Neckarkatzenbach: Die singende Muttergottes

Die Liebfrauenkirche war einst
ein vielbesuchter Wallfahrtsort

Ein Lied war es eigentlich nicht, was da plötzlich über die Felder schwebte. Eher ein Hauch. Glockenhell und wunderschön. So klingt es im Himmel, sagten die Bauern von Neckarkatzenbach zueinander. Und beharkten weiter ihr Heu. Doch die Sphärenklänge kehrten wieder.

Bis die Männer ihre Geräte ließen und ihnen folgten. Sie kamen aus dem Stamm einer alten Eiche. Man fällte den Baum und entdeckte eine geschnitzte Pietà. Das war 1511. Noch im gleichen Jahr baute man für das Gnadenbild eine gotische Kapelle. Aber dort steht die Muttergottes heute nicht mehr. Nach der Reformation ist sie umgezogen. In ein barockes Kirchlein gleich gegenüber. Eine Wallfahrt zur singenden Madonna von Neckarkatzenbach.

Ein Dorf wie aus einer anderen Zeit: Uralte Höfe, idyllische Winkel, gepflegte Bauerngärten.

Den Neckar sucht man vergeblich. Er fließt schon seit Jahrtausenden nicht mehr an Neckarkatzenbach vorbei. Aber erahnen kann man den Lauf des Flusses noch. Mitten in den Feldern erhebt sich der Umlaufberg, um den sich der Neckar einst gewunden hat. 150 Einwohner zählt Neckarkatzenbach heute. Ein Dorf wie aus einer anderen Zeit. Uralte Höfe, idyllische Winkel und gepflegte Bauerngärten. Tief unten in seiner Miniaturschlucht gurgelt der Krebsbach.

Bauern haben die „singende“ Pietà
in einer Eiche gefunden

Furchtbare Armut herrschte im Mittelalter hier im Kleinen Odenwald. Die Arbeit war hart, die Erträge mager, Missernten und Hungersnöte an der Tagesordnung. Seit 1349 gehörte Neckarkatzenbach zur Kurpfalz. Das ist wichtig, weil das Gnadenbild ja quasi am Vorabend der Reformation gefunden wurde.

Eine Kirche besaß das Dorf damals nicht. Man stieg bei Wind und Wetter hinauf nach Neunkirchen. Für ihre Madonna bauten die Bauern daher zunächst nur einen Bildstock an einer Weggabelung. Aber das gefiel der Muttergottes gar nicht. Jeden Morgen stand sie wieder in ihrer Eiche.

Die Wallfahrt florierte auf Anhieb. Von weither pilgerten die Menschen in den Kleinen Odenwald.

Neckarkatzenbach kapitulierte. Aus dem Eichenstumpf wurde ein Altar, über den sich bald das zauberhafte gotische Liebfrauenkirchlein erhob. Allein seine Maßwerkfenster lohnen den Besuch. In heutigen Augen wirkt die Kapelle etwas gestaucht. Weshalb das Gerücht aufkam, Liebfrauen sei ursprünglich als Chor einer Wallfahrtskirche gedacht gewesen. Angesichts des nahen Waldes ist das aber eher unwahrscheinlich.

Heute steht das Gnadenbild
in der Kapelle Mariä Himmelfahrt

Die Wallfahrt zur singenden Gottesmutter florierte auf Anhieb. Von weither pilgerten die Menschen zu dem Vesperbild. Bis 1556 die Reformation in die Kurpfalz kam. Liebfrauen wurde calvinistisch, die Madonna verschwand in einer Seitennische. Sorgsam behütet von den Neckarkatzenbachern. Obwohl inzwischen streng reformiert, hielten die Bauern ihr Gnadenbild noch immer in hohen Ehren. „Mit der Madonna hätten wir ja alles Glück und allen Segen zum Dorf hinausgetragen“, gaben sie später zu Protokoll.

Eine lange Prozession geleitete das Gnadenbild von Liebfrauen zur der neuen barocken Kapelle.

Kriege zogen durchs Land. Der Hunger und die Pest raffte zwei Drittel der Bevölkerung dahin. Erst 1705 kehrten der Frieden und die Religionsfreiheit zurück. Neunkirchen erhielt wieder einen katholischen Pfarrer mit dem schönen Namen Caspar Muth. Die Madonna von Neckarkatzenbach sollte zu seinem Lebensprojekt werden.

Am 15. August ist Wallfahrtstag
in Neckarkatzenbach

Unermüdlich schrieb Muth an den Bischof und den Kurfürsten wegen einer neuen Wallfahrtskapelle. Er bettelte, er sammelte, er kämpfte. Bis 1748 eine lange Prozession das Gnadenbild von der Liebfrauenkirche zu seiner neuen barocken Kapelle geleitete.

Pfarrer Muth war damit noch nicht am Ziel. Bis 1755 rang er um einen offiziellen Wallfahrtstag für Neckarkatzenbach. Als der Bischof endlich nickte, gedachte Muth des frostigen Klimas im Kleinen Odenwald und wählte den 15. August. Mariä Himmelfahrt ist der einzige Marienfeiertag, der im Sommer liegt.

Kirchenfakten

Namen: Mariä Himmelfahrt /// Liebfrauenkirche
Adressen: Neckarstraße 4, 74867 Neunkirchen ///
Minneburgweg 1, 74867 Neunkirchen
Konfessionen: katholisch /// evangelisch
Baujahre: 1748 /// 1511
Baustile: Barock /// Gotik
Kunstschätze:
– Mariä Himmelfahrt: Spätgotische Pietà, Barockes Wechselbild,
Barockaltar
– Liebfrauenkirche: Gotische Sakramentsnische, gotisches Fresko,
geschnitztes Altarkreuz von 1947, Voit-Orgel von 1847
Öffnungszeiten: Nach Vereinbarung. Schlüssel und Führungen bei: Maria Hamm, Eichwaldring 6, 74867 Neunkirchen. Telefon: 06262/1466
Kontakte:
– Mariä Himmelfahrt: Katholische Pfarramt St. Bartholomäus, Luisenstraße 21, 74867 Neunkirchen
Telefon: 06262 / 6581
E-Mail: kigem-nkn@gmx.d
Internet: www.kath-aglasterhausen-neunkirchen.de
– Liebfrauenkirche: Evangelische Pfarramt Neunkirchen, Hauptstraße 33, 74867 Neunkirchen
Telefon: 06262 / 6500
E-Mail: Neunkirchen@kbz.ekiba.de
Internet: www.ekineunkirchen.de/pfarramt

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