferstehung. Nur das Weltgericht ist 1540 einem Netzgewölbe zum Opfer gefallen. Warum, weiß niemand.

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Wenn es wahr ist, dass es „spirituelle Kraftorte“ gibt, dann ist Lohrbach vielleicht ein solcher. Schon in der Bronzezeit haben Menschen hier Kultstätten errichtet. Um 765 bauten irische Missionare eine Holzkapelle. 1277 ersetzte sie Ulrich von Lohrbach durch ein romanisches Kirchlein. 1413 schließlich fiel Lohrbach an Pfalzgraf Otto von Mosbach. Der Königssohn besaß einen Hang zur Opulenz. Wahrscheinlich stammt von ihm die Idee einer gotischen Wehrkirche mit Fresken.

1470 waren das Kirchlein vollendet. Das ergab eine Untersuchung der Buchenbalken im Dach. Der Chorturm besaß zunächst eine flache Holzdecke, die 1514 durch ein sündhaft teures Netzgewölbe mit Schlussstein ersetzt wurde. Das „Weltgericht“ ging dabei leider verloren. Vielleicht hat Kurfürst Ludwig V. die Kuppel in Auftrag gegeben? Seit Lohrbach kurpfälzisch geworden, ging er gern hier auf die Jagd. Ein Schlösschen hatte er sich auch schon gebaut.

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Fünfzig Jahre später die Reformation. Calvinistisch. Die Fresken verschwanden unter Putz. Den Chor schmückten nur mehr das prächtige Wappen der Kurfürstin Amalia und das Gebet „Herr Dein Will gescheh“. Amalia war die zweite Frau von Kurfürst Friedrich III., dem wir den „Heidelberger Katechismus“ verdanken. 1576 ist Friedrich gestorben. Mit nur 61 Jahren. Seine Witwe, 24 Jahre jünger, übersiedelte ins Wasserschloss von Lohrbach, das mittlerweile zu einem Renaissancepalast ausgebaut worden war. Jetzt begann die glanzvollste Zeit des Dorfes.

Amalia, so sagt man, besaß ein herzliches Wesen. Sie kümmerte sich um verarmte Verwandte und calvinistische Glaubensflüchtlinge aus Flandern. Zwischen Schloss zur Kirche ließ sie einen breiten Plattenweg bauen. Die Lohrbacher Hauptstraße. Sie heißt seitdem „Kurfürstenstraße“. Und an der evangelischen Kirche kann man noch heute in Sandstein lesen: „Haus der öffentlichen Gottesverehrung für die reformierte Gemeinde zu Lohrbach“. 1589 verließ Amalia den Odenwald. Sie hatte eine Grafschaft bei Limburg geerbt. Lohrbach hat sie nie vergessen.

1815 kam ein neuer Pfarrer ins Dorf. Jakob Albert Joseph ersetze die gotische Kirche durch ein klassizistisches Gotteshaus im modernen Weinbrennerstil. Wie durch ein Wunder hat die gotische Kapelle überlebt. Man nutzte sie als Lagerraum. Erst 1950 entdeckte man unter dem Putz die Wandmalereien. Der Künstler Valentin Feuerstein hat sie behutsam restauriert.

Heute präsentiert sich die evangelische Kirche von Lohrbach als spannende Melange aus uralt und ultramodern. Hier gotische Fresken, da fragile Prinzipalien aus Bronze. Sie spielen mit der christlichen Zahlensymbolik. Die Altarplatte ruht auf zwölf Stelen für die zwölf Apostel. Und sie ist zusammengesetzt aus vier Bronzeplatten, die sich ineinander schieben wie die Tektonik der Erdteile. Der Heiland am Kreuz wird nur als Torso angedeutet. Die Gemeinde sieht ihn von hinten. Geheimnisvoller Odenwald.

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