Buchen: Ein Verwirrspiel für die Sinne

Eine gotische Kirche? Nicht mehr. Sankt Oswald wurde „umgedreht“.

Ein wenig Bedenkzeit sollte man seinem Gehirn schon geben, wenn man Sankt Oswald betritt. Kaum jemand versteht diese Kirche auf Anhieb. Hinein geht es durch den Turm, dann steht man sofort im Hochaltar.

Rechts Sakramentsnischen mit Samt gefüttert und Eisengittern gesichert. Links verwitterte Epitaphien. Weit vorne erahnt man ein Farbenmeer. Der zweite Chor, am Westende der Kirche. Da will man hin, sich einhüllen lassen in Licht. Und plötzlich auf dem langen Weg durchs gotische Kirchenschiff, fängt man an zu begreifen: Weil im Osten der Platz für eine Vergrößerung fehlte, hat man Sankt Oswald in den Sechziger Jahren „umgedreht“. Ein Verwirrspiel für die Sinne.

Grüne Hügel, viel Wald, viel Feld, viele Bildstöcke. Das „Madonnenländchen“.

In der runden Apsis aus Künstlerfenstern werden heute die Messen zelebriert

Buchen am Ostrand des Odenwaldes. Dort, wo der roten Buntsandstein übergeht in den gelben Muschelkalk des Baulands. Grüne Hügel, sanft geschwungen, viel Wald, viel Feld, viele Bildstöcke. Das „Madonnenländchen“. 774 die erste Erwähnung im Lorscher Codex, 1303 kam der Ort an die Erzbischöfe von Mainz. Sie bauten sich hier eine Sommerresidenz. Buchen im Glück. Das „Talerstädtchen“ sagte der Volksmund. Weil die Buchener ihre Straßen angeblich mit Talern hätten pflastern können.

Von diesem Reichtum kündet Sankt Oswald. 1507 ließ ein Mainzer Erzbischof das kleine gotische Kirchlein in eine prächtige spätgotische Hallenkirche verwandeln. Drei Schiffe, zwei Emporen mit Maßwerk­brüstung, allerfeinste Epitaphien, die Schlusssteine des Kreuzrippengewölbes zieren bis heute Mainzer Räder. Vom erzbischöflichen Sinn für Schönheit künden die Relikte aus der Vorgängerkirche: Wandmalereien aus dem 14. Jahrhundert im alten Chor. 12 mittelalterliche Kreuze im Langhaus. Ein sensationelles frühgotisches Tympanon über der Eingangstür.

In nur vier Monaten starben in Buchen 1300 Menschen an der Pest

Das Grabmal des Theologen Wimpina von 1531

Der Star jedoch ist das Grabmal des „Wimpina“. So nannte sich der Theologieprofessor Konrad Koch, geboren 1460 in Buchen. Im Auftrag des Kurfürsten von Brandenburg gründete er 1506 die Universität von Frankfurt an der Oder. Später verfasste Wimpina 106 Gegenthesen zu Luther, um die Reformation zu verhindern. Das ist nicht gelungen. Nur Wimpinas Heimatstadt Buchen glaubt bis heute treu katholisch. Jedes Fachwerkhaus ziert eine Madonnennische. Und die Buchener Fastnacht ist legendär. Am Fastnachtssonntag drängeln sich mehr Menschen in Sankt Oswald als an Weihnachten.

Der Dreißigjährige Krieg beendete brutal die Blüte Buchens. Marodierende Truppen und Hungersnöte verheerten sie Stadt. Dann kam die Pest. 1635 starben in vier Monaten 1300 Menschen. In höchster Not wandte sich die Bürgerschaft an Rochus, den Patron der Pestkranken. Wenn der Heilige bei Gott ein gutes Wort einlege, werde man ihn fortan jedes Jahr mit einer Prozession ehren. Die Sache hat funktioniert. Bis heute ziehen die Buchener im Sommer durch die Stadt. Bürgermeister und Pfarrer schreiten voran, die Stadträte tragen die Rochusstatue.

Die Künstlerfenster tauchen den Raum in das heilige Halbdunkel gotischer Kathedralen

Die zwei Leben: Der kleine Dachreiter sitzt auf dem neuen Chor von St. Oswald

1806 wurde Buchen badisch – und zum Hinterland. Industrie gab es nicht, die Menschen wanderten ab. Das änderte sich erst in den 1960er Jahre, als die moderne Zeit im Eiltempo Einzug hielt. Die Bevölkerung Buchens wuchs rasch bis auf heute 19000 Einwohner. Sankt Oswald war zu klein. Ein neues Querschiff und ein neuer Chor wurden angebaut. Spätgotik trifft Sichtbeton.

Was erstaunlich gut passt. Die grazilen Betonsäulen nehmen die Spitzbögen auf, die runde Apsis aus bunten Künstlerfenstern taucht den Raum in das heilige Halbdunkel gotischer Kathedralen. „Sanctus“ hat der Karlsruher Künstler Emil Wachter denn auch seinen Buchener Zyklus genannt. Es sind abstrakte Fenster. Verwirrspiele für die Sinne.

Kirchenfakten

Name: St. Oswald
Adresse: Wimpinaplatz 6, 74722 Buchen
Konfession: katholisch
Baujahr: 1503/1958
Baustil: Gotik/Moderne
Kunstschätze:
Tympanon über dem Hauptportal um 1350
Mittelalterliche Sakramentswand um 1400
Grabmal des Theologen Konrad Koch, genannt Wimpina von 1531
Grabmal der Anna von Rabenstein 1585
Epitaphien aus dem 17. Jahrhundert
Epitaph Johann Georg von Bessel 1712
Barocke Kreuzwegtafeln
Spätbarocke Figur des St. Sebastian
Moderner Hochaltar mit Chorkreuz von Gertrude Reum (1992)
Künstlerfenster von Emil Wachter
Öffnungszeiten: tagsüber geöffnet
Kontakt: Katholisches Pfarramt Buchen, Pfarrgasse 11, 74722 Buchen
Telefon: 06281-5213-0
E-Mail: pfarramt@kath-buchen.de
Internet: www.kath-buchen.de

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