3. Heidelberger Frauenwallfahrt: Besuch beim Erzengel

Der 29. März 2014 war ein traumhafter Frühlingstag. Die Sonne schien am tiefblauen Himmel. Und das Streuobst stand in voller Blüte. Perfekte Bedingungen für eine Wallfahrt zum Michaelsberg, auf dem eine barocke Kapelle über Untergrombach wacht.

Wir nahmen die S 4 von Heidelberg Hbf bis Bruchsal Hbf. Dort wechselten wir in die S 32 Richtung Karlsruhe. Schon wenige Minuten später erblickten wir vom Fenster aus unser Ziel: Die Michaelskapelle, 272 Meter über Untergrombach .

Das Schmuckstück des Rokoko ist eine Hinterlassenschaft der Fürstbischöfe von Speyer. Weil sie sich mit dem aufmüpfigen Volk ihre Domstadt zerstritten hatten, übersiedelten die Exzellenzen 1720 nach Bruchsal. Fürstbischof Damian Hugo von Schönborn erbaute sich hier ein prachtvolles Barockschloss. Die Kapelle auf dem Michaelsberg, die Bischof Damian Hugo ebenfalls in Auftrag gegeben hat, avancierte rasch zu einem beliebten Wallfahrts- und Ausflugsziel. Das ist bis heute so geblieben.

Untergrombach ist der bevölkerungsreichste Stadtteil von Bruchsal

Untergrombach liegt südwestlich der Bruchsaler Innenstadt und ist mit rund 6000 Einwohnern der bevölkerungsreichste Stadtteil der „Großen Kreisstadt Bruchsal“. Die Verbindungen ins nahegelegene Karlsruhe sind hervorragend. Entsprechend zersiedelt und verkehrsreich präsentiert sich Untergrombach. Immerhin gibt es einen kostenlosen Baggersee …

Den idyllischen Ortsmittelpunkt markiert die bildhübsche alte Schule. Ihr fast direkt gegenüber steht die gewaltige katholische Pfarrkirche St. Cosmas und St. Damian. Ein monumentales Werk der Neuromanik, geweiht 1867. Der Großherzogliche Oberbaurat Heinrich Hübsch hat die Kirche entworfen, nachdem er vom lutherischen Glauben zum Katholizismus konvertiert war.

Der neue Glauben veränderte Hübschs Baustil radikal. Statt klassizistischer Hallenkirchen baute der Architekt nur mehr romanische Basiliken. Drei Schiffe, viele Säulen, Obergaden, ein klar definierter Chorraum mit opulentem Hochaltar. Katholischer geht’s nicht. Die Weihe der Untergrombacher Pfarrkirche hat Heinrich Hübsch nicht mehr erlebt. Da war er schon fünf Jahre tot.

Eine Steintreppe führt durch ein Meer aus Blüten hinauf zum Michaelsberg

Direkt hinter St. Cosmas und St. Damian biegt ein schmales Sträßchen zum Berg hin ab. Hier beginnt der Aufstieg. Der Weg ist gut ausgeschildert. Eine Steintreppe führte uns durch ein Meer aus Obstbaumblüten hinauf zum Michaelsberg. Er markiert den westlichen Abschluss des Kraichgauer Hügellandes.

Die Treppe ist recht steil. Weshalb sie alle fünfzig Höhenmeter durch ein flaches Stück Weg unterbrochen wird. Von Etage zu Etage weitete sich unser Blick über die Rheinebene.

Die Wallfahrer des 18. Jahrhundert sahen von hier aus nur Wald. So weit das Auge reichte – nur undurchdringlicher Lußhardt. „So dick habe ich noch keine Wälder gesehen“, notierte der Dichter Friedrich Hölderlin als 18-jähriger Student anno 1788 entsetzt. „Kein Sonnenstrahl drang hier durch.“

Die Speyrer Fürstbischöfe dürften dem Lußhardt freundlichere Gefühle entgegengebracht haben. Er war ihr bevorzugtes Jagdrevier.

Ein phantastisches Panorama belohnt für den Aufstieg

Und dann waren wir oben. Noch nicht mal allzu erschöpft. Ein phantastisches Panorama belohnte uns für den Aufstieg zum Michaelsberg. Wir blickten hinüber zur wilden Einsamkeit des Pfälzer Waldes, erahnten die dunklen Höhen des Schwarzwaldes und die archaischen Berge des Odenwaldes. „Der Michaelsberg ist ein mystischer Ort, der seit Urzeiten die Menschen gleichermaßen anlockt und in seinen Bann zieht“, heißt es im Prospekt.

Das ist keine PR-Floskel. Denn tatsächlich hat der berühmte Hobby-Archäologe Oberst August von Cohausen im Oktober 1884 hier oben auf dem Michaelsberg zwei kleine Scherben entdeckt. Graubraun und brökelig. Jeder andere hätte sie achtlos zur Seite gekickt. Doch der Oberst verstand etwas von der Sache und ließ die Scherben untersuchen. Sie stammten von einem Trinkgefäß aus der Jungsteinzeit . Das war vor etwa 6000 Jahren. Noch vor der Erfindung des Rades. Der Michaelsberg zählt damit zu den ältesten Siedlungsgebieten Deutschlands. Ein spiritueller Urort.

Hier hat sicher schon ein Heiligtum gestanden, lange bevor der Berg im 7. Jahrhundert „getauft“ wurde. Von Wandermönchen. Sie errichteten ein Holzkapellchen exakt dort, wo einst die Steinzeitmenschen gesiedelt. Die Missionare stellten den Berg und das Kirchlein unter den Schutz des mächtigen Erzengels Michael.

Der Höllensturz des Luzifer ist als Deckengemälde zu bestaunen

Michael ist einer der bedeutendsten Engel. Gleich zu Beginn der Schöpfung übertrug Gott ihm die heikle Aufgabe, den Erzengel Luzifer aus dem Himmel zu entfernen. Luzifer nämlich, so erzählt die Geheime Offenbarung des Johannes, war außer sich vor Wut über Gottes Plan, Menschen zu erschaffen. Der „Lichtträger“ hielt das für einen so große Dummheit, dass er beschloss, Gott künftig weder zu preisen, noch ihm zu dienen. Damit war sein Aufenthaltsrecht im Himmel verwirkt.

Doch Luzifer wollte nicht gehen. In einem gnadenlosen Kampf gelang es dem Erzengel Michael schließlich, Luzifer niederzuringen und aus dem Himmel hinauszustoßen. Der ehemalige Engel fiel mitsamt seinen Anhängern hinunter in die Hölle. Den Festtag des Erzengels Michael feiert die katholische Kirche am 29. September.

Der Höllensturz des Luzifer ist heute im Deckengemälde der Michaelskapelle zu bestaunen. Es stammt allerdings nicht aus dem Barock, sondern entstand 1911 im Historismus.

Fürstbischof Damina Hugo von Schönborn installierte zwei Kapuzinerpatres in der Kapelle

1472 wurde die erste Steinkapelle auf dem Michaelsberg gebaut. Das heutige Gotteshaus stammt aus dem Jahr 1742. Fürstbischof Damian Hugo von Schönborn installierte zwei Kapuzinerpatres in der Kapelle, die sich um das Seelenheil der Pilger kümmern sollten. Das funktionierte sehr gut. Bis zur Säkularisierung im Jahr 1802 hatte die Wallfahrt auf den Michaelsberg regen Zulauf.

Dann setzte Napoleon aller Religion ein Ende. Das Bistum Speyer wurde aufgelöst, die Kapelle meistbietend versteigert. Man nutzte sie als Schmiede und Bäckerei. Der Backofen wurde im Chorraum eingebaut. Und schließlich als Scheune und Schweinestall. Wahrscheinlich wäre von dem zarten Barockkirchlen heute kein Stein mehr übrig, wenn nicht 1838 der hochwürdige Ignatius Kling als neuer Pfarrer nach Untergrombach gekommen wäre.

Kling besah sich seine neue Gemeinde – und war erschüttert. Die Kapelle des heiligen Michael – ein Schweinestall. Die Pfarrkirche St. Cosmas und St. Damian – ein notdürftig abgedeckter Rohbau. Entschiedenes Handeln tat Not, befand der Pfarrer.

Zwanzig Jahre dauerte es, bis aus dem Schweinestall wieder eine hübsche Kapelle geworden war

Unermüdlich, eloquent und hartnäckig machte sich Ignaz Kling, damals 58 Jahre alt, ans Spendensammeln. Trefflich unterstützt von Markgräfin Amalie von Baden, die Mutter des Großherzogs, die im Bruchsaler Schloss residierte. Doch es sollte fast zwanzig Jahre dauern, bis der Pfarrer die 800 Gulden zusammen hatte, um die Michaelskapelle für die Pfarrgemeinde zurückzukaufen.

Erst in seinem 84. Lebensjahr erlebte Kling, mittlerweile zum Geistlichen Rat avanciert, die Weihe der neuen Pfarrkirche St. Cosmas und St. Damian. Ignaz Kling starb hochbetagt in seinem 97. Lebensjahr. Der Platz neben der Pfarrkirche in Untergrombach trägt heute seinen Namen.

Die endgültige Fertigstellung „seiner“ Michaelskapelle hat Pfarrer Kling nicht mehr miterlebt. Der heutige Hochaltar und die beiden Seitenaltäre stammen aus der alten Paulskirche in Bruchsal. Sie sind Originale aus dem Rokoko. Die übrigen Ausstattungsstücke sind historistisch, entstanden zwischen 1907 und 1909.

Man weiß ja nie, welcher Heilige in welcher Not am besten hilft

Besonders hilfreich fanden wir eine Aufstellung der 14 Nothelfer an der Wand neben der Kanzel. Man weiß ja nie so genau, wer in welcher Not am besten hilft. Darüber herrscht jetzt Klarheit. Aufgelistet sind nicht nur die Spezialitäten eines jeden Nothelfers, sondern auch die Art, wie er oder sie zu Tode gekommen ist. Neun Heilige wurden enthauptet und vier gemartert. Nur St. Ägidius ist eines natürlichen Todes gestorben.

  • Achatius, angerufen bei Lebens- und Todesangst
  • Ägidius, Beschützer der Hirten und des Viehs
  • Barbara, Patronin der Sterbenden
  • Blasius, angerufen gegen Halsschmerzen
  • Christophorus, Patron der Reisenden und Helfer gegen plötzliche Gefahren
  • Cyriacus, angerufen in der Todesstunde
  • Dionysius, angerufen bei Kopfleiden
  • Erasmus, angerufen bei Schmerzen des Unterleibs  
  • Eustachius, Patron in schwierigen Lebenslagen
  • Georg, angerufen gegen Seuchen der Haustiere
  • Katharina, angerufen gegen Leiden der Zunge und schwere Sprache
  • Margareta, Schutzpatronin der Gebärenden
  • Pantaleon, Patron der Ärzte
  • Vitus, Helfer gegen Anfälle und in Notlagen

Direkt vor der Michaelskapelle steht neuerdings eine moderne Stele. Man könnte sie für eine Vase halten, aber es ist ein Becher. Genauer gesagt: Es ist die 3-D-Kopie jenes Trinkgefäßes aus der Steinzeit, das der Oberst entdeckt hat. Die Wissenschaft nennt es seiner Form wegen den „Tulpenbecher“. Der Fund hat einer ganzen Epoche den Namen gegeben: Die „Michelsberger Kultur“ reichte von Paris bis Sachsen.

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