Heidelberg: Schmuckstück mit Schutzengel

Die Schlosskapelle hat Krieg und Brand unbeschadet überstanden

Darf man das? Darf man ein zerstörtes Renaissance-Schloss wieder aufbauen und es dabei ein wenig verbessern? In Heidelberg hatte man das zu Beginn des vorigen Jahrhunderts jedenfalls fest vor.

Das Schloss sollte in historistischem Stil wieder auferstehen. Doch kaum war die Idee publik geworden, fegte ein Sturm der Entrüstung durchs Land und rettete die Ruine. Nur der Friedrichsbau wurde fertig saniert. Heute ist er der meistfotografierte Teil des Schlosses. In seinem Inneren birgt der aufpolierte Palast ein Wunder: Die Schlosskapelle hat alle Zerstörungen der Geschichte unbeschadet überstanden. Sie ist der einzige originale Raum in der Heidelberger Ruine.

Anders als seine Vorgänger entfaltet der Friedrichsbau seine Pracht nicht nur zum Innenhof sondern auch zur Stadt hinunter.

Der barocke Altar zählt zu den kostbarsten der Region.

Das Jahr des Herrn 1607. Heidelberg ist eine blühende Residenz mit prächtigen Gärten, renommierter Universität und dem größten Weinfass der Welt. Das Schloss hat sich längst von einer trutzigen Burg in ein elegantes Renaissance-Ensemble verwandelt. Kurfürst Ottheinrich hat mit seinem grandiosen Palast Masstäbe gesetzt. Jetzt ist Friedrich IV. dabei, einen noch fabelhafteren Neubau zu errichten. Anders als seine Vorgänger wird der Friedrichsbau seine Pracht nicht nur zum Innenhof sondern auch zur Stadt hinunter entfaltet. Die Skulpturen zwischen den zahllosen Fenstern zeigen die Ahnenreihe der Pfälzer Kurfürsten, beginnend mit Karl dem Großen. Das ist natürlich Unsinn, sieht aber toll aus. Die Originale der Sandsteinfiguren stehen heute geschützt in der Schlosskapelle.

Kaum hatten die Arbeiten begonnen, stürzte die alte Kapelle in sich zusammen.

Diese neue Kapelle war in Friedrichs Bauplan eigentlich gar nicht vorgesehen. Der Kurfürst wollte die Marienkapelle aus dem Jahr 1343 in seinen Palast integrieren. Doch kaum hatten die Arbeiten begonnen, stürzte das alte Gemäuer in sich zusammen. Niemand weiß, wie diese erste Schlosskapelle ausgesehen hat. Da Friedrich IV. Calvinist war, gab es nun calvinstische Renaissance statt katholischer Gotik. Womit die Schlosskapelle zu den frühesten reformierten Kirchen der Welt zählt. Wir sehen einen schlichten Saalbau ohne Chor, dafür aber mit prachtvoller umlaufender Empore. Sie hatte einen direkten Zugang zu den Wohngemächern der Kurfürstenfamilie, die in den oberen Stockwerken lagen.

Die Originale der Fassadenfiguren stehen geschützt in der Kapelle

Ausgestattet war die Kapelle zu Friedrichs Zeiten eher karg. Statt eines Altars gab es nur einen Tisch, Bilder fehlten völlig. Das nachgeahmte „gotische“ Gewölbe stellt die Verbindung zur Vorgängerkapelle her. Es erinnert aber auch daran, dass sich Renaissance ebenso gern bei der Vergangenheit bediente wie später der Historismus.

Im Pfälzischen Erbfolgekries fielen die Paläste unter den Sprengladungen der Franzosen. Heidelberga deleta.

1618 war es mit der Herrlichkeit Heidelbergs vorbei. Friedrich V. evozierte mit seinem Verlangen nach der Königskrone den Dreißigjährigen Krieg. Ihn überstand das Schloss noch relativ unversehrt. Erst im Pfälzischen Erbfolgekrieg fielen die Paläste unter den Sprengladungen der Franzosen. Heidelberga deleta. Nur die Schlosskapelle überlebte das Inferno.

Die feine Renaissance des Friedrichsbaus ist leider nicht ganz echt

Das neue Kurfürsten-Geschlecht kam aus Düsseldorf und war streng katholisch. Um 1700 verwandelte Johann Wilhelm die Schlosskapelle in ein barockes Himmelreich mit Hochaltar und Fürstenlogen. Der Altar gehört zum Kostbarsten, was die Region zu bieten hat. Der Hofmaler des Kaisers von Österreich hat das Retabel geschaffen. Der Kaiser war ein Neffe von Johann Wilhelm. Ob je ein Kurfürst in der barocken Schlosskapelle gebetet hat? Wer weiß. Im Schloss gewohnt hat jedenfalls niemand mehr. Carl Theodor wollte es 1764 noch zur Sommerresidenz umbauen lassen. Doch kurz vor der Fertigstellung schlug der Blitz ein. Er traf gleich zwei Mal. Das Schloss ward. Doch die Kapelle stand noch. Unversehrt.

Kirchenfakten

Name: Schlosskapelle St. Maria
Adresse: Schlosshof 1, 69117 Heidelberg
Konfession: reformiert/katholisch/ohne Konfession
Baujahr: 1607/1727
Baustil: Renaissance/Barock
Kunstschätze:
Prachtvoller Hochaltar aus dem Rokoko
Altarbild von Hofmaler Anthonus Schoonjans: Die Taufe Jesu im Jordan (um 1715)
Reichverzierte barocke Fürstenlogen mit dem Doppelwappen des Kurfürsten Johann Wilhelm und seiner Gemahlin Anna Maria de Medici
Originalskulpturen der Hoffassade von 1607
Öffnungszeiten: Nur im Rahmen einer Schlossführung zu besichtigen
Kontakt: Schlossverwaltung Heidelberg, Schlosshof 1, 69117 Heidelberg
Telefon: 06221-5384-0
E-Mail: info@schloss-heidelberg.de
Internet: www.schloss-heidelberg.de

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*