Schwetzingen: Ein Vorgeschmack aufs Paradies

St. Pankratius funkelt
wie das Himmelreich

Es gab eine Zeit, da überstrahlte die Kurpfalz alles. Das riesige Barockschloss in Mannheim glänzte, übervoll von Kostbarkeiten. Die Hofkapelle spielte so exzellent, dass nicht einmal Mozart Aufnahme fand.

Und die Sternwarte galt als Epizentrum der Naturwissenschaft. Doch wenn der Schnee glitzerte oder die Sonne lachte, hielt es den Hofstaat nicht in Mannheim. Es zog ihn nach Schwetzingen, wo eine der schönsten Parklandschaften Europas der illustren Gesellschaft harrte. Weil das Bauerndorf sonst eher wenig bot, spendierte der Regent ihm die schöne Barockkirche. St. Pankratius funkelt wie das Himmelreich. Willkommen am Zweitwohnsitz der Kurfürsten.

Der Campanile geriet bildhübsch mit zweifacher Zwiebel und eingeschobener Laterne

Das 18. Jahrhundert. Eine Welt im Umbruch. Noch fährt man Kutsche und benutzt Puder statt Seife, doch die Aufklärung steht schon vor der Tür. Bald würde man Mensch und Natur akribisch vermessen, und Maschinen den Takt des Lebens vorgeben.

Schwetzingen war einst
Zweitwohnsitz der Kurfürsten

Doch noch hatte man Zeit. Für Scharaden und Spiele, Allegorien und Jagden. Der Schwetzinger Schlosspark lieferte dafür die perfekte Kulisse. Und St. Pankratius, direkt gegenüber, den perfekte Rahmen für barocke Gottesdienste in ländlicher Manier.

Kurfürst Carl Philipp beauftragte 1736 seinen Hofbaumeister Sigismund Zeller mit der Planung der neuen Schwetzinger Kirche. Weil Carl Philipp stets knapp bei Kasse war, befahl er, den gotische Turm zu integrieren. Was ein Fehler war. Ein paar Jahre später hatte sich der Turm so bedrohlich geneigt, dass die Kirche einzustürzen drohte. Der neue Hofbaumeister Franz Wilhelm Rabaliatti ließ den Turm abreißen und einen freistehenden Campanile errichten. Er geriet bildhübsch, mit zweifacher Zwiebel und eingeschobener Laterne. Neun Glocken hängen im Zwiebelturm, darunter eine Marienglocke aus dem Jahr 1484.

Schwetzingen, weil klimatisch sehr begünstigt, war eine der frühesten christlichen Kultstätten

Putten und Engel,
Medaillons und Heiligenfiguren …

1739 war St. Pankratius fertig. Das Patrozinium hatte man von den beiden Vorgängerkirchen an diesem Platz übernommen. Schwetzingen, weil klimatisch sehr begünstigt, war eine der frühesten christlichen Kultstätten. Schon im 7. Jahrhundert haben englische Mönche hier eine Kapelle gebaut. In einem Merowingergrab fand hat man einen Kreuzanhänger. Die gotische St. Pankratiuskirche von 1350 hatte der Dreißigjährige Krieg auf dem Gewissen. Jetzt also Barock.

Hofbaumeister Zeller hatte eine Hallenkirche mit großem Chor und Fürstenlogen links und rechts des Altars entworfen. Über den Hochaltar, die beiden Seitenaltäre und die Kanzel ergossen die Künstler aus den Werkstätten Paul Egells die ganze Überfülle des Barock. Vergoldete Kapitelle und Muschelwerk, Putten und Engel, Medaillons und Heiligenfiguren. Unser schnödes Diesseits interessiert eine barocke Kirche nicht. Sie will den Menschen einen Vorgeschmack aufs Paradies geben.

Die Bauern hatten einen Großteil der Ziegel herausgenommen, um auf dem Dachboden ihren Tabak zu trocknen.

… über die Altäre ergoss sich
die Überfülle des Barock.

Doch die Mannheimer Künstler hatten die Rechnung ohne die 230 Schwetzinger Bauern gemacht. 1760 war das Dach undicht. Zwei Jahre später regnete ungehindert ins Kirchenschiff. 1763 erneut Einsturzgefahr. Als Hofbaumeister Nicolas de Pigage die Sache unter die Lupe nahm, glaubte er seinen Augen nicht zu trauen. Die Bauern hatten einen Großteil der Ziegel herausgenommen, um auf dem Dachboden ihren Tabak zu trocknen.

Dem Hofbaumeister kam die Reparatur nicht ungelegen. Er nutzte die Gelegenheit, um die Kirche zu vergrößern und auf den letzten Stand der Mode zu bringen. Barock nämlich war mittlerweile out, man baute nun klassizistisch. Weshalb die barocke St. Pankratiuskirche heute eine Fassade mit Pilastern, ionischen Kapitellen und Dreiecksgiebel trägt, bekrönt von einer hübschen klassizistischen Muttergottes.

Kirchenfakten

Name: St. Pankratius
Adresse: Schlossstraße 8, 68723 Schwetzingen
Konfession: katholisch
Baujahr: 1739
Baustil: Barock/Rokoko
Kunstschätze:
Barocker Hochaltar und zwei barocke Seitenaltäre von 1739
Große Engelsfiguren und Putten aus den Werkstätten von Paul Egell
Heiligenfiguren aus dem Umfeld von Paul Egell
Figur der schmerzhaften Muttergottes von 1766
Reich verzierte barocke Kanzel
Pietà aus der Werkstatt von Pieter Anton von Verschaffelt
Kreuzweg im Stil der Nazarener von 1880
Barocke Epitaphien an der Außenwand der Sakristei
Öffnungszeiten: tagsüber geöffnet
Kontakt: Pfarramt Schwetzingen, Schlossstraße 8, 68723 Schwetzingen
Telefon: 06202-92628-0
E-Mail: pfarramt@seelsorgeeinheit-schwetzingen.de
Internet: www.kath-se-schwetzingen.de

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