Leutershausen: Die Augen der Madonna

Warum die Muttergottes und das Jesuskind schwarz sind, weiß niemand

Am verwirrendsten ist nicht die Hautfarbe. An sie gewöhnt man sich schnell. Aber die Augen der Schwarzen Madonna verfolgen einen tagelang. Groß und dunkel. Voll von Verstehen und voll von Fragen.

Kein Wunder, dass man die Leutershausener Madonna nur selten ganz für sich hat. In St. Johannes Baptist trifft man eigentlich immer auf Betende. Am 15. August, dem Hauptwallfahrtstag, lockt die Muttergottes mehr als tausend Pilger an die Bergstraße. Und das schon seit 282 Jahren. Dabei hat bislang noch niemand eine schlüssige Erklärung dafür gefunden, warum die Madonna eigentlich schwarz ist.

Der Erbfolgekrieg hatte nichts übrig gelassen von der einst so strahlenden Kurpfalz

Die Kurpfalz am Ende des 17. Jahrhunderts. Ein totes Land. Nichts hatte der Pfälzische Erbfolgekrieg übrig gelassen vom strahlenden Mittelpunkt der reformierten Welt. Die prächtige Renaissance-Metropole Heidelberg existierte nicht mehr, die Bergstraße lag verheert. In dieser desolaten Situation übernahm eine neue Herrscherfamilie. Die Kurfürsten von Pfalz-Neuburg kamen aus Düsseldorf und glaubten streng katholisch. Was die Kurpfalz auch wieder tun sollte, fanden die Rheinländer. Und besetzten alle Führungspositionen mit Katholiken.

St. Johannes Baptist ist ein Schmuckstück der Neugotik. Monumental und filigran zugleich.

Graf Franz Melchior von Wiser, ein Österreicher, war einer der engsten Vertrauten des neuen Kurfürsten. Im Jahr 1700 erwarb der Graf den zerstörten Weiler Leutershausen für seine künftige Dynastie. Nur wenige Jahre später zierte ein schmuckes Barockschloss das Bergstraßen-Dorf.

Wer auf sich hielt, pilgerte nach Loreto

Fehlte nur noch eine standesgemäße katholische Kirche, überlegte drei Jahrzehnte später Graf Ferdinand Andreas von Wiser, der Sohn. Das alte Leutershausener Gotteshaus am Hang gehörte zur Hälfte den Evangelischen. Eine raumhohe Mauer trennte den Chor vom Kirchenschiff. Wahrlich nicht schön. Doch zur Tat schritt Ferdinand Andreas erst, als während eines Gewitters ein Blitz durch den gräflichen Salon fegte und die Familie wie durch ein Wunder knapp verfehlte.

Das Elternhaus der Gottesmutter steht in Italien

Die Kapelle im Schlosshof gleicht exakt dem Geburtshaus in Loreto

Wenige Wochen später wuchs im Schlosshof eine Kapelle nach dem Vorbild des italienischen Wallfahrtsortes Loreto empor. Die schwarze Madonna hat der Graf sicher persönlich in Italien in Auftrag gegeben. Schließlich war eine Pilgerreise nach Loreto in den 1730ern das Angesagteste überhaupt. Wer auf sich hielt, musste dort gewesen sein.

Loreto in der Provinz Marken, 100 Kilometer südlich von Rimini an der Adria. Hier steht das Geburtshaus der Gottesmutter Maria. Klingt verrrückt. Wo doch jedes Kind weiß, dass Maria aus Nazareth in Galiliäa stammt. Aber, so erzählt die Legende, als das kleine Steinhäuschen während eines Kreuzzugs in Gefahr geriet, schafften es die Engel flugs übers Mittelmeer. Im Dezember 1294 landeten Marias Geburtshaus in den Hügeln von Loreto.

Sofort bauten man eine Basilika mit einer hübschen Madonna darin, die man schwarz angestrichen hatte. Warum? Dieses Geheimnis nahmen die Schnitzer mit ins Grab. Das Kapellchen jedenfalls, das heute noch im Schlosshof zu Leutershausen steht, gleicht exakt dem „Elternhaus“ Mariens.

Spitz wie ein Bleistift stößt der Turm 56 Meter hinauf zum Himmel.

Die Schwarze Madonna zog die Pilger an wie ein Magnet

Von Anfang an zog die Schwarze Madonna von Leutershausen die Pilger an wie ein Magnet. Rasch wurde das Kapellchen zu klein für all die Beter. Man baute erst eine schlichte Barockkirche, dann 1907 die stattliche Basilika.

St. Johannes Baptist ist ein Schmuckstück der Neugotik. Monumental und filigran zugleich. Drei Schiffe, viel Holz, viel Gold, viel kunstvolle Schnitzerei, viele schöne Fenster. Ungewöhnlich: Der spitze Turm. Wie ein ein Bleistift stößt er 56 Meter hinauf zum Himmel. Die schwarze Madonna steht im rechten Seitenschiff. Bescheiden, bildschön. Nur ihre Augen glühen

Kirchenfakten

Name: Wallfahrtskirche Sankt Johannes Baptist
Adresse: Vordergasse 32, 69493 Hirschberg
Konfession: katholisch
Baujahr: 1907
Baustil: Neugotik
Kunstschätze:
Barocke Schwarze Madonna von 1737
Meisterlich geschnitzter Marienaltar aus Holz von 1907
Reich mit Schnitzwerk verzierter neugotischer Hochaltar von 1908
Neugotische Fenster (Das Leben Mariens)
Bemalte Holzdecke mit Symbolen Lauretanischen Litanei
Geschnitzter Zelebrationaltar von 1991 (Letztes Abendmal)
Steinernes Feldkreuz aus dem 13. Jahrhundert (vor der Kirche)
Barocker St. Johannes Nepomuk (vor der Kirche)
Öffnungszeiten:
tagsüber geöffnet
Kontakt: Katholisches Pfarramt Leutershausen, Vordergasse 32,
69493 Hirschberg
Telefon: 06201-51453
E-Mail: StJohannes@se-wh.de
Internet: www.stjohannes-leutershausen.de

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