Flinsbach: Wo der Frühling wohnt

Über dem Altar blühen
immer die Glockenblumen

In Flinsbach ist immer Frühling. Das ganze Jahr über blühen hier Glockenblumen, Schafgarben und Löwenzahn – zumindest auf dem Chorbogen der evangelischen Kirche.

Man sieht, hingehaucht in zartes Pastell, den Heiland, wie er auf einem Kraichgauhügel sitzt und die Dorfbewohner segnet. Die Männer tragen Anzüge, die Frauen Flechtfrisuren. Die Mode von 1934. Ein Wandgemälde aus schwieriger Zeit. Der Karlsruher Maler Albert Fink hat es geschaffen, wie viele andere Bilder für die Kirchen Region. Sie sind alle übertüncht, nur das Flinsbacher Frühlingsbild hat überlebt. Zum Glück. Die sonnige Szene passt perfekt in die lichte Landkirche, die vor kurzem tiptop restauriert wurde.

Ein Chorturmkirchlein aus den 13. Jahrhundert bildet das Herz der Flinsbacher Kirche

Ist diese Kirche noch barock
oder schon klassizistisch?

Der Kraichgau ist uraltes Siedlungsland. Von jeher wussten die Menschen das milde Klima und den fruchtbaren Löss zu schätzen. In Flinsbach hat man sogar ein vorgeschichtliches Steinbeil ausgegraben. Im frühen Mittelalter war das Dorf ein Wallfahrtsort. Man pilgerte zur heiligen Agatha, zu deren Ehren hier im 11. Jahrhundert ein Wehrkirchlein stand. Später kam ein Taufbecken aus Stein hinzu, was den Kirchhügel zu einem beliebten Taufort machte.

Die gotische Chorturmkirche, die noch heute das Herz der Flinsbacher Kirche bildet, stammt aus dem 13. Jahrhundert. Sie besitzt ein Rippengewölbe und ein Sakramentshäuschen, in dem ein Abendmahlskelch von 1690 aufbewahrt wird. Ein vornehmer Bogen verbindet das alte Kirchlein mit dem „neuen“ Gotteshaus aus dem Spätbarock. Dieser Durchgang war nicht immer da. Bis 1932 versteckte man die „katholische“ Gotik hinter einer Mauer. An der Vorderseite der Trennwand hing die Kanzel, das wichtigste protestantische Prinzipalstück.

Das gotische Sakramentshäuschen beherbergt heute einen lutherischen Abendmahlskelch von 1690

Nach der Reformation verschwand
der Chor hinter einer Mauer

Womit wir bei den Freiherren von Helmstatt wären. Seit 1380 gehörte Flinsbach zu ihrem Territorium. Wer zuvor über den Weiler am Wollenbach bestimmt hat, weiß man nicht. Aber es gibt Reste einer Burg aus dem 12. Jahrhundert. Die Ritter von Helmstatt zählten wie zu den frühesten Anhängern von Martin Luther. Schon 1525 führten die Helmstätter in ihren Dörfern die Reformation ein. In Flinsbach hat es nie wieder eine katholische Kirche gegeben.

Das jetzige Gotteshaus, das den Ort weithin sichtbar überragt, entstand 1739. Ob es noch barock oder schon klassizistisch ist, mag jeder selbst entscheiden. Man betritt die Kirche durch ein prächtiges Portal und steht in einer weiten, eleganten Halle mit umlaufender Empore. Ein nobler Auftritt für eine Kirche in einem 600-Seelen-Dorf. Die Holzbänke enden in graziösem Schwung. Der barocke Altar ist überreich verziert. Die Kanzel steht heute auf Augenhöhe mit Altar.

Das Gemälde ist bis ins Detail durchkonstruiert: Auf dem Christushügel wachsen nur heilende Pflanzen

Und über allem schwebt das Wandfresko. Grandios und doch so zart wie ein Aquarell. „Der tröstende Heiland“ hat Albert Finck sein Werk genannt. „Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid“, formuliert der Evangelist Matthäus.

„Kommt alle zu mir, die ihr mühselig
und beladen seid“

Das Gemälde ist bis ins kleinste Detail durchkomponiert. Auf dem Christushügel wachsen nur Heilpflanzen, die Personen verkörpern die vier Haltungen zu Gott. Der Gläubige sitzt versunken im Gebet. Die Skeptische beäugt Jesus kritisch. Der Hoffende schreitet voll Zuversicht hinan. Und die junge Mutter ist noch untentschlossen, ob sie es wirklich mit diesem Jesus wagen soll. Alte Flinsbacher erkennen in den Gesichtern reale Personen wieder: Die Magd des damaligen Pfarrers, der Kirchendiener als Bub.

Doch Vorsicht: Das frühlingsfrohe Fresko birgt ein Geheimnis. Wohin man sich auch wendet in der Kirche von Flinsbach, Christi Augen verfolgen einen. Distanziert, aufmerksam, fragend. Vielleicht auch warnend. Wer weiß.

Kirchenfakten

Name: Evangelische Kirche Flinsbach
Adresse: Klostergasse 2, 74921 Helmstadt-Bargen
Konfession: evangelisch
Baujahr: 13. Jahrhundert/ 1793
Baustil: Gotik/Barock
Kunstschätze:
Gotisches Sakramentshäuschen aus dem 13. Jahrhundert
Abendmahlskelch und Schale aus Zinn von 1690
Spätbarocker Altar mit Seitenwangen
Wandfresko im Stil der Neuen Sachlichkeit von Albert Finck (1932)
Weihnachtsfenster und Kreuzigungsfenster von Albert Finck (1934)
Öffnungszeiten: Nach Vereinbarung
Kontakt: Evangelische Pfarramt, Hauptstr. 13, 74921 Helmstadt-Bargen
Telefon: 06268 – 286
E-Mail: bargen@kbz.ekiba.de
Internet: www.ev-kirche-bargen-flinsbach.de

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