Neckarelz: Ein Geheimnis in Stein

Was ist das ? Eine Burg? Eine Kirche? Ein Dornröschenschloss? Eine Fatamorgana?

Dass dieses Gebäude ein Geheimnis umweht, sieht man auf den ersten Blick. Hoch, schmal und uralt steht das Tempelhaus zu Neckarelz inmitten eines Grabens und blickt stolz herab auf die Welt. Auf dem Kopf trägt das rätselhafte Gemäuer ein keckes Zwiebeltürmchen, was den Betrachter noch mehr verwirrt. Was ist das? Eine Burg? Eine Kirche? Eine Fatamorgana?

Unwillkürlich tritt man näher. Magisch angezogen von der Aura eines Gotteshauses, dessen Mysterium wohl nie ganz ergründet wird.

Ursprünglich war die Kirche eine Wohnburg mit vier separaten Stockwerken

Niemand weiß, wann und von wem das Tempelhaus gebaut wurde.

Das Rätselraten beginnt schon bei der Geburt der extravanganten Burg an der Elz. Niemand weiß, wann das Tempelhaus gebaut wurde und von wem. Die Wände bestehen aus zwei Meter dicken Buckelquadern, die man ins 11. oder 12. Jahrhundert zurückdatieren kann. Doch Urkunden erwähnen schon im 10. Jahrhundert eine Burg an dieser Stelle. Manche Historiker glauben sogar, dass die Kirche auf einem römischen Tempels fusst, womit der Name erklärt wäre. Eine umstrittene Theorie.

Sicher ist, dass das Tempelhaus ursprünglich eine Wohnburg mit vier separaten Stockwerken war. Ein hochmittelalterliches Mehrfamilienhaus. Beleuchtet wurden die Räume durch schmale Wandschlitze, eine steinerne Wendeltreppe verband die Stockwerke. Die tausendjährigen Stufen existieren noch. Erst das Rokoko hat dem Treppenturm die Zwiebelhaube aufgesetzt.

Lediglich fünfzig Jahre wirkten die Johanniter in Neckarelz

Ob die Wohnburg einst von einem Wassergraben umgeben war? Wer weiß. Wassergräben waren sehr populär mit Hochmittelalter, und die Elz floss damals noch direkt am Tempelhaus vorbei. Allerdings lag das Niveau des Baches tiefer als der Burggraben. Ob es ein Kanalsystem gab? Im 14. Jahrhundert jedenfalls wurde der Graben verbreitert und das Erdreich auf der Südseite aufgeschüttet. Seitdem führt eine Steinbrücke zum neuen Kirchenvorplatz, fünf Meter über dem Kellergeschoss.

1297 baute der Johanniterorden eine gotische Kapelle an.

1297 kaufte der Johanniterorden die Burg, um sie als Kloster mit Hospital zu nutzen. Die Brüder verlängerten das Tempelhaus um zwölf Meter nach Osten und bauten einen frühgotischen Chor mit Maßwerkfenstern an. Im Dachgeschoss richteten sich die Johanniter eine Kapitelstube, ein Refektorium und ein Dormitorium ein. In den beiden Geschossen darunter standen die Krankenbetten.

An der Nordwand des Tempelhauses findet sich heute die Grabplatte von Bruder Conrad, dem Gründer des Klosters. Lediglich 50 Jahre blieben die Johanniter in Neckarelz, dann verkauften sie das Tempelhaus. Die Kurpfalz griff zu und degradierte das schöne Gemäuer zum Getreidespeicher. Für fast 300 Jahre.

Als habe sich die geheimnisvoll Aura der Kreuzritter in den Mauern festgesetzt

Das Christophorus-Fresco aus dem 14. Jahrhundert

1685 die Zeitenwende. Die reformierten Linie der Heidelberger Kurfürsten war ausgestorben, mit den Pfalz-Neuburgern kehrte der Katholizismus ins Tempelhaus an der Elz zurück. 1707 zogen die Katholiken wieder in den gotischen Chor ein, 1730 übergab ihnen der Kurfürst auch das Langhaus. Die Decke zum zweiten Stock wurde entfernt, sechs große Fenster eingebrochen, ein Triumphbogen aufgemauert. Der Bischof von Würzburg stiftete einen Hochaltar, dessen Tafelbild heute im Kirchenschiff hängt. Man sieht: Mariä Himmelfahrt. Das ist seit 1737 der offizielle Name der Kirche.

Benutzt hat ihn nie jemand. Das Tempelhaus blieb „das Tempelhaus“. Warum? Es gibt Historiker, die vermuten, dass sich die geheimnisvolle Aura der Kreuzritter in den Mauern festgesetzt hat. Und dass der Volksmund keinen Unterschied machte zwischen dem Johanniter- und dem Templer-Orden. Eine umstrittene Theorie. Nachweislich war kein Tempelritter je in Neckarelz.

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