Mannheim: Der Bauch des Walfischs

Die  Jonakirche in Mannheim-Blumenau ist seit 2009 offiziell ein „Kulturdenkmal“

Wer genau hinschaut, erkennt den Walfisch. Hinten die aufgestellte Schwanzflosse, vorne der Glockenturm als Fontäne. Und im Bauch des Wals sitzt die Gemeinde. Isoliert von der Außenwelt, zurückgeworfen auf sich selbst und auf Gott. So wie einst der Prophet Jona, nach dem die evangelische Kirche im Mannheimer Stadtteil Blumenau benannt ist.

Stararchitekt Helmut Striffler hat das Kirchlein 1962 entworfen. 2009 wurde Jona vom Land Baden-Württemberg zum „Kulturdenkmal“ ernannt. Eine kleine Sensation. Seitdem pilgern Architekturfans aus der gesamten Republik zum nördlichsten Zipfel der Quadratestadt, um das Walfischkirchlein zu bestaunen.

Beton pur, wohin man auch sieht. Grau, spröde und absolut ehrlich.

In der Dämmerung, wenn die Konturen härter werden, entfaltet die Jonakirche ihre stärkste Wirkung. Beton pur, wohin man auch sieht. Grau, rau, spröde und absolut ehrlich. Der Glanz der vergänglichen Welt besitzt in Jona keinen Wert. Im Sichtbeton steht der Mensch bloß vor seinem Schöpfer.

Symmetrie sucht man vergebens. Jede Wand läuft schief. Ein surrealer Raum.

Hinter dem Altar sind drei schmale Lichtschlitze in die Wand eingelassen. Manchmal schlüpft ein Sonnenstrahl hindurch und blendet die Betenden im diffusen Halbdunkel. Helmut Strifflers Vision von der göttlichen Dreifaltigkeit.

Symmetrie und rechte Winkel sucht man vergebens in der Jonakirche. Jede Wand läuft schief. Ein surrealer Raum, klein und hoch, auf der Basis einer langgezogenen Diagonale, die sich in der spitzen Altarecke fängt. Jona wirkt wie ein Zelt, das die Gemeinde komplett abschirmt von der Außenwelt. „Man betritt die Jonakirche nicht ohne Risiko“, fomuliert Professor Thomas Erne, Direktor des EKD-Kirchenbauinstituts in Marburg. „Diese Kirche zieht die Menschen hinein in das Abenteuer der Transzendenz.“

Asketische Kirchen, die sich von innen heraus erschließen.

In Ludwigshafen am Rhein wurde Helmut Striffler 1927 geboren. 124 Bombennächte hat er als Jugendlicher erlebt. Bei Kriegsende war Striffler 18 und seine Heimatstadt ausgelöscht. Das prägt. Alles Genormte, Gedrillte, Militärische hat Striffler zeitlebens gehasst. „Nur Gewehrkugeln fliegen geradeaus“, formulierte er vor seinem Tod im Jahr 2015. Stattdessen entwarf Striffler überraschende Rundungen und Ecken, unebene Wände, schiefe Ebenen und stumpfe Winkel. Nie da gewesen, poetisch. Beton war für solche Kreationen der ideale Werkstoff. In flüssigem Zustand ist das Material unbegrenzt formbar, getrocknet an Härte kaum zu überbieten.

Räume aus rohem Material, wollte Striffler bauen, Ereignis und Höhle zugleich.

An der Technischen Hochschule in Karlsruhe traf Helmut Striffler auf Professor Egon Eiermann, den größten Architekten der deutschen Nachkriegsmoderne. 1951 durfte Student Striffler dem Meister bei dem Kirchenneubau assistieren, der Eiermann weltberühmt machen sollte: Die Pforzheimer Matthäuskirche ist eine Betonkirche mit Wabenwänden aus farbigem Dickglas. Bei Sonnenschein steht man in ihr wie in einem Kaleidoskop Gottes. Striffler war hingerissen. So wollte er bauen. Asketische Kirchen, die sich von innen heraus erschließen. Räume aus rohem Material, Ereignis und Höhle zugleich.

Strifflers erstes eigenes Kirchenbauprojekt in Mannheim war 1959 Trinitatis im Quadrat G4. Die Betonkirche mit den Buntglasfenstern ist wunderschön, erinnert aber noch sehr an Pforzheim. Jona auf der Blumenau hingegen, die nur 100000 Mark gekostet hat, ist ganz Striffler. „Alles Material muss unverkleidet in seiner natürlichen Beschaffenheit auftreten“, definierte Helmut Striffler einmal. „Die lapidaren Gegensätze von Stein, Glas, Holz und Metall geben einem Bau Würde. Kleinliche Zutat fehle gänzlich.“

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