4. Heidelberger Frauenwallfahrt: Ein Hauch von Orient


Der 17. Mai 2014 war ein klarer Frühsommertag. Cumulus-Wölkchen zogen in friedlicher Prozession am blauen Himmel dahin. Die Stimmung glich der eines nordischen Sommertags.

Mit der S 3 fuhren wir vom Heidelberger Hauptbahnhof bis Rot-Malsch. Dort wartete abfahrbereit der Bus 702, der uns rasch nach Malsch brachte.

Normalerweise steigen Pilger, die zum Letzenberg wollen, an der Haltestelle „Gasthof Rose“ aus. Aber an unserem Wallfahrtstag war die Ortsdurchfahrt gesperrt. Malsch bereitete sich auf ein großes Weinfest vor, das am Abend eröffnet werden sollte. Der „Gasthof Rose“ existiert übrigens nur noch als Name der Bushaltestelle. Im wirklichen Leben heißt das Lokal heute „Route 66“.

Acht Ecken, reiner Jugendstil und eine extravagante dreifarbige Haube

244 Meter hoch erhebt sich der Letzenberg über das Weinörtchen Malsch. Die Malscher nennen ihn stolz den „nordwestlichsten Eckpfeiler des Kraichgaus“. Seit 1902 krönt diesen Eckpfeiler eine Wallfahrtskapelle, geweiht der „Schmerzhaften Gottesmutter“. Es ist ein spektakuläres Kirchlein: Acht Ecken, reiner Jugendstil, eine extravagante dreifarbige Haube und ein minarettartiger Turm. Ein Hauch von Orient mitten im Kraichgau.

Ebenfalls spektakulär ist der Rundblick, den man vom Letzenberg hat. Bei klarem Wetter sieht man weit über die Rheinebene hinweg gen Frankreich. Hauptwallfahrtstage sind der erste Sonntag im Mai und der dritte Sonntag im September. Am letzten Septembersonntag pilgern Hunde, Meerschweinchen und Pferde hinauf zur Kapelle. Denn auch die Tiere wollen gesegnet sein.

Schon vor „urdenklichen Zeiten“ sind Menschen auf den Letzenberg gepilgert

Der Aufstieg zum Letzenberg beginnt wahlweise in Malsch oder in Malschenberg. Wir entschieden uns für Malsch. Wegen des Kreuzwegs.

14 Stationen aus Terrakotta hat ein frommes Ehepaar aus Malsch anno 1884 gestiftet. Vielleicht als Wink, sich darauf zu besinnen, dass der Letzenberg ein spiritueller Kraftort der Extraklasse ist. Schon vor „urdenklichen Zeiten“, so die Chronik, haben Gläubige hier oben den heiligen Wendelin um Hilfe angerufen.

Umso erstaunlicher, dass bis ins 20. Jahrhundert hinein noch nie ein Kapellchen auf dem Letzenberg gestanden hat. Wo doch Malsch eine katholische Insel inmitten des protestantischen Kraichgaus darstellt. Das Weindorf gehörte dem Hochstift Speyer, die Reformation ist hier nie angekommen. Erst 1963 baute man eine kleine evangelische Kirche am Ortsausgang. Sie wurde inzwischen wieder abgerissen.

Solch einen Gnadenort hätte auch Malsch für sein Leben gern gehabt

Den gutkatholischen Malschern hat das Fehlen einer Kapelle auf dem Letzenberg stets tiefen Kummer bereitet. „Man blickte immer etwas neidisch gegen Süden, wo auf dem Michaelsberg bei Bruchsal eine markante und schmucke Wallfahrtskapelle den Horizont zu den nördlichen Schwarzwaldbergen abschließt“, verrät der Kirchenführer. Solch einen Gnadenort hätte auch Malsch für sein Leben gern gehabt. Doch wie sollte der kleine Ort den Kirchenbau finanzieren?

So mondän war der Entwurf für die Letzenbergkapelle, dass ihn das Erzbischöfliche Bauamt sogleich zur Deutschen Bauaustellung nach Dresden schickte. Die sächsische Jury prämierte den Entwurf der Kraichgauer tatsächlich mit einer Goldmedaille, verschlampte aber anschließend die Baupläne. Erst 1901 wurden sie wiedergefunden, so dass die Bauarbeiten beginnen konnten. Der Mainzer Bischof Haffner war zwei Jahre zuvor gestorben.

Immerhin gab es jetzt schon mal einen Kreuzweg. Er folgt heute dem Sträßchen hinauf zum Letzenberg, das zwischen der Volksbank und dem ehemaligen Gasthaus Rose beginnt. Der Weg hinauf zur Kapelle steigt sanft an. Man geht zwischen Reben und Obstbäumen, der Blick weitet sich über die Rheinebene bis zu den Vogesen. Alle paar Meter lädt eine Station zum Innehalten.

Leider ist die Straße asphaltiert, so dass man mit überholenden Autos oder Fahrrädern rechnen muss. Pilger, die von Malschenberg aus zum Letzenberg aufsteigen, haben mehr Ruhe. Aber eben keinen Kreuzweg.

Das Wort des Bischofs aus Mainz gab den entscheidenden Anstoß

Im Sommer 1888 weilte der Mainzer Bischof Paul Leopold Haffner zur Firmung in Malsch. Nach dem Festgottesdienst beschloss seine Exzellenz noch hinaufzusteigen zum „Gipfel“ des Letzenbergs. Der Ausblick entzückte den Bischof so sehr, dass er begeistert ausrief: „Hier müsst ihr eine Kapelle bauen. Wenn sie fertig ist, komme ich und weihe sie.“

Das war der entscheidende Anstoß. Zur Stund begannen die 1529 Einwohner von Malsch, Geld zu sammeln. Anfang 1898, zehn Jahre nach dem Besuch des Bischofs, hatte man immerhin schon 8000 Mark zusammengetragen. Das musste für den Kapellenbau reichen.

Engagiert machte man sich an die Planung. „Eine von der alltäglichen Bauweise abweichende Kapelle“ sollte es werden. Acht Ecken, im modernen neuromanischen Stil, eine Apsis, ein seitlicher Glockenturm, eine außenhängende Kanzel …

Die Deutsche Bauausstellung in Dresden verlieh der Kapelle eine Goldmedaille

Die Sandsteine, die in der Kapelle verbaut wurden, stammen ausschließlich aus Malscher Steinbrüchen. Jede Schaufel Sand, jeden Stein und jeden Eimer Wasser musste man mühsam mit dem Pferdefuhrwerk den Berg hinauf befördern. Am 3. Mai 1903 wurde die Kapelle endlich geweiht. Man stellte sie unter dem Schutz der „Sieben Schmerzen Mariens“, was gut zum Kreuzweg passt.

Die sieben Schmerzen
der Gottesmutter

Ein Bildhauer aus Insbruck schuf ein wunderschönes, fast orientalisches Mosaik für das Eingangsportal. Das prunkvolle Einlegekunstwerk zeigt die Gottesmutter, deren Herz von sieben Schwertern durchbohrt wird. Die sieben Schmerzens-Schwerter stehen für die Weissagung Simeons im Tempel zu Jerusalem. Für die Flucht nach Ägypten. Für die verzweifelte Suche nach dem Jesusknaben bei der Wallfahrt nach Jerusalem. Für Mariens Begegnung mit dem veruteilten Sohn auf dem Kreuzweg. Für das Ausharren der Mutter unter dem Kreuz. Für die Abnahme des Leichnams vom Kreuz. Und schließlich für die Grablegung Jesu.

Der heilige Wendelin beschützt seit Urzeiten den Letzenberg

So spektakulär das Äußere der Letzenbergkapelle, so schlicht ist ihr Innenraum. Den Mittelpunkt bildet eine Pietà hinter dem Altar, die eigens für den Letzenberg angefertigt wurde. Die schönen historistischen Bleiglasfenster sind Stiftungen von Malscher Bürgern. An den Wänden wachen der Erzengel Michael, der heilige Josef und – natürlich – der heilige Wendelin über die Betenden.

Wendelin war übrigens ein schottischer Königssohn. Mit 20 Jahren beschloss er nach Rom zu wallen. Er kam aber nur bis Trier, dann war seine Barschaft verbraucht. Wendelin verdingte sich als Hirte bei einem Edelmann verdingte. Während das Vieh weidete betet er inbrünstig zu Gott. Mönche vom nahegelegenen Kloster Tholey beobachteten den frommen Mann und wählten ihn zum Nachfolger ihres verstorbenen Abtes. Der heilige Wendelin wird gern mit Kuh dargestellt und heute als Patron des Naturschutzes verehrt.

Seit 2009 liegt die Kapelle offiziell am Jakobsweg nach Santiago

Wer möchte, kann vom Letzenberg aus zu Fuß weiterpilgern bis Santiago de Compostela. Der Weg ist ausgeschildert. Man braucht nur der gelben Muschel folgen. Seit September 2009 nämlich liegt die Letzenbergkapelle an einem offiziellen Teilstück des Camino, des Jakobswegs. Der Streckenabschnitt führt von Rothenburg ob der Tauber bis nach Speyer. Er ist 181 Kilometer lang.

Die Heidelberger Wallfahrerinnen nahmen lieber den Bus von Malschenberg zum Wieslocher Schillerpark. Von dort ging es mit der Linie 723 weiter nach Leimen, wo die Straßenbahn wartete.

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