Heidelberg: Diakonie trifft Avantgarde

Die Evangelische Kapelle ist ein Zuhause für Bedürftige – und für moderne Kunst.

Die Zustände müssen entsetzlich gewesen sein. „Auf dem Boden nur Stroh. Der Vater krank, ohne Wäsche und Kissen. Die Mutter im dünnen Leibchen. Fünf Kinder, klappernd vor Hunger und Frost.“

Mit diesen Bildern eröffnet eine Flugschrift, die Johann Hinrich Wichern 1832 als blutjunger Theologe in Hamburg verfasste. Zur Stund begriff Wichern das Elend der Arbeiter als seine Lebensaufgabe. Eifrige Mitstreiter fand er in Heidelberg. Die Evangelische Kapelle in der Plöck war eine der frühesten Diakoniekirchen und ist bis heute ein Zuhause für Bedürftige geblieben. Auch wenn sich ihr Äußeres stark verändert hat. Seit 2012 strahlt die Kapelle in reinem Weiß und ist voll von moderner Kunst. Diakonie trifft Avantgarde. Ein spannender Ansatz.

In Scharen strömten die Menschen aus dem Odenwald nach Heidelberg

Das Gotteshaus von 1876 steht heute im Innenhof eines Altersheims.

Es war der Sommer 1849 als Johann Hinrich Wichern, inzwischen ein bekannter Mann, erstmals in Heidelberg anlangte. Er kam mit dem Dampfschiff von Heilbronn und war begeistert. „Wie durch Zauber geschaffen steht mit einem Male Heidelberg als Schluss der Gottesschöpfung vor dem Auge“, schwärmte der Hamburger in einem Brief an seine Frau Amanda.

Doch die Traumsilhouette trog. Zwar hat die Industrie in Heidelberg nie die Hauptrolle gespielt, große Not gab es trotzdem. In Scharen strömten die Menschen aus dem Odenwald in die Neckarstadt, in der Hoffnung auf Arbeit und Brot. Oft fanden sie stattdessen Hunger, Krankheit und Invalidität. Und einen feuchten Unterschlupf in den engen Gassen der Altstadt, wo die Ratten zahlreich waren und Hoffnung längst ausgezogen.

„Geistliche Verwahrlosung muss so entschieden bekämpft werden wie Hunger und Krankheit

Hell, hoch und heilig: Seit der Sanierung 2012 strahlt die Kapelle

Mit flammenden Worten erläuterte Johann Hinrich Wichern den Heidelbergern seine Idee von der „Inneren Mission“: Almosen bewirkten langfristig nichts. Die einzige Möglichkeit, die Menschen aus dem Elend zu befreien, sei durch Bildung und Unterweisung im Glauben. „Die geistliche Verwahrlosung“, rief Wichern, „muss ebenso entschieden bekämpft werden wie der Hunger und die Krankheit.“

Begeisterung bei den protestantischen Honoratioren. Angeführt vom wohlhabende Kaufmann Louis Werner, der in der Hauptstraße 46 in Warenhaus für Weißwaren und Aussteuer führte, schritten die Herren zur Tat. Erst gründeten sie einen „Verein für Stadtmission“, es war einer der ersten in Deutschland. Dann erwarben sie in der Plöck 47 das Grundstück der Gärtnerei Winkler als Bauplatz für eine „Evangelische Kapelle“. Am 2. Juli 1876 wurde der schlichte klassizistische Saalbau mit dem kecken Dachreiter unter großer Anteilnahme der Bevölkerung eingeweiht.

Die Kapelle war von Anfang an mehr als eine Kirche. Sie war Lebensraum.

Die Fenster und die Paramente hat Johannes Schreiter entworfen

Die Kapelle war von Anfang an mehr als eine Kirche. Sie war Lebensraum. Täglich wurden mehr als tausend Essen ausgegeben. In der Sonntagsschule saßen bis zu 600 Kinder, es gab Bibelkreise, einen Männer- und Jünglingsverein, einen Kapellenchor, eine Kleinkinderschule, einen Verein für christliche Kleinkinderpflege, einen Jungfrauenverein und vieles mehr. Die einen nutzten den großen Kirchensaal, die anderen das querschiffartige Foyer.

Dieses Gewusel ist bis heute geblieben. Noch immer kommen in die Kapelle all die Menschen, die sonst nicht wissen, wohin. Noch immer treffen sich hier zig Gruppen in allen nur denkbaren Hautfarben. Nur das schwere Ambiente aus dunklem Holz ist verschwunden. Heute ist die Kapelle licht, luftig und hell. Der massive Altar wurde aus einer 600 Jahre alten Eiche geschnitzt, voll von Rissen und Narben. So wie Menschen, die in der Kapelle beten. Und wenn die Sonne scheint, erglühen in den modernen Künstlerfenstern Worte. Sie stammen aus dem Magnificat, dem Lied Mariens: „Gott stürzt die Mächtigen vom Thron. Und er erhebt die Niedrigen.“

Kirchenfakten

Name: Evangelische Kapelle
Adresse: Plöck 47, 69117 Heidelberg
Konfession: evangelisch
Baujahr: 1876
Baustil: Klassizismus/Moderne
Kunstschätze:
Johannes Schreiter: Zyklus aus vier Künstlerfenstern (2012/2015)
Johannes Schreiter: Zyklus von vier Kanzel-Paramenten (2013)
„Das Leben Jesu“: Historistischer Fensterzyklus von 1895
„Golgatha“: Monumentalgemälde von Andrea Previtale (16. Jahrhundert)
„Totentanz“: Holzrelief von Bernhard Apfel (2014)
„Jesus aus der Asche“: Moderne Holzskulptur
Öffnungszeiten: Dienstag bis Samstag: 9 bis 12 Uhr
und nach Vereinbarung
Kontakt: Evangelische Kapellengemeinde, Plöck 49,
69117 Heidelberg
Telefon: 06221-149810
E-Mail: Kapellengemeinde@stadtmission-hd.de
Internet: www.kapellengemeinde.de

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*