Weinheim: Die dritte Burg

Von außen wirkt die Weinheimer Peterskirche wie ein Bollwerk Gottes

Weinheim nennt sich gern die „Zwei-Burgen-Stadt“. Dann blicken alle stolz hinauf zu den Hängen des Odenwaldes, wo sich Windeck und Wachenburg zwischen die Bäume kuscheln. Doch eigentlich greift der Slogan zu kurz. Unten an der Weschnitz steht ein Bauwerk, das problemlos als dritte Burg durchgehen könnte.

Wuchtige Sandsteinquader, rau wie Bruchstein, türmen sich zu einer Festung mit Erkern und Zinnen. Trutzig steht der Turm. Die evangelische Peterskirche wirkt wie ein Bollwerk Gottes. Von außen. Tritt man ein, so steht man Jugendstil-Wunderland. Zarte Kacheln, filigrane Glasmalerei, märchenhafte Fabelwesen. Willkommen im Rätsel.

Die Walker-Orgel besitzt vier Manuale. Das ist einzigartig im Rhein-Neckar-Raum.

Tritt man jedoch ein, so steht man im Jugendstil-Wunderland

Alles in der Peterskirche ist riesig. Der helle Kirchenraum umspannt 350 Quadratmeter, strebt 12 Meter hinauf zum Himmel und fasst 1300 Gläubige. Die Walker-Orgel über dem Altar besitzt vier Manuale, das ist einzigartig im Rhein-Neckar-Raum. Dabei war die Peterskirche nie die evangelische Hauptkirche Weinheims. Dazu liegt sie zu weit ab vom Schuss, draußen in der nördlichen Vorstadt. Warum baut man dort so eine Kathedrale?

Die simpelste Antwort lautet: Weil Weinheim hier gegründet wurde. Im 8. Jahrhundert. Seitdem steht an der Mündung des Grundelbachs in die Weschnitz eine Peterskirche. Im Mittelalter verlagerte die Stadt ihr Zentrum nach Süden. Es entstand jene seltenen Mischung aus nie zerstörtem Fachwerk und strahlendem Barock, die wir heute kennen. Für das Peterskirchlein im Norden interessierte sich niemand mehr.

Eine Kirche, wie sie die Welt noch nie gesehen hat : Groß und mächtig, filigran und modern

Die Fenster zwischen Altar- und Konfirmandenraum lassen sich versenken

Dann kam die Industrialisierung. Hermann Ernst Freudenberg entwickelte ein Verfahren zur Ledergerbung mit Chrombrühe, das ihn zum Weltmarktführer machte. 1909 beschäftigte Freudenberg schon 2500 Arbeiter. Sie lebten in winzigen Häusern im Norden Weinheims unter schwierige Lebensbedingungen. Viele Menschen. Engster Raum. Magerer Lohn. Gestank. Roher Umgangston. Ein Ahnen überkam die Weinheimer, dass die Welt womöglich nie wieder so sein würde, wie sie sie gekannt haben. 1910 legten sie den Grundstein zur neuen Peterskirche.

Damit schlug die Stunde des Hermann Behaghel. 29 Kirchen hatte der evangelische Kirchenoberbaurat bereits gebaut. Jetzt, in seinem 72. Lebensjahr, wollte Behaghel sein Schaffen krönen. Mit einer Kirche, wie sie die Welt noch nie gesehen hatte. Groß und mächtig, filigran und modern. Mit versenkbaren Glaswänden und Wasserklosett. Die finale evangelische Kirche.

Eine schützende Burg mit einem Vorgeschmack auf die Helligkeit des Himmels

Die Orgel steht unterm Sternenhimmel, an den Pilastern tummeln sich Fabelwesen

Kanzel und Altar stehen in der Peterskirche auf gleicher Höhe, direkt darüber schwebt die Orgel unter einem Sternenhimmel. Dieser kompakten Stirnseite stellte Behaghel große Fensterflächen gegenüber. Die rückwärtige zeigt Jesus bei der Bergpredigt. Die Peterskirche umhüllt die Gemeinde wie eine schützende Burg. Und gewährt ihr zugleich einen Vorgeschmack auf die Helligkeit des Himmels.

Vor allem aber kitzelt sie die Phantasie. An der Kanzel kauern Löwen, auf den Pilastern tummelt sich Meeresgetier, man wird nie fertig mit der Weinheimer Peterskirche. Nur nach Petrus sucht man vergebens. Keine Spur von dem Apostel, nirgends. Willkommen im Rätsel.

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