Altenbach: Drei Leben im Miniformat

Die Johanneskirche war Neugotik und Betonwüste. Jetzt ist sie Futurismus.

Es gibt da diese alte Postkarte in körnigem Schwarzweiß. Man sieht ein Bauerndorf hoch oben im Vorderen Odenwald, idyllisch hingeworfen zwischen Feld und Wald. Ein Landsträßchen mäandert durch Fachwerkhäuser, zwei historistische Kapellen recken vorwitzig ihre Dachreiter gen Himmel.

Altenbach vor hundert Jahren. Heute braust die Landesstraße 596a durchs Dorf. Das Fachwerk ist verschwunden, die Katholiken beten in avantgardistischem Beton. Nur das neugotische evangelische Kirchlein existiert noch. Delikat modernisiert markiert es heute den Mittelpunkt Altenbachs. Eine Oase der Ruhe inmitten des Verkehrs. Auf dem Kirchplatz spielen sie bis in den Winter hinein Boule.

Die Johanneskirche ist die kleinste Behaghel-Kirche. Historismus im Miniaturformat.

Der Altenbacher Johanneskirche muss man sich behutsam nähern. Sie braucht Zeit, um ihre Aura zu entfalten. Auf den ersten Blick erinnert das Kirchlein vage an einen Bahnhof. Eine große Uhr auf der Stirnseite, grobe Sandsteinquader, ein riesiges Eingangsportal aus Glas.

Historismus im Miniaturformat: Die Decke und die Fenster stammen aus dem 19. Jahrhundert

Und dann noch dieser Dachreiter aus Emaille-Lamellen. Er legt die Assoziation eines Schornsteins sehr nahe. Doch dieser Eindruck verfliegt rasch. Denn man sieht auch die Brüche, die dieses Landkirchlein aushalten musste. Und schon hat man es lieb.

Hermann Behaghel, der unermüdliche Badische Oberbaurat, hat die Altenbacher Kirche entworfen. 1898. In bewährter neugotischer Manier, wie wir sie von seinen fast 30 Kirchen in Nordbaden kennen. Die Johanneskirche ist die kleinste Behaghel-Kirche. Historismus im Miniaturformat. Mehr brauchte Altenbach damals nicht, das Dorf zählte nur 328 Protestanten. Sie waren außer sich vor Glück über ihre erste Kirche, selbst wenn sie diese noch 15 Jahre würden abstottern müssen. In 500-Mark-Raten. Zu zahlen „nach der Heidelbeer-Zeit“.

Die moderne Interpretation der Neugotik hat nichts mehr gemein mit der dunklen Enge des 19. Jahrhunderts

Johannes der Täufer weist den Weg zur Kirche

1964 kam die Moderne nach Altenbach. Wo einst die Höfe mit Fachwerk standen, thronten jetzt die Bungalows der Pendler. Neben die bildhübsche Jugendstil-Grundschule quetschte man eine Mehrzweckhalle. Und der evangelischen Kirche verpasste man einen globigen Betonvorbau sowie einen gewaltigen freistehenden Campanile. Er erdrückte das zarte Gotteshaus fast.

Fünfzig Jahre „zierte“ das Beton-Ungetüm das Zentrum Altenbachs, das längst zu einem Stadtteil von Schriesheim geworden war. Dann griff die Stiftung eines Software-Unternehmers, dessen Familie schon lange in Altenbach lebte, tief in die Tasche. Die Neugotik konnte nach Altenbach zurückkehren. Allerdings in einer sehr modernen Interpretation, die nichts gemein hat mit der dunklen Enge des 19. Jahrhunderts.

Das Foyer ist eine futuristische Konstruktion, die sich 17 Meter zum First hinaufschwingt

Das dramatische Entrée mündet
in den Dachreiter.

Die Johanneskirche besitzt heute ein dramatisches Entrée. Der riesige Bogen der Glastür wiederholt exakt die Kontur der neugotischen Apsis. Das Foyer ist eine futuristische Konstruktion aus hellem Holz. In einem Guss schwingt sie sich 17 Meter hinauf zum First, wo sie in den Dachreiter mündet. Nie hätte man solch eine Weite in solch einem kleinen Kirchlein für möglich gehalten. Die Orgelempore konzentriert den Blick noch einmal, dann steht man in einem lichten Kirchenraum. Die historistische Holzdecke und Kirchenfenster konnten erhalten werden. Sie strahlen heute frischer denn je.

Als die „neue“ evangelische Kirche von Altenbach Anfang 2015 eingeweiht werden sollte, registierte man, dass sie nie einen Namen erhalten hatte. Kurzentschlossen benannte man das Gotteshaus nach der modernen Skulptur, die draußen den Stufen steht: Johanneskirche.

Jede Bank trägt den Namen eines Apostels.

Und weil die Altenbächer schon dabei waren, tauften sie gleich weiter: Jede Kirchenbank auf den Namen eines Apostels. Nur „Judas“ hat man weggelassen.

Kirchenfakten

Name: Johanneskirche
Adresse: Rathausstraße 1, 69198 Schriesheim-Altenbach
Konfession: evangelisch
Baujahr: 1898
Baustil: Neugotik/Moderne
Kunstschätze:
Moderne Johannes-Skulptur von Professor Karl-Ulrich Nuss
(vor der Kirche)
Moderne Prinzipalien aus Altmühltaler Kalkstein von Rolf Bodenseh
Kalligraphietüre von Moritz Kuhn
Moderner Künstlerengel von Ingrid Pietsch
(aus einer alten Fassdaube gearbeitet)
Öffnungszeiten:
Dienstag bis Sonntag 9 bis 16 Uhr (Winter) / 9 bis 17 Uhr (Sommer)
Kontakt: Pfarramt Schriesheim, Kirchstraße 3c, 69198 Schriesheim
Telefon: 06203-692987
E-Mail: pfarramt-schriesheim@ekisa.de
Internet: www.ekisa.de

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