Speyer: Im Schutz der toten Kaiser

Gewaltige Romanik: Der Speyerer Dom war einst die größte Kirche der Welt

Speyer ist uralt. 2027 Jahre, um genau zu sein. Schon zehn Jahre vor Christi Geburt markierten römische Landkarten dort, wo heute die Stadt pulsiert, ein festes Heerlager. Als die Salierkaiser tausend Jahre später auch noch die größte Kirche der Welt am Ufer des Rheins erbauen ließen, hatte Speyer seinen Platz in der Geschichte sicher.

Sollte man meinen. In Wahrheit ist die Domstadt jedoch nur um Haaresbreite dem Sturz ins Nichts entronnen. 1801 waren die französischen Besatzungstruppen schon dabei, den Dom abzureißen und die Steine als Baumaterial zu versteigern. Erst in letzter Sekunde gelang es dem Erzbischof von Mainz, die Kathedrale zu retten. Ein Kirchenspaziergang durch eine Stadt, wo man in einer Stunde durch zweitausend Jahre Geschichte pilgern kann.

Eine eisige Prankenhand auf des Fährmanns Schulter

Der Aufstand der toten Kaiser ist die Lieblingslegende der Speyerer

In einer stürmischen Oktobernacht des Jahres 1813 kauerte der Fährmann von Speyer am Ufer des Rheins. Just als die Glocke Mitternacht schlug, spürte er eine eisige Hand auf der Schulter. Der Schiffer erblickte riesige bleiche Gestalten mit Prankenhänden und eisernen Kronen auf den Häuptern. Die toten Kaiser. Sie verlangten, sofort übergesetzt zu werden, weil sie eine Aufgabe zu erledigen hätten. Wenige Stunden später wurde Napoleon bei Leipzig vernichtend geschlagen.

Diese Schauergeschichte ist der Liebling aller Speyerer. Sie haben ihr sogar in dem kleinen Park zwischen Dom und Rhein ein Denkmal gesetzt. Weil die Legende das Trauma der Stadt so  schön in ein Bild packt: Hier die Salier-Kaiser, die Speyer zum Zentrum ihres Reichs erkoren. Dort die Franzosen, die Speyer einmal komplett zerstörten und ein zweites Mal beinahe. Lediglich das Westportal des Doms sollte stehen bleiben. Als Triumphbogen für Napoleon. Gut, dass die Kaiser in ihrer Gruft aufgepasst haben. Beginnen wir unsere Wallfahrt also mit den Toten von Speyer.

Station 1: Die Friedenskirche St. Bernhard

Altbundeskanzler Helmut Kohl ruht im Adenauerpark. Ein guter Platz.

Der Adenauer-Park liegt im Norden der Altstadt fast direkt gegenüber des Hauptbahnhofs. Früher war der Park eine verwunschene Oase mit Seerosenteich, Renaissance-Grabsteinen und einer gotischen Kapelle. Jetzt liegt Helmut Kohl hier begraben. Der Altbundeskanzler ruht im Schatten von St. Bernhard, was ein guter Platz ist. Die monumentale Bernhardskirche nämlich wurde 1954 erbaut als Symbol der Versöhnung zwischen Deutschland und Frankreich. Das Speyerer Lebensthema.

Geweiht ist das katholische Gotteshaus dem heiligen Bernhard von Clairveaux, dem charismatischen Missionar des Zisterzienserordens. Die Zisterzinser verstanden sich als Gegenmodell zum verlotterten monastischen Lebensstil des 12. Jahrhunderts. Sie aßen kaum und sprachen nicht. Alle Sinne ausgerichtet auf Gott. Das traf den Nerv der Zeit. Selten hat sich eine Bewegung so schnell ausgebreitet wie die zisterziensische.

Die Luftsprünge des Bernhard von Clairvaux schrieben Geschichte

Im Dezember 1146 kam Bernhard von Clairvaux nach Speyer. Nicht um Askese zu predigen, sondern um für den Kreuzzug ins Heilige Land zu werben. König Konrad III. lehnte ab. Geschichte wurde dennoch geschrieben. Eines Abends, als die Gemeinde im Dom das „Salve Regina“ anstimmte, soll Bernhard spontan die Strophe „O clemens, o pia, o dulcis virgo Maria“ hinzugefügt haben. Wobei er bei jedem Wort einen Sprung in Richtung Altar machte. Im Mittelgang des Doms sind die Worte in den Sandstein eingelassen. Zum Nachhüpfen.

Das Symbol der Versöhnung zwischen Deutschland und Frankreich: St. Bernhard

Biegt man jenseits des St.-Guido-Stifts-Platzes in die Armbruststraße ein, so liegt rechter Hand die Augustinergasse. Verloren zwischen Parkplätzen und Sparkassen-Klotz steht hier ein traumschöner gotischer Kreuzgang. Er ist der Rest des einst so reichen Augustinerklosters von 1334. 1689 wurde das gotische Gemäuer niedergebrannt. Es starb mitsamt der ganzen Stadt. Mindestens acht Klöster gab es im Mittelalter in Speyer. Überlebt haben nur die Dominikanerinnen von St. Magdalena. Dort schauen wir später vorbei. Jetzt folgen wir hinter dem Altpörtel der Gilgenstraße.

Station 2: Die protestantische Gedächtniskirche

Martin Luther hätte im April 1529 eigentlich längst tot sein müssen. Schon seit acht Jahren lebte er in Reichsacht, vogelfrei und rechtlos. Dass der Reformator dennoch quietschfidel an seiner Theologie feilen konnte, verdankte er dem Schutz sechs einflussreicher Fürsten.

100 Meter: Der höchste Kirchturm der Pfalz

Beim Reichstag zu Speyer am 19. April 1529 verfassten die lutherischen Herrscher eine geharnischte Protestschrift, in der sie vom katholischen Kaiser Religionsfreiheit forderten. Die wurde zwar nicht gewährt, aber evangelische Gläubige nennen sich seither „Protestanten“.

Sichtbares Monument der „Speyrer Protestation“ ist die Gedächtniskirche. Das neugotische Gotteshaus von 1893 besitzt mit 100 Metern den höchsten Kirchturm der Pfalz und war ursprünglich als Zentralkirche für die gesamten protestantische Christenheit geplant. Was sich leider nicht rumgesprochen hat. Dabei ragt Martin Luther in ihrer Vorhalle mindestens so hoch und majestätisch auf wie auf dem Denkmal zu Worms.

Katholische Vielfalt als Antwort auf die protestantische Strenge

St. Josef war die katholische Antwort auf die Gedächtniskirche gegenüber.

Die katholische Antwort auf die Gedächtniskirche war die gewaltige St.-Josephs-Kirche gleich gegenüber. Seit 1914 komplettieren ihre 90 Meter hohen Doppeltürme die Speyerer Silhouette. „Katholische Vielfalt“ wollte der Mainzer Dombaumeister in St. Joseph der protestantischen Neugotik entgegensetzen. Das Ergebnis ist ein Quiz für Architekturfans. Welches Detail erinnert an die Spätgotik? Welches an den Barock, die Renaissance, den Jugendstil?

Station 3: Die Dreifaltigkeitskirche

Den Bronzepilger schenkte der Bischof seiner Stadt zum 2000. Geburtstag

Zurück in die Maximilianstraße, die jetzt im Sommer ein wunderbar südliches Flair ausstrahlt. Etwa auf der Hälfte des Wegs zum Dom treffen wir den „Pilger“.

Die überlebensgroße Bronze hat der inzwischen emeritierte Bischof Anton Schlembach 1990 seiner Stadt zum 2000. Geburtstag geschenkt. Auf diese Zahl ist man in Speyer schon sehr stolz. Der Bronzepilger weist darauf hin, dass Speyer dank seines Mariendoms immer schon eine wichtige Etappen der Jakobspilger war. Obwohl die Stadt nicht auf der Hauptroute nach Santiago liegt.

Eine Kirche wie eine kunterbunte Bilderbibel

Normalerweise würden wir beim Pilger links abbiegen, um die wunderbare evangelische Dreifaltigkeitskirche zu besuchen.

Die evangelische Dreifaltigkeitskirche ist eine riesige Bilderbibel.

Sie war das erste barocke Gebäude, das nach der Zerstörung ihrer Stadt errichtet wurde. Zwei Emporen umrahmen das Kirchenschiff. Sie sind überreich mit Bildtafeln verziert, so dass die Kirche wie eine große Bilderbibel wirkt.

Das witzigste Detail der schönen Kirche sind die Wendesitze: Die ersten fünf Bankreihen vor dem Altar haben auf beiden Seiten eine Sitzfläche. Da die Kanzel fast in der Mitte der Kirche steht, drehen sich die Gläubigen während der Predigt um 180 Grad. Leider ist die Dreifaltigkeitskirche bis 31. Oktober 1017 wegen Renovierung geschlossen.

Station 4: Das Kloster St. Magdalena

Weshalb wir erst vor dem Domplatz links abbiegen und hinunter zum Speyerbach wandern. Jenseits der  Sonnenbrücke treffen wir auf das Dominikanerinnen-Kloster St. Magdalena. Hier hat die Karmelitin Teresia Benedicta a Cruce, besser bekannt als die heilige Edith Stein, von 1923 bis 1931 gewirkt. Als Lehrerin im Mädchengymnasium.

Seit 1262 beten Dominikanerinnen im Kloster St. Magdalena

Es waren Steins erste Jahre als Christin. 1922 hatte die 31-jährige jüdische Philosophin in nur einer Nacht die Autobiographie der Teresa von Avila gelesen. Als sie das Buch schloss, wusste Edith Stein, dass sie sich zum Ordensleben berufen fühlte. In Bad Bergzabern wurde Stein getauft. Das Leben im Speyerer Dominikanerinnen-Konvent sollte ein Test sein, ob sie diesem Weg tatsächlich gewachsen war.

„Ihr geistlicher Berater, hielt es für notwendig, dass Edith Stein zunächst in der Welt als Katholikin leben sollte, statt nach ihrem Wunsch gleich in den Karmeliterorden einzutreten“, steht im Begleitheft zur Ausstellung im Kloster St. Magdalena.  Die Schwestern haben mit viel Liebe Erinnerungsstücke aus dem Leben der Heiligen in einem Museum zusammengetragen.

Freundlich, bescheiden und fromm: Edith Stein in Speyer

Ein Ort zwischen Himmel und Erde. Mit Traumsicht auf den Dom.

1934 trat Edith Stein in Kölner ins Karmeliterkloster ein. 1938 musste die Karmelitinnen bei Nacht vor den Nazi-Schärgen nach Holland fliehen. Dort wurde Edith Stein im August 1942 verhaftet und nach Auschwitz deportiert. Am 9. August 1942 starb sie im Gas. Am 11. Oktober 1998 hat Papst Johannes-Paul II. Teresia Benedicta a Cruce heilig gesprochen.  Eine moderne Stele im Klosterhof von St. Magdalena erzählt vom Leben und Sterben der Karmelitin.

Seit 1262 beten Dominikanerinnen in Speyer. 41 Nonnen wirken noch hinter den barocken Mauern von St. Magdalena, viele der jüngeren Schwestern stammen aus Peru und Brasilien. Früher lebten die Schwestern in strenger Klausur. Heute betreiben sie eine moderne Ganztagsgrundschule für Mädchen und Jungen. An der Klosterpforte gibt eine Klingel. Wenn man Glück hat, führt eine Schwester den Besucher im Park des Klosters herum. Ein Ort zwischen Himmel und Erde mit Traumsicht auf den Dom.

Station 5: Der Kaiserdom

Kaiser Konrads Krone schwebt über dem Chor

Der Dom. Endlich! Er ist überwältigend. 134 Meter lang, 33 Meter  hoch, 55 Meter breit und tausend Jahre alt. Fünf Generationen haben an dem Dom gearbeitet, den Kaiser Konrad II. 1027 in Auftrag gegeben hat. Als in Stein geformter Ausdruck seiner Macht. Und als Grablege für ein neues Geschlecht: Die Salier.  Im Osten erhebt sich seine Majestät: Der Kaiserdom. Er ist die größte erhaltene romanische Kirche der Welt und gehört zum „Weltkulturerbe“.

Kaiser Konrad II. entstammte einer Grafenfamilie aus Worms. Lesen und schreiben hat er nie gelernt, dafür überragte Konrad mit seinen zwei Metern all seine Landsleute. Das genügte als Qualifikation. 1024 wählten die Fürsten den 34-Jährigen einstimmig zum König des deutschen Reichs. 1027 krönte ihn der Papst in Rom zum Kaiser. Konrads Krone schwebt heute um ein Vielfaches vergrößert im Chor des Doms.

Die Krypta gilt als schönste Unterkirche der Welt

Konrads Reich war riesig. Es reichte von Italien über Frankreich und Polen bis zur Nordsee. Eine Hauptstadt gab es nicht. Konrad II. regierte im Reisen. Speyer sah er nur zwei Mal: Bei der Grundsteinlegung des Doms 1027 und kurz vor seinem Tod 1039. Die Frau an Konrads Seite hieß Gisela. Sie war älter als er, charmant und gebildet. Eine große Liebe. Beide ruhen Seite an Seite in der Krypta des Doms. Sie gilt als die schönste Unterkirche der Welt.

Die Krypta gilt als die größte und schönste Unterkirche der Welt

Konrad glaubte fest daran, von Gott zum Herrscher über die ganze Welt berufen zu sein. Eine Trennung zwischen Staat und Kirche existierte nicht. Was der Kaiser wünschte, hatte der Papst zu tun. Eine Neuerung, die Kaiser Konrad als oberster Kirchenherr einführte, gilt noch heute: Konrad legte fest, dass der 1. Advent am Sonntag zwischen dem 26. November und dem 3. Dezember gefeiert wird.

Heinrichs Herz ruht in Goslar, sein Leichnam in Speyer

Seltsames Mitbringsel: Der Kopf von Papst Stephan

Heinrich III., Konrads Sohn, gutaussehend, hochgewachsen und gebildet, trat das Erbe seines Vaters mit 22 Jahren an. 1045 ritt Heinrich nach Rom, um sich zum Kaiser krönen zu lassen. Er fand die ewige Stadt im Chaos. Der amtierende Papst hatte sich sein Amt gekauft, sein Vorgänger geheiratet. Heinrich berief eine Krisen-Synode ein, die den Zölibat für Priester zur Pflicht machte. Daran hat sich bis heute nichts geändert.

Zur Feier seiner Krönung erstand Heinrich III. in Rom eine kostbare Reliquie: Das Haupt von Papst Stephan I. in goldenem Helm. Heute kann man diese merkwürdige Reliquie in der Seitenkapelle des Doms bestaunen. An seinem 39. Geburtstag starb Kaiser Heinrich III. überraschend. Sein Herz wurde in Goslar beigesetzt, der Leichnam in Speyer.

Als der Dom endlich fertig war, wurde er sofort wieder abgerissen

Heinrich IV. war gerade mal sechs Jahre alt, als man ihn zum König krönte. Der Erzbischof von Köln übernahm seine Erziehung, was das Verhältnis zwischen Kaiser und Kirche dauerhaft zerrüttete.  Anders als seine Vorfahren hielt sich Kaiser Heinrich IV. gern und oft in Speyer auf. 1044 war der Dom nach zwanzigjähriger Bauzeit endlich fertig. Doch der Kaiser befand die gewaltige Kathedrale für viel zu klein. Kurzerhand ließ Heinrich weite Teile wieder abreißen, damit der Dom erhöht und nach Westen verlängert werden konnte. Jetzt besaß Speyer die größte Kirche der Welt.

Ende gut: Heute ruht auch Heinrich IV. in der Krypta des Doms

Ein klares Signal nach Rom. Dort nämlich hatte Papst Gregor VII. gerade erklärt, dass er die Einmischung des Kaisers in Angelegenheiten der Kirche nicht länger hinnehmen werde. Als Heinrich IV. diese Warnung einfach ignorierte, exkommunizierte der Papst den Kaiser. Eine ernste Sache. Heinrich musste handeln. 1077 brach er schweren Herzens auf zu einem Bußgang über die Alpen. 540 Kilometer von Speyer zur Burg Canossa. Zu Fuß. Im Winter.

Der Gang nach Canossa ist Sprichwort geworden, das Ende der Geschichte vergessen . Kaum war Heinrich IV. zurück in Speyer, machte er weiter wie bisher. Worauf ihn der Papst wieder bannte. Diesmal für immer. Als Kaiser Heinrich IV. 1106 starb, bestattete man ihn nicht in der Krypta, sondern in der noch ungeweihten Afra-Kapelle.

 

 

 

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