Eppingen: Im Reich der Milchhexe

Die Eppinger Hexe zapft mit einer Axt die Milch aller Kühe im Dorf ab.

Es ist schon krass, was die Milchhexe da macht: Das garstige Weib schlägt ihre Axt in einen Balken und zapft damit allen Kühen im Dorf die Milch ab. Der Teufel, ihr Gehilfe, schüttet die Eimer dann in den Dreck. Für die Bauern im Mittelalter muss diese Vorstellung der schlimmste  Alptraum gewesen sein.

Milch war ihr Grundnahrungsmittel, ohne Milch musste die Familie verhungern. Aber warum malt man solch eine Schreckensvision an die Wand eines Gotteshauses ?

Diese Frage stellt sich in der katholischen Pfarrkirche von Eppingen. Wie eine gotische Königin erhebt sich „Unserer Lieben Frau“ mit ihrem achteckigen, schiefergedeckten Turm über die mehr als 120 Fachwerkhäuser des Kirchhügels. Zu seinen Füßen plätschern Elsenz und Hilsbach. Ein zauberhaftes Bild.

Zauberhaft sieht der Kirchhügel aus mit seinem geschichteten Fachwerk.

Dem man sich am stilvollsten durch den Elsenzpark nähert. 2021 findet hier die Landesgartenschau statt, dann soll sich der Park in einen riesigen Weiher verwandeln. Doch noch gelangt man trockenen Fußes ins Fachwerk-Wunderland.

Eppingen stand Zeitlebens unter einem Glücksstern

Die Stadt Eppingen, die heute 22000 Bewohner zählt, stand zeitlebens unter einem Glücksstern. Gleich drei Mal ist sie der Zerstörung um Haaresbreite entkommen. Als im Dreißigjährigen Krieg der gesamte Kraichgau brannte, plünderten und verwüsteten Soldaten aus beiden Lagern auch Eppingen. Sie legten aber wie durch ein Wunder aber kein Feuer. Dabei hätte ein winziger Funken genügt, um die Strohdächer und das Holzfachwerk in ein Inferno zu verwandeln.

Im Pfälzischen Erbfolgekrieg verwandelte die Streitmacht des französischen Sonnenkönigs Ludwig XIV. ganz Nordbaden in eine verkohlte Wüste. 1697 marschierte das gnadenlose französische Heer durch den Kraichgau auf Eppingen zu. Die Fachwerkstadt hätte kein Überlebenschance gehabt.

Die doppelstöckige gotische Vorhalle, „Paradies“ genannt, ist eine Rarität.

Doch plötzlich, direkt vor den Toren Eppingens, machten die Franzosen Halt. Sie kehrten um und kamen nie wieder. Noch ein Wunder? Vielleicht.

Wahrscheinlich aber eher der Erfolg der „Eppinger Linie“, eines 86 Kilometer langen Verteidigungswalls, den die Bevölkerung und die badischen Soldaten zwei Jahre lang in mühevoller Arbeit gebaut hatten. Hinter einem 40 Meter breiten „Zaun“ aus Ästen und Baumstämmen lag ein 2,50 Meter tiefer Graben, gefolgt von einem hohen Wall.

Alle Straßen sind noch gekurvt. Die Gerade ist eine Erfindung der Neuzeit.

Die „Eppinger Linie“ reichte von Pforzheim im Süden bis Neckargemünd im Norden. Sie trug den Namen der Fachwerkstadt, weil die Verteidigungsarmee des Markgrafen Ludwig von Baden, des „Türkenlouis“, ihr Hauptquartier zwischen Eppingen und dem Dorf Stebbach aufgeschlagen hatte.

Im Zweiten Weltkrieg schließlich warfen die Amerikaner Bomben über der Fachwerkstadt ab. Sie trafen aber nur sehr wenige Häuser. Weshalb Eppingens Altstadt heute noch fast genauso so aussieht wie im 15. Jahrhundert. Ein Fachwerkhaus schöner als das andere, ein Winkel idyllischer als der vorherige. Alle Straßen sind gekurvt und gekrümmt. Die Gerade ist eine Erfindung der Neuzeit.

Im Mittelalter definierte man so das Schlaraffenland

Die Natur hat Eppingen reich gesegnet. Nördlich der Stadt weitet sich das Hügelland des Kraichgaus. Dank seines Lößlehm-Bodens und des milden Klimas ist der Kraichgau eine der fruchtbarsten Gegenden Deutschland. Langanhaltende Frostperioden kennt man nicht. Im Sommer regnet es reichlich.  Im Süden Eppingens liegt der langgestreckte Höhenzug des Strom- und Heuchelbergs. Er ist komplett bewaldet und liefert Baumaterial im Überfluss. Holz hier – Getreide da.  Im Mittelalter definierte man so das Schlaraffenland.

Das Baumann’sche Haus von 1582 besticht durch den Formenreichtum der Renaissance

Der einzige Wermutstropfen im Eppinger Glück ist die erste offizielle Erwähnung der Stadt: 985. Das ist spät. Dabei künden Funde davon, dass es sowohl in Stein- wie auch in der Römerzeit menschliche Ansiedlungen auf dem Gebiet der heutigen Stadt Eppingen gegeben hat. Und die Merowinger haben angeblich schon 630 hier eine erste Kirche errichtet. Hilft alles nichts. Es bleibt bei 985.

Immerhin: Schon 1192 wurde Eppingen zur freien Reichsstadt erhoben. Es gehörte damit zu den ältesten Städten im Südwesten. Und zu den reichsten. Da die Stadt an der hochfrequentierten Reichsstraße von Nürnberg nach Straßburg lag, boten sich reichlich Absatzmöglichkeiten für die Güter, mit denen die Natur Eppingen so reichlich beschenkt hatte.

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Unser Aufstieg führt uns durch die schmale Steingasse zur „Alten Universität“. Der Name ist zugegeben ein wenig hoch gegriffen. Denn eine Alma Mater gab es im kleinen Eppingen nie. Wohl aber im nahegelegenen Heidelberg, wo in den engen Gassen der Altstadt regelmäßig die Pest ausbrach.

Die „Alte Universität“ von 1495 ist das größte und schönste Fachwerkhaus.

Der Kurfürst verschickte die Professoren und Studenten dann für ein paar Jahre in eine Kleinstadt im Umland, bis die Luft in Heidelberg wieder rein war.

So geschehen auch in den Jahren 1494 und 1495, als die Heidelberger Universität mit Sack und Pack nach Eppingen zog. Die „Alte Universität“ ist mit einer Traufhöhe von 22,5 Metern das größte und höchste Fachwerkhaus in Eppingen. Es war ursprünglich als spätmittelalterliches Kaufhaus erbaut worden. Die Erdgeschosshalle diente als Fleischhaus, wo Metzger ihre Waren feilboten. Auf den drei Speichergeschossen wurde das Getreide und in den zwei Kellern Wein gelagert. Heute beherbergt die „Alte Universität“ das Stadt- und Fachwerkmuseum.

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Einen niedrigen Ortsadel wie in den umliegenden Kraichgaustädtchen und Kraichgaudörfern hat es in Eppingen nie gegeben. Auch kein Schloss. So fiel die Freie Reichsstadt 1462 endgültig an die Kurpfalz. Was den Kurfürsten ungeheuer gelegen kam. Beständig in Geldnot erbaten sie sich bei den reichen Eppinger Kaufleuten immer neu Anleihen. Zum Dank erhielt die Stadt an der Elsenz das Privileg, zwei Jahrmärkte und einen Wochenmarkt durchführen zu dürfen. Was noch mehr Geld in die Stadt spülte.

Doch die Eppinger Kaufleute waren ehrgeizig – und klug. Sie wollten nicht nur Geld. Sie wollten auch Macht, Prestige und Einfluss. Weshalb sie in Bildung investierten. Schon 1421 eröffnete oben auf dem Kirchhügel eine Lateinschule. Außerhalb der Großstädte war das eine absolute Rarität. Im 15. und 16. Jahrhundert studierten zahlreiche Eppinger Knaben – Mädchen erhielten zu dieser Zeit noch keine Schulbildung – an der Universität in Heidelberg. Einige Eppinger brachten es dort bis zum Rektor. Andere begleiteten hochrangige Stellungen am Kurpfälzischen Hof.

Unser Weg führt rechter Hand eine schmale Treppe zur Kirche hinauf. Wir durchqueren den Kirchhof, wo ein Pfarrer eine Sammlung von Kreuzen angelegt hat und Katharinenkapelle. 1450 Katharinenkapelle.

1435 Grundsteinlegung für die Kirche.

Zu Beginn des 14. Jahrhunderts krönte den Hügel ein frühgotisches Kirchlein mit Turmchor. Der viereckige Unterbau blieb erhalten. Mitsamt seiner Fresken. Es ist ein wunderschöner, künstlerisch hochwertiger Bilderzyklus, der die Menschwerdung Gottes und die Passion Christi schildert. 1435 Grundsteinlegung für die Kirche.

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Der Freskenzyklus stammt aus dem frühen 14. Jahrhundert

„Unserer Lieben Frau“ begrüßt den Ankömmling mit einer doppelstöckigen gotischen Vorhalle, in alten Zeiten „Paradies“ genannt. Eine absolute Rarität. Oben im dreieckigen Dächlein hängt ein Konzertcarillon mit 49 Bronzeglocken. Im Sommer gibt es hochkarätige Konzerte.

1435 fügte man dem frühgotischen Chor ein spätgotisches Langhaus an, 1459 kam die markante Turmspitze hinzu. Dann war es vorbei mit der katholischen Pracht. 1563 führte Kurfürst Friedrich III. in der Kurpfalz die calvinistische Reformation ein. Die Altäre brannten, die Fresken verschwanden unter Putz. Ab 1705, inzwischen regierte wieder ein katholischer Kurfürst, nutzten Katholiken und Protestanten Unserer Lieben Frau simultan. Die Evangelischen beteten im Langhaus, die Katholiken im Chor. Eine Mauer schied die Konfessionen. Sie fiel erst 1878, als Eppingen seine evangelische Kirche erhielt.

Entwicklung des Fachwerks: Hauptzeit spätes Mittelalter bis etwa 1460. Dann die Renaissance bis 1618 Dreißigjähriger Krieg. Barock bis etwa 1750. Zweite Hälfte 16. Jahrhundert: Eppingen eine extrem wohlhabende Stadt.

Alte Universität (Fleischgasse 2) 1495. Während der Pest 1564 Heidelberger Universität hier untergebracht. Eines der bedeutendsten Fachwerkhäuser im Kraichgau. Heute Fachwerk- und Heimatmuseum.

Bäckerhaus (Altstadtstraße 36) von 1412. Ältestes Fachwerkhaus im Kraichgau. Baumann’sches Haus (Kirchgasse 31) von 1582 Eindrucksvollstes Fachwerkhaus. War noch nie verputzt. Sehr wohlhabender Kaufmann Der ganze Formenreichtum der Renaissance. Eines der schönsten Renaissance-Fachwerkhäuser in Süddeutschland.

Bossert-Haus. (Kirchgasse 13) Mitte 15. Jahrhundert. Ladeluke mit gotischem Spitzbogen ist zugemauert worden. Sensationelle artistische Leistungen Hauseigentümer Bossert. In den 1940er Jahren vollführte er als erste Mensch der Welt einen Salto mit dem Motorrad hoch oben auf dem Drahtseil.

1803 kam Eppingen zu Baden. Wurde Bezirksamt. Neuer Stadtteil. Stadtmauern wurden nicht mehr gebraucht und wurden abgerissen. 1879 Eisenbahnanschluss Richtung Karlsruhe, ein Jahr später nach Heilbronn und 1899 nach Heidelberg.

 

Und die Milchhexe? Sie sieht wirklich garstig aus, wie sie über der Eingangtür zur Kirche ihr Unwesen treibt. Das Fresko ist wohl um das Jahr 1517 entstanden, erst 1975 wurde es entdeckt. Wer es gemalt hat, weiß niemand. Warum auch nicht. In der Kurpfalz gab es keine Hexenverfolgung, wohl aber schreckliche Missernten. Vielleicht, so haben die kfd-Frauen überlegt, war die Milchhexe ja ein Flehen, ein Hilfeschrei zu Gott, Eppingen zu bewahren vor Hunger und Not.

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