Wiesloch: Der blinzelnde Christus

St. Pankratius besitzt atemberaubende Fresken

Erschöpft sah er aus, der gemarterte Heiland, wie er da bleich in seinem Felsengrab lag. Ein Engelchen küsste zärtlich die leblose Hand, da schlug der Christus plötzlich die Augen auf. Welch ein Schock für die fromme Beterin, die vor dem Altar der Pankratiuskapelle kniete.

Außer sich vor Aufregung stürzte die Frau auf die Straße, am nächsten Tag standen die Menschen Schlange. Dann kamen die Busse und die Würstchenbuden. Denn das „Wunder von Altwiesloch“ funktionierte tatsächlich. Man musste das Christusbild nur lange genug ansehen, dann öffnete es die Augen.

Fast neunzig Jahre ist es her, dass der blinzelnde Christus von Altwiesloch europaweit für Furore sorgte. Leider hielt das Wunder nicht lange. Experten stellten fest, dass der Schmutz der Jahrhunderte das Gemälde auf dem Altarsockel in eine Art Vexierbild verwandelt hatte. Je nach Blickwinkel sah man offene oder geschlossene Augen. Der Christus wurde gereinigt, der Effekt war perdu, die Pankratiuskapelle geriet in Vergessenheit. Was schade ist. Die Kapelle ist eines der ältesten Gotteshäuser der Region. Und sie besitzt gotische Fresken von atemberaubender Schönheit.

In Altwiesloch wurden fast 2000 Jahre lang Silber und Zink abgebaut

Das Altarbild sorgte vor 90 Jahren als „Wunder von Wiesloch“ für Furore

Altwiesloch ist nicht die Altstadt von Wiesloch, sondern ein Dorf vor den Toren der Großen Kreisstadt. Als es 1908 eingemeindet wurde, hatte Altwiesloch schon eine lange Bergbaugeschichte hinter sich. Erst gruben die Römer. Dann, ab dem 11. Jahrhundert, ließen die Salier großflächig Silber und Zink abbauen. Der Dom von Speyer, scherzen die Altwieslocher, wurde mit dem Silber aus ihren Minen finanziert. 1954 schloss die letzte Grube, doch die Heilige Barbara, die Patronin der Bergbarbeiter, ist bis heute allgegenwärtig.

Den Schutz der Mine garantierte neben Barbara auch die Burg Altwiesloch: Vier Wohntürme, ein Wirtschaftsgebäude und eine wehrhafte Mauer mit Wassergraben. 1410 überschrieb Pfalzgraf Otto die Wasserburg an Freiherr Schwarz-Reinhard von Sickingen. Er war ein frommer Mann und ließ die winzige Chorturmkirche der Burg zur Pfarrkirche erweitern. Das Ursprungs-Kapellchen existiert noch. Es ist heute die Sakristei der Pankratiuskapelle. Leider hat ein Schwelbrand 1980 die uralten Fresken angekohlt.

Die gotische Madonna entstand 1423

Eine bildhübsche Madonna breitet ihren Schutzmantel über Altwiesloch aus

1423 war die neue gotische Kirche fertig: Drei Altäre, ein schönes Kreuzrippengewölbe und Wandmalereien vom Feinsten. Man sieht ein Paar, das zu Füßen des leidenen Christus kniet. Daneben breitet eine bildhübsche Madonna ihren Mantel schützend über die Altwieslocher aus. Das Barock fügte später den hochwertigen Hochaltar mit dem blinzelnden Christusgemälde hinzu.

In der Reformation und im Pfälzischen Erbfolgekrieg verkam die Pankratiuskapelle. 1912 sollte die Ruine abgerissen werden, was ein mutiger Konservator verhinderte. Nicht verhindern konnte er, dass das Kirchlein mit modernen Häusern umbaut wurde. Seither wirkt es ein wenig eingezwängt.

Die Melange von alt und neu ist gelungen. Der gotische Chor blieb unangetastet

Gelungene Melange: 1972 wurde ein moderner Gottesdienstraum angebaut

Das Jahr 1972. Das Zweite Vatikanische Konzil hatte die Liturgie durchgepustet, die Kirchen waren voll. Aufbruchstimmung auch in Altwiesloch. Man beschloss, die Kapelle ins 20. Jahrhundert zu katapultieren. Durch einen modernen, hellen Anbau aus Sichtbeton und Glas. Die Melange ist gelungen, der gotische Chor blieb unangetastet. Er erhielt nur moderne Fenster von Valentin Feuerstein, die in ihrer Kleinteiligkeit an das Mittelalter erinnern.

Seit die Gottesdiensten im Neubau gefeiert werden, ist in der gotischen Kapelle verträumte Ruhe eingekehrt. Ein stiller, halbdunkler, durchbeteter Raum. Der insgeheim darauf wartet, dass Christus endlich wieder einmal die Augen öffnet.

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