Schriesheim: Durch den Tunnel zum Licht

Die evangelische Stadtkirche
im Zentrum von Schriesheim

Der Weg ins Himmelreich führt durch einen Tunnel. Mit jedem Schritt wird es heller, bis man eintaucht in eine Symphonie aus Farbe, Sonne und Licht. So funktioniert die evangelische Stadtkirche von Schriesheim.

Seit 1752 markiert das barocke Gotteshaus den Mittelpunkt des Weinortes, der jahrhundertelang die Hochburg des Calvinismus an der Bergstraße war. Heute gilt Schriesheims Stadtkirche als Geheimtipp unter Architekturfans. Weil sie zeigt, wie man einen düsteren Kirchenraum mit der Helligkeit der Moderne füllen kann. Ohne seinen Charakter nur im Geringsten zu verändern.

46 Meter hoch erhob sich 1752 die barocke Stadtkirche über die enge Altstadt

Schriesheim an der Bergstraße im Jahr 1689: 140 Familien glaubten calvinistisch, zwölf katholisch und zwölf lutherisch. Klare Mehrheitsverhältnisse. Dennoch verfügte der neue katholische Kurfürst, dass alle drei Konfessionen das gotische Kirchlein gleichberechtigt nutzen durften.

Die umlaufende Empore
wirkt wie ein Tunnel zum Licht

Unmut unter der Strahlenburg. Man stritt um die Zeiten, das Geläut, das Gestühl, ja sogar um die Schränke. Bis sich 1711 sowohl Katholiken wie Lutheraner ihre eigenen Kirchen bauten. Die Reformierten hatten das alte Gotteshaus wieder für sich – und waren total unzufrieden. Es sei doch stark in Mitleidenschaft gezogen, befand man. Ein Neubau müsse her. Er sollte alles in den Schatten stellen, was Schriesheim je gesehen hatte.

46 Meter hoch erhob sich 1752 die barocke Stadtkirche über die enge Altstadt. Der Kurfürstliche Hofbaumeister Franz Wilhelm Rabaliatti hatte ihren eleganten Zwiebelturm entworfen. Das Interieur war Calvinismus pur. Als Altar diente ein Tisch, Kunst und Kreuze fehlten. Das Herzstück der Kirche war die Kanzel an der südlichen Langhauswand. Auf sie hin waren alle Kirchenbänke und Emporen ausgerichtet.

Das Zentrum markiert ein monumentales Fenster: Christi Himmelfahrt

Dann der Schock: 1821 vereinigte der Großherzog Reformierte und Lutherische zur Badischen Landeskirche. In die Schriesheimer Stadtkirche schlug daraufhin prompt der Blitz ein und zertrümmerte den Zwiebelturm. Wer mag, darf das als Zeichen deuten. Ihr neuer klassiszistischer Turm jedenfalls steht der Kirche ausgezeichnet.

Christi Himmelfahrt
in starken Farben

Mit der Union kam auch Hermann Behaghel, der Großherzogliche Oberbaurat. Um alle Spuren calvinistischen Glaubens an der Bergstraße zu tilgen, drehte Behaghel den Schriesheimer Kirchenraum kurzerhand um. Statt nach Süden blickte man nun gen Westen, wo ein neuer historistischer Chor angebaut worden war. Sein Zentrum markierte ein monumentales Fenster in starken Farben: Christi Himmelfahrt.

Um genügend Platz für die Gemeinde zu schaffen, ließ Behaghel eine schwere umlaufende Empore mit zahllosen Stützpfeilern einziehen. Der Weg zum Licht führt seither durch einen Tunnel.

2014 wurde die Sehnsucht nach Helligkeit übergroß

Mehr als hundert Jahre beteten Schriesheims Protestanten in historistischem Dunkel. Bis 2014 die Sehnsucht nach Helligkeit übergroß wurde. Doch auf ihre Empore, ihre Kanzel und ihre Farbglasfenster mochte die Gemeinde unter keinen Umständen verzichten. Eine architektonische Quadratur des Kreises.

Der moderne Altar kann
verschieden zusammengesetzt werden

In Schriesheim ist sie gelungen. Wenn man heute aus dem Tunnel auftaucht, steht man in einem strahlend weißen Chor. Ultramoderne Lichtringe, die wie Kronen über dem Raum schweben, verstärken den Glanz noch.

Der Altarraum wurde durch ein großzügiges Podest bis weit ins Kirchenschiff hinein verlängert. Ambo und Taufbecken lassen sich verschieben. Der moderne Künstleraltar kann auseinander genommen und in verschiedensten Formen neu zusammengesetzt werden. Dahinter schwebt wie eh und je starkfarbig der Heiland zum Himmel hinauf. Seine Hände sind segnend ausgebreitet. Über Schriesheim.

Kirchenfakten

Name: Evangelische Stadtkirche Schriesheim
Adresse: Kirchstraße 6, 69198 Schriesheim
Konfession: evangelisch
Baujahr: 1752
Baustil: Barock mit klassizistischem Turm
Kunstschätze: Historistische Kirchenfenster von 1899
Moderne Prinzipalien aus poliertem Beton und Rost von Armin Däschner
Moderne Skulptur mit integriertem historistischem Kreuz
Weigle-Orgel von 1977
Besonderheit: Ins Kirchengebäude integriert ist das Café „mittendrin“
Öffnungszeiten: Tagsüber geöffnet
Kontakt: Evangelische Pfarramt Schriesheim, Kirchstraße 3c, 69198 Schriesheim
Telefon: 06203-692987
E-Mail: pfarramt-schriesheim@ekisa.de
Internet: www.ekisa.de

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