Heidelberg-Handschuhsheim: Alles fließt

Die Friedenskirche wirkt wie eine Burg, ist aber die visionärste Kirche der Region

Da steht sie, die „feste Burg“. Majestätisch und stolz. In all ihrer romantischen Pracht. Mit Türmen und Türmchen, Erkern und Giebel. Märchenkönig Ludwig II. hätte seine Freude an der Friedenskirche gehabt. Aber nur von außen.

Innen ist das Handschuhsheimer Gotteshaus moderner Purismus in Reinform. Strahlendes Weiß, ein Altar aus schwarzer Bronze und eine Stufenanlage, die sich kühn zur Orgelempore hinaufschwingt. Bevölkern Menschen die Treppe, so entfaltet sich eine Dynamik, die rasch auf die Gemeinde übergreift. Die Friedenskirche ist derzeit das wohl visionärste Gotteshaus der Region.

Aus dem kleinen Bauerndorf wird der bevölkerungsreichste Stadtteil Heidelbergs

Vom Altar schwebt eine  Himmelsleiter hinauf zur Orgel.

Handschuhsheim an der Bergstraße. Ein Bauerndorf vor den Toren Heidelbergs. Mehr als tausend Jahre gab es hier nur eine Kirche: St. Vitus. 744 ersterwähnt, seit 1650 von Katholiken und Reformierten gemeinsam genutzt. Man kam wunderbar miteinander aus und würde wohl heute noch simultan beten, wäre Handschuhsheim nicht in Mode gekommen. Das Dorf wuchs explosionsartig, wurde 1903 eingemeindet und ist heute der bevölkerungsreichste Stadtteil Heidelbergs.

St. Vitus platzte aus allen Nähten, eine evangelische Kirche musste her. 1904 fand man den idealen Bauplatz: Der ehemalige gräfliche Garten direkt hinter der Tiefburg. Nun war Hermann Behaghel an der Reihe. Unzählige Kirchen hatte der evangelische Oberbaurat schon entworfen. Alle im neugotischen Stil. Doch der war jetzt passé. Seit 1891 regierte das „Wiesbadener Programm“. Es forderte die radikale Rückkehr zur reformatorischen Urkirche: Altar und Kanzel in einer Linie mitten in der Gemeinde.

Der Turm ragt 61 Meter in den Himmel, umgeben von einem Meer aus Kapellchen

Oberbaurat Behaghel, schon 70 Jahre alt, verblüffte alle. 1910 präsentierte er eine Kirche, wie man sie noch nicht gesehen hatte. Ihr Turm ragte 61 Meter in den Himmel empor, umgeben von einem Meer aus Türmchen und Kapellchen.

Das Rückfenster: „Kommt alle zu mir, die Ihr mühselig und beladen seid“

Von jeder Seite sah die Kirche anders aus. Innen war der hohe Raum dank riesiger Fensterfronten taghell. Drei gewaltige Emporen boten Sitzplatz für mehr als 1000 Menschen.

Sensationell die Anordnung der Prinzipalien: Die Kanzel hing direkt über dem Altar, bekrönt von einer stattliche Orgel. Das war modern, das war evangelisch. Die Gemeinde nannte ihr neues Gotteshaus „Friedenskirche“. Vier Jahre später begann der erste Weltkrieg.

Die Taufe als Anker in einer Welt, in der alles fließt

Erntedank 2012. Hundert Jahre später. Wieder wurde die Friedenskirche eingeweiht. Nach langer Umbauzeit. Und wieder erlebten die Handschuhsheimer eine Sensation. Alles fließt in der „neuen“ Friedenskirche. Wo früher der Altar stand, schwebt nun die Himmelsleiter hinauf zur Orgel.

In St. Vitus haben Protestanten und Katholiken 250 Jahre lang simultan gebetet

Auf ihren Stufen könnten Chöre singen, Konfirmanden beten und Pfarrer predigen. Der Altar lässt sich zerlegen, der federleichte Ambo wandert hin und her, Stapelstühle ersetzen die Kirchenbänke.

Das Wiesbadener Programm hat jedoch noch immer Gültigkeit. Orgel, „Kanzel“ und Altar führen in einer Linie hin zur Mitte der Gemeinde. Mehr noch: Verlängert man die Linie, so stößt man auf den Original-Taufstein der Kirche. Er allein steht festgemauert in der Erde. Die Taufe als Anker. In einer Welt, in der alles fließt.

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