Limbach: Wie Phoenix aus der Asche

Die barocke Fassade täuscht: St. Valentin ist eine moderne Betonkirche

Das Inferno brach los ohne Vorwarnung. An einem Mittwoch im September, kurz vor ein Uhr mittags. Bei Schweißarbeiten in der katholischen Kirche von Limbach war unbemerkt ein Funke entwischt und hatte sich zwischen Zeltdach und Holzdecke entzündet. Innerhalb von Minuten verwandelte sich das Gotteshaus in einen glühenden Feuerball.

Die Fenster und die Orgel schmolzen, die barocke Einrichtung brannte wie Zunder. Die stattlichen Pfarrkirche St. Valentin, das Herzstück des Odenwalddorfes, war dahin. Unwiederbringlich.

Das Limbacher Gotteshaus verzaubert durch die Spiele des Lichts.

16 Jahre sind seitdem vergangen. Doch in Limbach ist die Katastrophe noch so präsent, als habe sie sich gestern ereignet. Was auch daran liegt, dass die Flammen das 1500-Seelen-Dorf an die Spitze der avantgardistischen Architektur katapultiert haben.

Geraden sucht man vergebens, alle Wände in St. Valetin sind eliptisch

Die neue Limbacher Kirche, 2007 geweiht, ist eines der spannendsten Gotteshäuser in Baden. Busladungen von Besuchern pilgern die 400 Höhenmeter hinauf, um sich verzaubern zu lassen vom Spiel des Lichts in dem Gotteshaus, das auferstanden ist wie der Phoenix aus der Asche.

St. Valentin ist nicht zu übersehen. Wie eine Königin thront die Kirche auf ihrem Hügel mitten im Dorf. Die barocke Eingangsfassade stammt von 1717 und konnte nach dem Brand glücklicherweise restauriert werden. Strahlend-sonnengelb verströmt das Portal eine majestätische Aura, während der schalungsraue Sichtbeton das Schiff wie ein Mantel umhüllt. Fenster gibt es nicht, nur schmale Lichtschlitze. Was neugierig macht.

Der barocke Altarraum verblüfft. Doch er ist nicht echt, sondern ein Nachbau.

Innen die Überraschung. Man sieht: Einen landbarocken Chorraum im Stil des späten 18. Jahrhunderts. Opulent, goldglänzend, bevölkert von Putten und Heiligen. Wie das? Wo doch alles verbrannt ist? Tatsächlich ist der Altarraum nicht echt, sondern ein originalgetreuer Nachbau. Er soll eine Brücke schlagen zwischen dem vertrauten Gestern und dem puristischen Heute. Optisch wie emotional.

Der Chor als Brücke zwischen dem barocken Gestern und dem puristischen Heute

Denn der moderne Teil der Kirche ist anspruchsvoll. Geraden sucht man vergebens, alle Wände sind eliptisch. Die Schwingung des Betons saugt den Besucher förmlich hinein in die Kirche, wo er sich wiederfindet in einem weiten Raum aus Licht. Sanft gestreut fällt es durch die vielen Öffnungen, je nach Tages- und Jahreszeit in einem anderen Winkel. In einige Fensterchen wurde Asche vom Brand ins Glas integriert. Das erinnert an Galaxien. Der Mensch eingebunden in den göttlichen Kosmos.

Der Kreuzweg aus Glas ist eines der spektakulärsten Kunstwerke im Odenwald

Der Dachfirst ist ebenfalls aus Glas. Das Licht flutet auf eine gläserne Zwischendecke, die über dem Kirchenraum schwebt. Die Platte ist Blättern aus Messing verziert, deren Schatten immerfort über die Wände huschen. Der „Himmelsgarten“.

Spektakuläre Station: Die Kreuzigung Jesu

Die Essener Künstlerin Gabriele Wilpers hat ihn ersonnen. Ebenso wie den Kreuzweg aus Licht, das wohl spektakulärste Kunstwerk in Limbach. In der unteren Reihe der Lichtschlitze spüren neun Fensterchen der Passion Jesu nach. Es sind Meditationen. Vieldeutig. Tief. Wir sehen eine entwurzelte Rose, die hilflos im Nichts schwebt. Jesus wird zum Tode verurteilt. Spritzen, Kanülen und Skapele formen eine Dornenkrone. Dickes schwarzes Blei versiegelt das Grab Jesu. Doch an den Ecken bröselt das Blei schon. Helles Licht drängt nach.

Der Turm läutete und läutete. Niemand konnte ihn stoppen.

Im Norden von St. Valentin, dort wo kein Licht mehr hingelangt, steht der Glockenturm aus dem 15. Jahrhundert. Seinen massiven Steinquadern konnte das Inferno vom 17. September 2003 nichts anhaben. Gelitten hat der Turm trotzdem. Um 13.30 Uhr, als die Kirche von Limbach endgültig zusammenbrach, setzte ein Kurzschluss die Glockensteuerung außer Kraft. Der Turm läutete und läutete. Niemand konnte ihn stoppen.

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