Eberbach: Wo die Welt noch magisch ist

Das „Kirchel“ steht oben am Hebert in 400 Metern Höhe.

Man kann natürlich auch mit dem Auto hinauffahren. Wie das fast alle tun. Aber die Ausstrahlung des Eberbacher „Kirchels“, seine stille, lächelnde Aura, erlebt man intensiver, wenn man die 400 Höhenmeter zu Fuß bewältigt. Vielleicht sogar in aller Frühe. Dann wabern durch das archaische Felsenmeer noch die Nebelfetzen, und die Steine sehen aus, als hätten Riesenkinder mit ihnen gespielt.

Oder man nimmt den „Urwaldpfad“, der zwischen Kiefern und Farnen Schritt für Schritt zurückführt in eine ferne Vergangenheit. Ein Hochsommer-Ausflug auf den Hebert, wo die Welt noch magisch ist. Und seit fünfhundert Jahren das gotische „Kirchel“ über Eberbach wacht. 

Achtzig Prozent der Eberbacher Gemarkung bestehen aus Wald – Ein Spitzenwert in Baden-Württemberg.

Odenwald, Neckartal, Fluss – für Heidelberg war das immer der „romantische Dreiklang“. In Eberbach am „Neckarknie“ sah man das deutlich pragmatischer. Denn Fluss und Wald bildeten hier die wirtschaftliche Grundlage der Stadt. Landwirtschaftliche Nutzfläche ist in Eberbach rar. Alle Hänge fallen schroff zum Fluss hin ab, 80 Prozent der Eberbacher Gemarkung bestehen aus Wald. Das ist ein Spitzenwert in Baden-Württemberg.

Der Altar, der heute fehlt, barg einst einen heilbringenden „Splitter vom Kreuz Christi“.

Der Hebert erhebt sich gegenüber der Altstadt auf dem anderen Neckarufer. Er steigt hinauf bis auf 518 Meter und ist ein archaischer Berg, der einst mit dem „Neckargeist“ unter einer Decke steckt. Sobald es den Fluss nach einer Seele gelüstete, trieb der Hebert sie ihm zu. Erst nach drei Tagen tauchten die Opfer wieder auf. Mit einem blauen Ring um den Hals.

Unzählige solcher Spukgeschichten kannte man einst in Eberbach. Sie künden von der Schutzlosigkeit, die das Leben der Menschen im Mittelalter bestimmte. Ein verregneter Sommern und Familie musste verhungern. Dagegen half nur das Gebet. 

Die Weihe der „Heilig-Kreuz-Kirche“ muss ein Riesenereignis gewesen sein.

1516 fand ein „Splitter vom Kreuz Christi“ seinen Weg nach Eberbach. Die Bauern waren fasziniert von der heilbringenden Reliquie und beschlossen, ein spätgotisches Kirchlein für sie zu bauen. Oben an der alten Landstraße, exakt auf der Gemarkungsgrenze zwischen Eberbach und Neunkirchen.

Im späten Mittelalter zogen alljährlich in zwei Prozessionen zum Kirchel hinauf.

Der Bau des Kirchels war ein Riesenereignis, zu dem alle etwas beitrugen: Die Steinmetze, die Maurer, die Schmiede, die Schreiner, die Kübler … Und die Frauen schleppten die Wassereimer den Berg hinauf. Nur die Dachziegel, so vermeldet die Stadtchronik, hat man gebraucht erstanden. In  Schwarzach.

Die Weihe der „Heilig-Kreuz-Kirche“, wie das Kirchel offiziell heißt, muss ein sensationelles Fest gewesen sein. Wie auch die beiden großen Wallfahrten, die alljährlich am 3. Mai und 14. September veranstaltet wurden. Zum Beginn und zum Ende der Weidezeit. In prächtigen Prozessionen zog die ganze Stadt zum gotischen Gotteshäuschen hinauf, in dem allerdings nur eine Handvoll Menschen Platz fand.

Auch ohne Fenster und Alta kann man die Aura des „Kirchels“ mit Händen greifen.

Die meisten Pilger mussten dem Gottesdienst von der Wiese aus folgen. Was aber kein Problem war, weil man die Toröffnung extrem groß konzipiert hatte, so dass auch draußen alle den Altar sehen konnten. Eine offizielle Wallfahrtskirche war das Kirchel jedoch nie. Die Eberbacher und den Neunkirchner hatten es ganz allein für sich.

Wenn die Wolken mit dem Sandstein spielen verströmt das Kirchel seine uralte Magie.

Zumindest ein halbes Jahrhundert lang. 1556 wurde die Kurpfalz reformiert. Kurz darauf glaubte sie gar calvinistisch. Alle Kirchen wurden radikal leergeräumt, Wallfahrten streng verboten. Das Kirchel stand verlassen. Nässe dran ein. Es verfiel.

Heute hat das Kirchel zwar keine Fenster und keinen Altar mehr, aber seine Aura ist noch immer da. Und wenn die Sonne mit dem Sandstein spielt oder die Wolken ihn verdüstern, dann verströmt das Kirchel noch immer seine alte Magie. Das spüren alle. Weshalb man hier oben nur sehr selten allein ist. 

Kirchenfakten
NameHeilig-Kreuz-Kirche
Adresse: Im Wald an der Landesstraße 590, 69412 Eberbach
Konfession: katholisch
Baujahr: 1516
Baustil: Spätgotik
Öffnungszeiten: immer geöffnet
Kontakt: Evangelische Kirchengemeinde Eberbach, Leopoldsplatz 3, 69412 Eberbach
Telefon: 06271-4787
E-Mail:  eberbach@kbz.ekiba.de
Internet: www.ekieber.de

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