St. Ilgen: Schönheit auf sumpfigem Grund

Das schöne Eingangsportal von St. Aegidius entstand 1150

Startete man eine Umfrage, wo die ältesten Kirchen der Region stehen, kaum jemand käme auf St. Ilgen. Dabei gründet das St. Aegidiuskirchlein auf romanischen Mauern, und sein schönes Eingangsportal stammt aus dem Jahr 1150.

Das Relief im Tympanon zeigt, wie Abt Johannes vom Benediktinerstift Sinsheim dem designierten Propst Rudolf den Schlüssel für das neue Kloster St. Ilgen überreicht. Seitdem ist viel passiert. Das Kloster wuchs und verging. Aus dem romanischen Gotteshaus wurde ein gotisches, dann ein barockes. Die drei Schiffe des Kirchleins verschwanden, um wunderbarerweise im 20. Jahrhundert zurückzukehren. In modernem Gewand, kombiniert mit abstrakter Kunst.

In Scharen sind die bitterarmen St. Ilgener später ausgewandert, haben ihr Glück gesucht in Amerika.

Der Kraichgau im 12. Jahrhundert. Das Hügelland war flächendeckend gerodet und zählte dank seines Lössbodens zu den fruchtbarsten Gegenden Europas. An den Rändern jedoch, dort wo das Land zur Oberrheinischen Tiefebene abfällt, war das Leben hart. St. Ilgen lag im „Bruch“, so nannte man im Mittelalter ein Sumpfgebiet. Ein unfruchtbares schwarzes Loch. In Scharen sind die bitterarmen St. Ilgener später ausgewandert, haben ihr Glück gesucht in Amerika. Doch noch rangen sie dem morastigen Grund eine karge Existenz ab.

„Sankt Aegidius“ leitet sich vom selben Heiligen ab wie „Sankt Ilgen“

Abt Johannes vom strahlenden Stift Sunnisheim begab sich anno 1131 zum Weiler St. Ilgen, um den Grundstein für ein „monasteriolum“, ein „Klösterchen“, zu legen. Drei Benediktinermönche sollten künftig hier leben und sich ums Seelenheil der Bauern kümmern.

In Bellinzona solle es eine romanische Kirche geben, die genau so aussieht wie die ursprüngliche Aegidiuskirche.

Das erste Kirchlein „Sankt Aegidius“ – der Name leitet sich vom selben Heiligen ab wie „Sankt Ilgen“ – war eine dreischiffige Basilika aus rotem Sandstein mit winzigen Fensteröffnungen. Gedrungene romanische Pilaster trugen das Dach, Chor und Seitenaltäre verschwammen in mystischem Dunkel. Im schweizerischen Bellinzona, so behauptet man in St. Ilgen, gebe es eine romanische Kirche, die genau so aussehe wie die ursprüngliche Aegidiuskirche. Man reibe sich vor Staunen die Augen.

Romanik, Barock und Moderne verschmelzen zu einer harmonischen Einheit

1546 kam die Reformation in die Kurpfalz. Das Kloster St. Ilgen wurde aufgelöst, sein Kirchlein calvinistisch leergeräumt, das gesamte monastische Interieur weggeworfen. Die Seitenschiffe mauerte man zu oder riss sie ein. Was einst romanische Basilika gewesen, war nun gotische Saalkirche. Erst 1707 kehrte der katholische Glauben nach St. Ilgen zurück. In barockem Gewand. Durch große Fenster strömte nun strahlend hell das Tageslicht ins Kirchenschiff. Überall glänzte Gold, Heilige standen in Scharen.

Die Idee für das „neue“ Aegidiuskirchlein ist so charmant wie spektakulär.

Der 1. Mai 1844. Der Schicksalstag von St. Ilgen. Zum ersten Mal hielt ein Zug der neuen Linie Heidelberg-Karlsruhe am Bahnhof des Dorfes. Das veränderte alles. Drei Tabakmanufakturen siedelten sich an, 1891 kam noch eine Lederfabrik hinzu. Das einstige Sorgendorf begann zu blühen, Häuschen schossen aus dem Boden, St. Aegidius platzte aus allen Nähten. Doch erst 1995 nach langen Diskussionen konnte der Umbau in Angriff genommen werden.

Die spätgotische Pietà ist das wertvollste Ausstattungsstück

Die Idee für das „neue“ Aegidiuskirchlein ist so charmant wie spektakulär: Man rekonstruierte die ursprüngliche romanische Basilika, platzierte in ihren Seitenschiffen die schönen barocken Altäre und überließ das Zentrum der Moderne. Der schlichte Zelebrationsaltar steht inmitten der Gemeinde, die ihn von drei Seiten umringt. Das moderne Deckengemälde greift die barocke Idee des geöffneten Himmels wieder auf. Am Boden liegen Handstrichziegel, die nach mittelalterlicher Rezeptur hergestellt wurden. Wenn man ganz genau hinsieht, entdeckt man kleine farbige Linien: Der Grundriss der Basilika St. Aegidius anno 1150.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*