Osterburken: Der Bach der heiligen Jungfrauen

St. Mauritius ist die älteste Kirche
im Neckar-Odenwald-Kreis

Dass Menschen hoch oben auf den Bergen Kapellen errichten, wundert niemanden. Dort ist man ja dem Himmel ganz nah. Aber warum baut jemand eine Kirche tief unten im engen Tal eines Baches? Wo es feucht ist, klamm und dunkel?

Diese Frage stellt sich seit fast tausend Jahren in Hemsbach bei Osterburken. St. Mauritius ist ein bildhübsches romanisches Kirchlein, das älteste Gotteshaus im Neckar-Odenwald-Kreis. Und es steht praktisch mittendrin im Rinschbach. Was den Grundmauern nicht gut bekommt. Im 19. Jahrhundert wollte man St. Mauritius sogar abreißen. Nur die Geldnot hat das Kirchlein gerettet. Gott sei Dank.

Wasser murmelt, rauscht, tobt und springt. Fast als ob es lebendig wäre.

Der schlichte Chortum aus groben Quadern datiert um 1180

Wasser übt von jeher eine magische Anziehungskraft aus. Es ist Lebenselexier und Todbringer zugleich. Es murmelt, rauscht, tobt und springt. Fast als wäre es lebendig. Kein Wunder, dass die Menschen der Vorzeit Kultstätten für die Wassergötter bauten. Solch ein vorchristliches Heiligtum lag auch am Ufer des Rinschbachs. Um 837 haben schottische Mönche den heidnischen Kult mit christlichen Inhalten gefüllt und ein Holzkirchlein gebaut. Es stand auf einer Insel zwischen zwei Bacharmen, beständig bedroht von Hochwasser und Feuchtigkeit.

Um 1180 die erste Steinkirche. St. Mauritius. Ein schlichter Chorturm aus groben Quadern, aber umstrahlt von der Aura eines Wallfahrtsortes. Wo man früher den Wassergöttern gehuldigt hatte, verehrte man nun die „Drei heiligen Jungfrauen“. Wer diese heiligen Frauen waren, die so geheimnisvoll und schön auf ihrem Altar standen, weiß niemand. Keine der Hemsbacher Heiligen besaß je einen Namen.

Wen Rückenschmerzen plagten, der schlupfte einfach unter dem Jungfrauenaltar hindurch.

Die Gläubigen störte das nicht. Sie wallten in Scharen, um von den Jungfrauen Fürsprache gegen Missernten, Viehseuchen, Kinderlosigkeit und die Pest zu erbitten. Wen Rückenschmerzen plagten, der schlupfte einfach unter dem Jungfrauenaltar hindurch. Bis heute entdeckt man an den Wänden des Hemsbacher Kirchleins Kratzspuren. Die Pilger von einst haben hier den Stein abgeschabt, um heiligen Staub ins Viehfutter zu mischen. Die Hemsbacher Wallfahrt, so steht in alten Briefen zu lesen, sei die berühmteste weit und breit gewesen. „Drei Ave Maria in Hemsbach sind mehr wert als drei Vaterunser in Walldürn.“

Statt der Drei heiligen Jungfrauen wacht heute die heilige Ursula über das Kirchenschiff

Durch die Wallfahrt erblühte auch das Kirchlein. Um 1350 vergrößerte man sein Schiff um das Doppelte. Im frühen 15. Jahrhundert schmückte man Chor und Langhaus mit traumschönen Wandmalereien. Ein Teil dieser üppigen Ausmalungen strahlt heute wieder wohlrestauriert. So wie die gotische Madonna. Das Jesuskind auf ihrem Arm trägt ein Saugbeutelchen, der mittelalterliche Vorgänger des Schnullers.

Vor allem Frauen mögen die Hemsbacher Kirche, weil hier tatsächlich fast alle Heiligen weiblich sind.

Mit Beginn des 19. Jahrhunderts starb die Hemsbacher Wallfahrt. Die Statuen der Jungfrauen verschwanden und sind nie mehr gefunden worden. St. Maritius verfiel und musste schließlich wegen Einsturzgefahr geschlossen werden. Gern hätten die Hemsbacher ihre marode Romanik durch moderne Neugotik ersetzt. Doch dem 200-Seelen-Dorf fehlte dazu das nötige Kleingeld. Zum Glück. Denn vierzig Jahre später sah man alles ganz anders.

Das Jesuskind hält ein Saugbeutelchen, den Vorläufer unseres Schnullers

1937 bewilligte das Erzbistum Freiburg die Restaurierung von St. Mauritius. Behutsam, damit „der freundliche Charakter der mittelalterlichen Kirche wieder erscheint“. Die erste von vielen Rettungsmaßnahmen für das Wallfahrts-Kleinod. Heute ist das alte Kirchlein so hübsch wie vielleicht nie zuvor. Und es lockt auch wieder Pilger an. Vor allem Frauen mögen die Hemsbacher Kirche, weil hier tatsächlich fast alle Heiligen weiblich sind. Nur ganz oben aus der Vignette des Marienaltars lugt schüchtern der heilige Mauritius hervor.

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