Hochhausen: Das Schatzkästchen der Notburga

Über Notburgas Grab wölbt sich ein gotischer Chor mit phantasischen Freaken

Man hat sie vom Eingang weggelegt. In die Seitenkapelle, wo sie mehr Ruhe hat. Dabei sieht Notburga überhaupt nicht müde aus. Ihre blauen Augen strahlen unternehmungslustig, blondes Haar umrahmt das herzförmige Gesicht. Schade, dass dem Mädchen der rechte Arm fehlt.

Ihr Vater hat ihn ausgerissen. Aus Wut darüber, dass die Tochter lieber als fromme Einsiedlerin in einer Höhle leben wollte, als standesgemäß zu heiraten. Das war vor 1400 Jahren. Seitdem ruht die Königstochter in der Kirche von Haßmersheim-Hochhausen, die mittlerweile ihren Namen trägt: Notburgakirche.

Im Mittelalter wallten die Pilger in Scharen zum Grab der Notburga

Es muss eine Zeit gegeben haben, bevor die Autostraße am Fluß gebaut wurde, da war Hochhausen der Inbegriff des romantischen Neckartals. Unten plätscherte der Fluß. Oben auf einem Felsvorsprung thronte erst eine stattliche Burg, dann ein verwunschenes Barockschloss. Und auf halber Höhe reckte ein gotisches Landkirchlein seinen spitzen Turm gen Himmel. Idylle pur.

Die Königstochter Notburga starb um das Jahr 630. Das Grabmal ist 700 Jahre jünger.

Kein Wunder, dass die Pilger des Mittelalters in Scharen nach Hochhausen wallten, um am Grab der Notburga zu beten. Wobei es niemanden störte, dass kein Papst diese Notburga je heilig gesprochen hat. Für die Herren Horneck von Hornberg war der Pilgerstrom ein Geschenk Gottes. Die Ritter nämlich plagten Geldsorgen. Eigentlich wollten sie deshalb fahrende Kaufleute ausrauben, doch die Bewirtung der Notburga-Pilger erwies sich als ebenso lukrativ. Weshalb die Ritter tüchtig investierten. Innerhalb eines Jahrhunderts wurde aus der schlichten Kapelle ein Schatzkästchen voller hochwertiger sakraler Schmuckstücke.

Gotische Steinmetzkunst vom Feinsten: Selbst der Faltenwurf des Kleides sitzt perfekt

Das steinerne Grabrelief der Notburga ist gotische Steinmetzkunst vom Feinsten. Selbst der Faltenwurf des Kleides sitzt perfekt. Über dem Grab der Königstochter wölbt sich seit 1340 ein Chor mit phantastischen Wand- und Deckenmalereien. Die Wandbilder an der Nordwand, die einst die Sage der Notburga erzählten, haben die Reformatoren leider übertüncht und fast zerstört.

Lebensgroß seit 1499: Hans Neidhard Horneck von Hornberg mit Gattin

Dafür steht an der Nordwand lebensgroß, lebensecht und unversehrt Hans Neidhard, der geschäftstüchtigste der Herren Horneck von Hornberg nebst Gattin. 1499 wurde das Paar in Stein gemeiselt. Bartholomäus Horneck von Hornberg, ihr Sohn, ließ den spätgotischen Flügelaltar bauen, der bis heute den Chor ziert. Leider nur noch in einer verkleinerter Version. Das Original haben klassizistische Restauratoren 1825 zerstört. Trotzdem ist der Altar wunderschön.

1508 war das Langhaus vollendet. 1530 führten die Herren Horneck von Hornberg die Reformation ein, damit war es vorbei mit den Wallfahrten. Die Notburgakirche diente fortan als evangelische Gemeindekirche. 1734 starb das Geschlecht derer von Horneck von Hornberg aus. Im Schloss resdieren seither die Herren von Helmstatt.

Seit einem Jahr hüpft Notburga wieder. Im quietbunten Kleid – mit zwei Armen

Auf halber Höhe über dem Neckar reckt die Notburga-Kirche ihren Turm gen Himmel.

708 Einwohner zählt Hochhausen. Es ist der zweitgrößte Ortsteil von Haßmersheim. Was nicht gerade nach einem Standort für moderne Kunst klingt. Doch genau das ist die Notburga-Kirche. 1984 hielt ein Aluminiumrelief des avantgardistischen Bildhauers Jürgen Goertz Einzug ins gotische Gotteshaus am Neckar. „Der verlorene Sohn“ ist ein späteres Werk des 78-jährigen Künstlers. Sanfter, einfühlsamer als seine frühen provokanten Arbeiten. Das Gesicht des verlorenen Sohns kann man sogar als Selbstbildnis des Künstlers deuten.

Und dann kam noch das Ostfenster. Auch das hat Jürgen Goertz gestaltet. 2016. Man sieht: Notburga. Fröhlich hüpfend im quietschbunten Kleid. Mit linkem und mit rechtem Arm. Jürgen Goertz hat das Fenster signiert. „Notburga wieder mit zwei Armen“, steht da zu lesen. „Gott sei Dank.“

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